In seinem neuen Buch „Oper in Bewegung“ formuliert der Opernforscher Reinhard Strohm die These, Arien seien vor allem Darstellungen ihrer selbst und durch sie selbst. Beim Singen ebenso wie beim Hören komme es auf das aktive „Mitgehen“ an — dies kennt wohl jeder, der schon einmal gespannt auf der Stuhlkante gesessen hat, um dem Vortrag einer Arie zu lauschen. Mozart selbst schätzte den „stillen Beyfall“. Und der zeitgenössische Komponist Francesco Filidei („Accabadora“, F.A.Z. vom 6. Juli) ist überzeugt, dass keine Künstliche Intelligenz die Erfahrung ersetzen könne, wenn Hunderte von Zuhörern sich versammeln, um eine nicht verstärkte Stimme zu hören.
Bei der ereignisreichen „Zauberflöte“ unter freiem Abendhimmel im Théâtre de l’Archevêché in Aix gibt es viele Anlässe zu freudigem, auch staunendem Beifall. Eine sehr gute Sängerriege wird getragen von einem exzellenten Orchester, das seismographisch genau mitgeht bei den schnell wechselnden Emotionen auf der Bühne. Für die Cappella Mediterranea, die mit ihrem Leiter Leonardo García-Alarcón beim Monteverdi-Festival in Cremona jüngst eine elektrisierende „Marienvesper“ musiziert hat, ist der Orchestergraben recht hoch eingestellt. So entsteht ein körperhafter Klang, wie ein leicht aufgerautes Relief in wechselnder Beleuchtung. Die Cappella ist das Gegenteil einer homogenen Masse, man hat den Eindruck, als sei sie ein lebendiges Wesen mit eigenen Gedanken.
Für die Liebenden wird die Zeit angehalten
Geradezu erschütternd lässt sich dies erfahren bei Paminas todtrauriger Arie „Ach, ich fühl’s, es ist verschwunden“. Die Musiker finden, wie so häufig an diesem Abend, genau das richtige Tempo für die gesanglichen Gesten der Trauer, der Auflehnung und der Resignation. Die Streicher beginnen das Andante mit einer schlichten, auftaktigen Figur, die sich durch die Arie zieht wie ein unausweichlicher, bedrückter Herzschlag; darüber spannt sich der ausdrucksvolle Gesang von Ying Fang.

Die chinesische Sopranistin begegnet der gefürchteten „Einfachheit“ der mozartschen Musik mit makelloser Intonation, einem edlen Timbre und souveräner Phrasierung. Durch ihre wie innerlich leuchtende Intensität werden auch das Duett mit Papageno, das aufgewühlte Terzett mit Tamino und Sarastro und das Quartett mit den drei Knaben, die Pamina vor Selbstmord bewahren, zu musikalischen Höhepunkten. Ein besonders inniger Glücksmoment gelingt kurz vor den Prüfungen mit Paminas „Tamino mein, o welch ein Glück!“; hier wird die Zeit angehalten, damit sich die beiden Liebenden das erste Mal frei und offen ansehen können.
Denn bisher sind sie ja unentwegt konfrontiert und bedroht worden: von der Schlange, dem Bösewicht, der Mutter, dem Oberaufseher Sarastros, dem Sprecher der Eingeweihten, dem Schweigegebot. Richtig finster wird es für Tamino bei dem Gesang der beiden „Geharnischten“, die im Oktavabstand einen archaischen Cantus firmus intonieren: „Der, welcher wandert diese Straße voll Beschwerden“. García-Alarcón dirigiert das mysteriöse Stück mit den dicht gewebten Mittelstimmen so eindringlich wie eine sündenzerknirschte Bach-Kantate. Dadurch verweist er auf Mozarts eigenes Interesse an historischer Musik sowie auf die erregende Stilvielfalt der Partitur. Der oft übersehene Priestermarsch mit den Posaunen auf der Bühne klingt in Aix so kostbar wie ein goldenes Schmuckstück.
Die „Zauberflöte“ mit ihrer langen Rezeptionsgeschichte und dem oft bemühten Überbau aus ägyptischer Mythologie, Freimaurertum, Aufklärungsdenken oder sehr weitgehenden Psychologisierungen kann für Regisseure zum Problem werden. Clément Cogitore bekannte in der Zeitung „Le Monde“, dass er große Lust gehabt habe, das Werk zu inszenieren, aber auch „beaucoup de peur“ (große Furcht). Dabei schlägt er sich respektabel, vor allem dann, wenn er seinen Sinn für Komik zulässt. Die beiden „Geharnischten“ etwa werden in massive Raumfahrtanzüge gesteckt (Kostümbild Wojciech Dziedzic), was in schrägem Kontrast zu dem altertümlichen Gesang steht. Lacher erntet die Szene mit dem Glockenspiel, „Das klinget so herrlich“, wenn mit Schlagstöcken bewaffnete Aufseher in Trance geraten, weil sich eine kleine Ballerina anmutig im Takt dreht. Der Chœur de Chambre de Namur singt famos.
Sarastros Welt zu kritisieren, ist nicht neu, die Rituale der Eingeweihten zu ironisieren, wirkt erfrischend: Als omnipotenter Großinquisitor — Sonnenbrille, Blindenstock — sitzt Sarastro (Brindley Sherrat, mit schlank geführtem Bass) an einem Schreibtisch mit drei Telefonen, als Klingelton hören wir die drei feierlichen Bläsersignale.
Paminas Retter hisst die Segel
Während der Männerbund sich selbst genügt, ist die Königin der Nacht in Cogitores Inszenierung eine durch Verlust traumatisierte Frau, in ihren drei Damen erkennt man desillusionierte Trümmerfrauen. Zur ersten Arie „Zum Leiden bis ich auserkoren“ sehen wir in einem Film, wie ein Boot in idyllischem Abendlicht davonfährt — die Entführung ihrer Tochter. Daraufhin hisst ein Junge die Segel eines zweiten Bootes, reckt ein Schwert in die Höhe und fährt als Retter Paminas hinterher — eine Entsprechung zum nunmehr optimistischen Gesang der Königin –, Sabine Devieilhe meistert die Koloraturen bravourös.
Der Grundgedanke, die Geschichte der „Zauberflöte“ als ritterlichen Traum eines zehn Jahre alten Tamino anzulegen, der auszieht, die gleichaltrige Pamina zu retten, hat viel für sich, vor allem durch das kindlich direkte Spiel und den unverstellten Sinn der gesprochenen deutschen Sprache, die für ein internationales Sängerteam stets herausfordernd ist.
Es passiert also sehr viel auf der Bühne. Musste der Videokünstler Cogitore seine Furcht vor dem Meisterwerk in einer Flut von dokumentarischen Filmausschnitten ertränken, die parallel ablaufen? Bei all den Sinneseindrücken geht der erwachsene Held Tamino (Mauro Peter mit innigem Tenor) etwas unter, der so viel auf dieser Reise lernt, doch man ist nicht sicher, als wer er ankommt. Papageno aber (hervorragend Sean Michael Plumb) findet Papagena (Emma Fekete), hier strahlt das Glück.
Warum das Festival die szenische Produktion von Mozarts „Requiem“ wieder aufgenommen hat, erschließt sich nicht. Die Inszenierung von Romeo Castellucci war schon 2019 umstritten; sie ähnelt einem lebenden Gemälde mit geistreichen Textbotschaften. Der großartige Chor Pygmalion tanzt, das gleichnamige Orchester (Leitung Raphaël Pichon) klingt im Unterschied zur Cappella Mediterranea unkonturiert.
