Die Frau im Sportdress trägt schwer an dem würfelförmigen Rucksack eines Essenslieferdienstes, den sie auf die Schultern geschnallt hat: Kaum mit einem Tretroller ins Blickfeld geraten, wirft sie sich rücklings auf das Gepäck, ringt und tanzt mit ihm, als wäre das eine neue Fitnessübung für Ausgebeutete und Selbstoptimierer zugleich. Dann hockt sie sich breitbeinig hin und mampft aus einem mitgebrachten Gefäß Spaghetti in sich hinein. Holde Weiblichkeit? Hat sich gegessen.

„Make Your Body Your Machine“, mache deinen Körper zu deiner Maschine, heißt die Performance von Ernestyna Orlowska, die bei der Eröffnung der Ausstellung „Labouring Bodies“ im Basler Museum Tinguely zu sehen war. Die Künstlerin inszeniert das Hohlrollen eines menschlichen Leibes, wie er millionenfach als somatisches Anhängsel für den reibungslosen Ablauf digitaler Order-Apps notwendig ist – bevor dann vielleicht bald Drohnen oder Roboter die Versorgung übernehmen.
Dass hier eine Frau aus dem Gleis springt, ist das Gender-Upgrade obendrauf, soll der weibliche Körper doch, um als perfekt funktionierend zu gelten, jung, schön, fürsorglich und gepflegt sein, fit, verführerisch, leistungsfähig und lebensspendend, also rundum ein Gewinn für Gesellschaft und Wirtschaft. Orlowskas Performance über das, was Leib und Seele in Zeiten der Gig-Economy zusammenhält, erinnert von ferne an eine Szene aus Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“, in der der arme, zum Fabrikarbeiter gewordene Tramp zwecks Nahrungsaufnahme in eine Fütterungsmaschine eingespannt wird. Der Mann beißt sich durch, die Frau liefert.
Als Postergirl der Ausstellung verkörpert die Performerin den Anspruch der Gruppenschau, das Verhältnis von Körper und Maschine seit der Industrialisierung in den Blick zu nehmen – aus künstlerischer Perspektive und mit feministischer Ausrichtung. Denn während der Arbeiter in der westlichen Kunstgeschichte ein vertrauter Anblick ist, muss man schon etwas genauer hinschauen, um Rollenbilder der Frau an Apparaten zu sehen.

Mit rund vierzig Werken, die von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart datieren, führt die Schau in die Fabrik, an den Webstuhl, in das Büro oder die Gynäkologie. Schon die erste Installation, Ani Lius Arrangement aus von einer weißen Flüssigkeit durchströmten Schläuchen, weist auf die Ambivalenz der weiblichen Mensch-Maschine-Beziehung hin: „Feeding Through Space and Time“ (2022) bezieht sich auf Muttermilchpumpen für Stillende, die mehr individuelle Freiheit schaffen, aber auch eine intime physische Beziehung durch mechanisch induzierte Herstellung ersetzen und so die rasche Eingliederung der Mutter ins Erwerbsleben begünstigen.
Zwischen Emanzipation und Deformierung
Es hat eben alles zwei Seiten: Berufstätigkeit war und ist für Frauen auch im Zeitalter der Maschinisierung ein Mittel der Emanzipation und Selbstbestimmung. Die Ausstellung lenkt den Blick sozialkritisch auf die Deformierungen und Zwänge, die damit einhergehen.
In einer Fotografie Evelyn Richters aus einer DDR-Spinnerei im Jahr 1970 wirkt das Gesicht der Arbeiterin wie eine weitere Spule im Getriebe. Auf einer 1926 entstandenen Aufnahme von Schreiberinnen im Haupttelegraphenamt Berlins wird getippt wie in einer Legebatterie, und der um 1928 von Alice Lex-Nerlinger abgelichteten Sektretärin setzt die Schreibmaschine einen festen Rahmen um den Arbeitskörper.

