
Juristisch ist der tödliche Angriff auf einen Zugbegleiter in einer Regionalbahn nach fünf Monaten zumindest vorläufig zu einem Abschluss gelangt. Ob die zehnjährige Haftstrafe für den Täter ein „Fehlurteil“ ist, wie die Angehörigen des Opfers meinen, wird wohl der Bundesgerichtshof klären müssen. Keine juristische Expertise erfordert hingegen die politische Debatte nach der Gewalttat.
Wer sie verfolgte, konnte bisweilen den schrägen Eindruck gewinnen, dass die Bahn mindestens eine Mitschuld an der Gewalttat trage: Da wurde gefragt, warum sie nur so altmodisch an peniblen Fahrkartenkontrollen festhalte. Warum sie die Passagiere nötige, neben ihrer Fahrkarte auch noch ihren Personalausweis hervorzukramen, statt ein Ticket mit Passbild anzubieten. Da dürfe man sich doch nicht wundern, wurde suggeriert, wenn dem ein oder anderen eben mal die Hutschnur platzt.
200 neue Sicherheitsleute und mehr Bodycams sind nicht genug
Die Deutsche Bahn trug zu dieser Karikatur bei, indem sie als Reaktion die verpflichtende Ausweisüberprüfung in Regionalzügen im Rahmen von Fahrkartenkontrollen aufhob. Aber auch Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder stieß damals ins gleiche Horn. Der CDU-Politiker rechnete vor, man könne die Zahl der Gewalttaten um 18 Prozent senken, wenn man auf Ausweiskontrollen verzichte. Keine Frage: Pragmatische Ansätze zur Gewaltprävention können hilfreicher sein als die populistische Pose des harten Sheriffs, die dann in der Praxis nur Wahlkampfgetöse bleibt. Es ist auch nicht so, als ob die Bahn sonst nichts unternommen hätte, um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu verbessern.
Aber 200 zusätzliche Mitarbeiter für den Sicherheitsdienst, mehr Bodycams, eine verstärkte Videoüberwachung und weniger Ausweiskontrollen ändern nichts daran: Der tödliche Angriff auf den Zugbegleiter ist eben auch Ausdruck eines um sich greifenden Respektverlustes. Darunter leiden Bahnmitarbeiter ebenso wie Feuerwehrleute, Polizisten, Lehrer und politische Amtsträger. Und Respekt verschafft man ihnen nicht dadurch, dass die Zahl der Einsätze reduziert wird. Das wäre ein Fehlurteil.
