
Könnte sich bald wiederholen, was vor einem Dreivierteljahr in Al-Faschir geschehen ist? Bei der Einnahme der westsudanesischen Stadt durch die RSF-Miliz im Oktober 2025 geschahen Massaker, die laut einer Untersuchungsmission der Vereinten Nationen „Anzeichen eines Völkermords“ aufwiesen. Mindestens 6000 Menschen wurden Schätzungen zufolge innerhalb von drei Tagen von den Milizionären und deren Verbündeten ermordet.
Jetzt sieht es so aus, als entwickele sich ein ähnliches Szenario rund 500 Kilometer weiter östlich: in Al-Obeid. Seit Monaten versuchen die „Schnellen Unterstützungskräfte“ (RSF) einen Belagerungsring um die Stadt zu komplettieren, die von der regulären Armee (SAF) gehalten wird. RSF und SAF kämpfen seit mehr als drei Jahren erbittert um die Macht in Sudan. Die Truppenkonzentrationen und verstärkte Drohnenangriffe rund um Al-Obeid dürften dazu dienen, eine Bodenoffensive vorzubereiten. Die Hauptstadt des Bundesstaates Nord-Kordofan ist strategisch wichtig gelegen.
Die Anzeichen seien „klar und unmissverständlich“, warnte kürzlich Volker Türk, der Menschenrechtshochkommissar der Vereinten Nationen: In Al-Obeid bahne sich „eine weitere Menschenrechtskatastrophe in Sudan“ an. Vor dem UN-Menschenrechtsrat beschrieb der österreichische Diplomat am Freitag die Lage in der und um die Stadt.
Es gibt kaum noch sauberes Wasser in Al-Obeid
Die hat sich in den vergangenen Wochen weiter verschärft. Zusätzlich zu etwa einer halben Million Einwohnern halten sich dort inzwischen knapp 100.000 Flüchtlinge auf. Die Organisation Save the Children teilte am Dienstag mit, in den vergangenen zwei Wochen seien in der Gegend rund 11.000 Menschen neu vertrieben worden, die Hälfte von ihnen Kinder. Auch in Al-Faschir waren zahlreiche Vertriebene zusammen mit den Bewohnern eingekesselt gewesen.
Türk hob die Folgen der zunehmenden Drohnenangriffe hervor, die von beiden Kriegsparteien ausgehen: Schulen, Märkte, Tankstellen, Autos würden getroffen. Allein in drei Wochen im Juni seien mindestens 45 Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet worden.
Viele Attacken gelten militärisch wichtigen Anlagen wie Treibstoffdepots und Waffenlagern. Aber auch die zivile Infrastruktur wird zum Ziel, um dem Gegner Schaden zuzufügen. Die Folge ist, dass es laut UN-Angaben beispielsweise kaum noch sauberes Wasser in Al-Obeid gibt. Gerade zu Beginn der Regensaison, wenn Krankheiten wie Cholera sich leichter ausbreiten, ist das hochgefährlich. Auch die Stadt zu verlassen, birgt jedoch große Risiken: Türk verwies auf Berichte über Raube, willkürliche Festnahmen, Misshandlungen, Entführungen und Tötungen in der Region.
Al-Obeid ist seit Langem umkämpft. Schon zu Beginn des im April 2023 ausgebrochenen Krieges hatten die RSF der Eroberung der Stadt große Bedeutung zugemessen. Dort befinden sich eine Luftwaffenbasis und der Stützpunkt einer Infanteriedivision. Eine erste, monatelange Belagerung durch die RSF wurde im Februar 2025 durch die SAF durchbrochen.
Das „nächste logische Ziel“ der RSF-Miliz
Nachdem die RSF im vergangenen Herbst praktisch den gesamten Westen Sudans unter ihre Kontrolle gebracht haben, gibt es nun einen weiteren Versuch, Al-Obeid einzunehmen. Direkt im Anschluss an die Eroberung Al-Faschirs verlegten die RSF Kräfte nach Zentralsudan. Derzeit wird die Stadt im Norden, Westen und Süden belagert. Die Armee verstärkte ihre Präsenz, musste im Frühjahr aber Kräfte wieder abziehen, weil sie an einer anderen Front benötigt wurden.