Passend dazu schlägt Rebecca Horns Schreibapparatur „Erika“ (1992) an und scheint Jean Tinguely eine „Olympia“-Schreibmaschine (1960) zum Explodieren gebracht zu haben – Namensvetterin der 1816 von E. T. A. Hoffmann erdachten Automatenfrau. Maschinengleich ironisiert und erotisiert hat sich in den Siebzigerjahren die britische Künstlerin Helen Chadwick, indem sie sich tragbare Plastiken in Form von Haushaltsgeräten überzog: Heimchen im Herd als lächelnder Cyborg.
Eine überschaubare Ausstellung wie „Labouring Bodies“ kann nicht erschöpfend sein; ihre Stärke liegt in der assoziationsreichen, pointierten Auswahl. Der englische Titel – arbeitende oder gebärende Körper – gilt Frauen zwischen Produktion und Reproduktion, Lohnarbeit und unbezahlter (oder unbezahlbarer) Fürsorge. Als vergnügungstempelgleich begehbares, technomediales Überwesen inszenierten sie Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely und Per Olof Ultvedt 1966 in der bekannten „HON“-Installation, die in Basel durch eine Zeichnung vergegenwärtigt wird. Die Technisierung der Gebärfähigkeit scheint in Kiki Kogelniks Bild „Mechanical Woman IV“ von 1965 ebenso auf wie in Tabita Rezaires Videoinstallation „Sugar Walls Teardom“ von 2026, deren Betrachter sich unbehaglich in einem Untersuchungsstuhl aus der Frauenarztpraxis niederlassen können.
Die Frau als Gebärmaschine
Von einem Mann aber stammt der aggressivste Angriff auf die Gefährdung des körperlichen Selbstbestimmungsrechts von Frauen als „Gebärmaschinen“: John Heartfields Fotocollage „Zwangslieferantin von Menschenmaterial“ von 1930 zeigt eine hochschwangere Arbeiterin vor dem Leichnam eines Kindes neben einem Gewehr. Haltlos im unbestimmten Raum schweben dagegen Mutter und ungeborenes Kind in einer Collage der Südafrikanerin Frida Orupabo aus dem Jahr 2020.

Die Ausstellung hätte noch viel Weiteres aufrufen können, von der Maschinenfrau aus Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ über Käthe Kollwitzʼ Darstellungen von Arbeiterinnen bis hin zu der Künstlichen Intelligenz aus Spike Jonzes Film „Her“. Die gegenwärtige, in eine KI-Revolution übergehende digitale Transformation wirft die Fragen nach den Machtverhältnissen zwischen Mensch und Maschine mit neuer Dringlichkeit auf, nach Grenzen zwischen Biologie und Technik, der Würde der Arbeit – und danach, wer letztlich am längeren Hebel sitzt.
Eine dokumentarische Videoarbeit wie die Alexandra Navratils von 2016, in der die Hände früherer Arbeiterinnen einer volkseigenen Filmfabrik in der DDR über nun stillstehende Apparaturen tasten, wirkt vor diesem Hintergrund fast schon nostalgisch, obwohl sie keinen Anlass zur Sentimentalität gibt. Die Frauen mussten stundenlang im Dunkeln arbeiten; im Licht der Aufnahmen werden ihre Berührungen als Akte des Erinnerns sichtbar, haben aber wenigstens noch ein greifbares Gegenüber.
Nur mehr ein körperloses Auge in einem Display stellt dagegen in einer Installation Daniela Bruggers die Kontrolltätigkeit von Billiglohnarbeiterinnen dar, die im Dienste der Digitalwirtschaft für Menschen psychisch belastende Jobs übernehmen – wie pornographisches Material aufzuspüren und zu löschen oder KIs zu trainieren, um sich selbst überflüssig zu machen. Die Diskussion über die Zukunft der Maschinenarbeit hat gerade erst begonnen. Nicht nur für Frauen.
Labouring Bodies, Basel, Museum Tinguely, bis zum 8. November. Der gedruckte Katalog kostet 39 CHF; eine digitale Version ist kostenlos abrufbar.
