Es gibt Produkte, die keiner braucht – und trotzdem jeder haben will. Im Spielzeugregal zeigt sich das ganz besonders: Plötzlich suchen Kinder überall nach kleinen Monstern mit spitzen Ohren, tauschen Pokémon-Karten oder erklären radierbare Gel-Tintenroller mit Tiermotiven zum Objekt der Begierde. Zuletzt waren es „Labubus“. Heute ist es eine Teigtasche. „Squishy Dumplings“ heißen die weichen, zusammendrückbaren Spielzeuge, die entfernt an jene Stressbälle erinnern, die sonst gern als Werbegeschenke verscherbelt werden, um später in irgendwelchen Schubladen zu verschwinden.
Nur sehen diese Stressbälle eben aus wie gefüllte Teigtaschen. Essbar sind sie nicht, dafür lassen sie sich drücken, sammeln und tauschen. Offenbar reicht das schon aus, damit Kinder und Jugendliche wie verrückt danach suchen. In manchen Geschäften ist die Nachfrage inzwischen so groß, dass die Händler mit dem Nachbestellen kaum hinterherkommen.
Das Prinzip der Ungewissheit
Alina Otto arbeitet in so einem Geschäft. Bei „Carl Otto Spiel und Freizeit“ in Delmenhorst gibt es Brettspiele, Schulranzen – und eben Dumplings. Bei Letzteren könnten sie sich vor Nachfrage kaum retten, sagt Otto. Alle drei Tage müsse sie bei ihrem Lieferanten nachbestellen. „Es ist unfassbar.“ Erst vor ein paar Tagen kam wieder eine neue Lieferung.
Das Phänomen erklärt sich Otto mit dem Prinzip der Ungewissheit. „Mystery ist ein ganz großes Ding bei Spielzeugen“, sagt sie. Denn ähnlich wie bei den Labubus und anderen Trendprodukten kauft man zunächst ein Produkt, bei dem man nicht genau weiß, was darin steckt. Natürlich, ein Dumpling – aber eben nicht, in welcher Farbe oder Variante. Manche gelten als besonders selten. „Alle wollen einen der Secrets“, sagt Otto. Dazu zählen Dumplings, die nur in geringen Mengen produziert werden, etwa glitzernde Teigtaschen. Da die Dumplings in kleinen Bambuskörbchen aus Plastik verpackt sind, weiß kein Kunde vor dem Kauf, welche Variante er bekommt.
Nur nicht jeder wartet geduldig ab: Am Anfang rissen viele Kunden die Verpackungen heimlich auf, um einen Blick auf die Farbe zu riskieren, sagt Otto. Heute stehen die Dumplings deswegen hinter der Kasse. „Wir wollen, dass es fair zugeht.“ Ein Dumpling kostet, je nach Größe, zwischen 2,99 und 8,99 Euro.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Familie Otto entdeckte das Produkt genau dort, wo der ganze Trend angefangen hat: in den sozialen Medien. „Wir haben es auch über Tiktok mitbekommen“, sagt Alina Otto. Dort filmen sich Jugendliche und Kinder, wie sie in Geschäften nach den Dumplings suchen. Andere machen Tauschvideos oder öffnen ihre Verpackungen vor laufender Kamera. Das Auspacken wird selbst zum Ereignis: Welche Farbe ist es? Glitzernd? Selten? Oder doch nur ein Dumpling, den alle schon ein Dutzend Mal besitzen?
Es sind aber längst nicht nur die Teigtaschen, an denen sich die Kinder erfreuen. Die sogenannten Squishies, also zusammendrückbare Spielzeuge, gibt es gerade in allen Formen und Farben: als Käse, als Butter, als Eiswürfel. Manche sind weich, andere klebrig, alle zum Knautschen. Auch hier gibt es seltene Varianten, auch hier dutzendfache Videos in den sozialen Medien.
In Amerika ist der Trend schon seit Monaten groß, in Deutschland ist er inzwischen nicht mehr nur auf Tiktok zu sehen, sondern auch im Handel angekommen: „Squishies sind aktuell ein absoluter Trend, bereits seit dem letzten Jahr gibt es einige Marken, die auch bei Thalia sehr viel Aufmerksamkeit bekommen und bei uns stark nachgefragt werden“, sagt ein Sprecher der Buchhandlungskette Thalia. Auch bei Drogeriemärkten wie Müller oder Rossmann werden die Squishies längst verkauft. Und selbst im „Happy Meal“ der Fast-Food-Kette McDonald’s werden die Quetschfiguren momentan als Spielzeug dazugegeben.
Für Spielwarenhändlerin Alina Otto hat der Hype einen angenehmen Nebeneffekt: Er bringt eine Zielgruppe in den stationären Handel zurück, die dort sonst nur selten vorbeischaut: Teenager. „Es ist wirklich toll, diese Gruppe wieder in unseren Läden zu sehen“, sagt sie. Manchmal nehmen sie dabei sogar ein Gesellschaftsspiel mit. Das freut Otto dann besonders.
Wie lange der Trend anhält, weiß auch sie nicht. Trends kämen in Wellen, sagt sie, und man müsse wissen, wann man abspringt, sonst mache man irgendwann Verluste. „Wir Spielwarenhändler sind wie Surfer – man muss eine gute Welle erwischen und rechtzeitig wieder runterkommen.“
Der Dumpling-Hype hat zwar gerade erst angefangen. Trotzdem zeichnet sich für Otto schon der nächste Trend ab. Es sind wieder Squishies, diesmal von der Marke Needoh. In den USA sind sie schon ein Renner. Der Chef des Unternehmens, Paul Weingard, sagte einem amerikanischen Medium, dass sie in den „ersten neun Wochen des Jahres“ bereits den „gesamten Jahresbestand“ verkauft hätten.
Im Juli oder August sollen sie in Delmenhorst im Regal stehen. Die Teigtaschen werden dann vielleicht schon wieder überholt sein.