Aus der Sicht von Analysten ist Al-Obeid das „nächste logische Ziel“ der RSF. Denn die Stadt liegt am Kreuzungspunkt von zwei wichtigen Verbindungsachsen: Eine führt von Al-Faschir und Darfur im Westen bis zum dicht bevölkerten Niltal. Die andere führt von der Hauptstadt Khartum in den Süden – wo sich die wichtigsten Ölfördergebiete befinden. Diese wurden Ende 2025 von den RSF eingenommen.
Eine Eroberung Al-Obeids würde der Armee, die den Osten Sudans kontrolliert und im Frühjahr 2025 auch Khartum vollständig zurückeroberte, gleich mehrfach schaden. Die Stadt ist einer der wichtigsten Stützpunkte der SAF und das Einfallstor für weitere Gebiete in Zentralsudan. Khartum ist weniger als 400 Kilometer entfernt. Zugleich würden die RSF mit den Überlandstraßen auch Lieferungen wichtiger Güter kontrollieren – sowohl von militärischem Nachschub als auch von Hilfsgütern.
Zusammengenommen könnte die Eroberung der Stadt dazu beitragen, das grundsätzliche Patt zwischen den Kriegsparteien zu durchbrechen. Mindestens aber würden die RSF die bestehende Teilung des Landes und ihre Herrschaft im Westteil konsolidieren.
Fachleute sehen „Warnzeichen für weitere Gräueltaten“
Die größte Besorgnis vieler gilt derzeit aber den Zivilisten in der Stadt. Bei den Vereinten Nationen und in anderen Foren wird immer wieder warnend auf das Beispiel Al-Faschirs verwiesen. Was sich dort Ende Oktober abspielte, wurde am Mittwoch in Genf noch einmal verdeutlicht. Die „Unabhängige internationale Untersuchungsmission für Sudan“ legte einen Zusatzbericht zu ihrem Bericht „Anzeichen für einen Völkermord in Al-Faschir“ vom Februar vor. Er enthält weitere Belege und Informationen zu „Massenmorden, brutaler sexueller Gewalt einschließlich Massenvergewaltigungen sowie der systematischen Entführung von Frauen und Mädchen“. Tausende seien inhaftiert, gefoltert oder als Geiseln festgehalten worden – oder einfach verschollen. Die RSF haben solche Vorwürfe zurückgewiesen.
Auch die drei Mitglieder der Untersuchungsmission zogen eine Verbindung zwischen den Geschehnissen vom Oktober und dem Schicksal, das den Bewohnern von Al-Obeid drohen könnte. Man dürfe die „Lehren von Al-Faschir“ nicht ignorieren, hob Mona Rishmawi hervor: Die Einkreisung von Städten, Angriffe auf zivile Infrastruktur, Einschränkungen des Zugangs für humanitäre Hilfe und eskalierende Gewalt gegen Zivilisten seien „Warnzeichen für weitere Gräueltaten“.
Manche Analysten heben dagegen die Unterschiede zwischen Al-Faschir und Al-Obeid hervor und glauben nicht, dass die Stadt in absehbarer Zeit fallen wird. Aufgrund des von den SAF gehaltenen Versorgungskorridors im Osten gebe es in Al-Obeid „eine strategische Pattsituation“, sagt Nohad Eltayeb von der amerikanischen Denkfabrik ACLED. Sie geht von einem anhaltenden „Zermürbungskrieg“ aus. Für die Bewohner bedeute das anhaltende Kämpfe und Drohnenangriffe.
Menschenrechtshochkommissar Türk sagt dagegen, die Situation in der Stadt komme schon jetzt einer „Alarmstufe Rot“ gleich. Er appellierte an die internationale Gemeinschaft: Die Angelegenheit müsse „auf den Schreibtischen der Staats- und Regierungschefs weltweit landen“, es brauche „Ideen, wie man Gräueltaten in Al-Obeid und an anderen Orten in Kordofan verhindern kann“.
