Zwei Meter vor dem Loch geht Nico Guldan in die Hocke, stützt sich auf dem Schläger ab, schaut konzentriert auf sein Ziel. Kalkuliert, in welchem Winkel und mit wie viel Druck er den Ball schlagen muss. Wie das Gefälle auf dem Grün die Laufbahn verändert. Dann der Schlag. In einer leichten Rechtskurve rollt der Ball über den Rasen und verschwindet mit einem leisen Plopp im Loch. Golf ist wie Skifahren auf einem Hang voller Neuschnee. Die kleinste Bewegung kann große Auswirkungen haben, vor allem beim Putt, dem kürzesten, aber wichtigsten aller Golfschläge. Den Ball einzulochen, das muss auch ein Weltmeister wie Guldan regelmäßig üben. Auch bei 38 Grad Celsius im Schatten.
An einem der heißesten Tage des Jahres trainiert Guldan im Frankfurter Golf Club (FGC) im Stadtteil Niederrad. Der Golfclub ist einer der ältesten in Deutschland, Gründungsjahr 1913. Die Sonne brennt unbarmherzig auf den Rasen, es riecht nach Kiefernholz und Gummiboden. Mit dem Vogelgezwitscher und dem dumpfen Abschlag der Golfbälle wirkt die Anlage wie ein Ort der Ruhe und Entschleunigung. Wären da nicht die brüllenden Triebwerke der Flugzeuge, die vom nahe gelegenen Flughafen aus starten.
Seit der Geburt gehörlos
All das mit allen Sinnen wahrnehmen zu können, ist für Guldan keine Selbstverständlichkeit. Der 27 Jahre alte Golfspieler ist seit seiner Geburt gehörlos. Dass er trotzdem hören kann, verdankt er seinen Cochlea-Implantaten. Eins hinter dem rechten, das andere hinter dem linken Ohr. Graue Sprachprozessoren, die wie Hörgeräte aussehen, sind über Magnete mit den Implantaten unter der Haut verbunden. Diese wandeln die akustischen Signale in elektrische Impulse um, die den Hörnerv stimulieren. Das ermöglicht ihm ein Leben fast ohne Einschränkungen. Nur in lauten Umgebungen habe er manchmal Schwierigkeiten, alles zu verstehen, sagt Guldan.
In seiner Familie ist er der Einzige, der gehörlos ist. Das erste Cochlea-Implantat bekam er mit 18 Monaten, das zweite mit drei Jahren. „Das hat mir das Leben enorm vereinfacht. Ich habe schon früh hören und gut sprechen können“, sagt Guldan. Später besuchte er bis zur zehnten Klasse eine Hör- und Sprachheilschule. „Weil dort die Räume besser schallgedämpft sind, mit maximal 15 Kindern in einer Klasse, sodass man gut mitkommt und alles verstehen kann.“

Bei Turnieren im Gehörlosengolf muss er die Sprachprozessoren abnehmen, damit alle Teilnehmer unter den gleichen Bedingungen spielen. „Dann bin ich von Anfang bis Ende gehörlos. Das kann ein Vorteil sein, weil Lärm mich nicht beeinflusst“, sagt Guldan. „Es kann aber auch ein Nachteil sein. Über lange Strecken hinweg ist es mental sehr anstrengend, fünf Stunden auf dem gleichen Level an Konzentration zu spielen, ohne sich ablenken zu können.“ Im Gehörlosengolf hat er schon fast alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Sechsmal die deutsche Meisterschaft, 2023 die Europameisterschaft, 2022 wurde er Weltmeister. Nur der Titel bei den Deaflympics, die vom Internationalen Olympischen Komitee anerkannt sind und immer ein Jahr nach den Olympischen Spielen veranstaltet werden, fehlt ihm noch.
Nächstes Ziel: Final Four
Kein Wunder also, dass irgendwann die Bundesliga an die Tür klopfte. Seit dieser Saison spielt Guldan als Teil der Frankfurter Herrenmannschaft in der Ersten Bundesliga Süd der Deutschen Golf-Liga (DGL). Als er angesprochen wurde, ob er Teil der Frankfurter Mannschaft werden wolle, sei ihm die Entscheidung nicht schwergefallen: „Das stand tatsächlich gar nicht auf meiner To-do-Liste, aber wenn sich so eine Möglichkeit ergibt, macht man das natürlich. Und die Spieler waren alle, wie sagt man als Jugendlicher, voll korrekt.“
Das Ziel der Frankfurter: ins Final Four kommen, „am liebsten auch deutscher Meister werden“, sagt Guldan. Beim Duell der vier, das im August in München stattfindet, spielen die vier besten Teams der Süd- und Nordgruppe um den Titel. Von den fünf Spieltagen sind vier schon absolviert, der letzte entscheidende findet am 18. Juli statt. Im vergangenen Jahr verpasste Frankfurt den Einzug ins Final Four um einen Tabellenplatz, in dieser Saison liegen sie bisher auf Rang zwei.

Damit das so bleibt, trainiert Guldan auch an einem heißen Junitag wie diesem. Nach den Putts sind die Chips und Pitches dran. Beim Chip fliegt der Ball nur kurz und rollt dann weit über das Grün. Der Pitch wird dagegen hoch gespielt, etwa um Hindernisse zu überwinden. Bevor er den Ball schlägt, testet Guldan seine Technik: In welchem Winkel trifft der Schläger auf den Ball? Kommt er steil von oben oder streift flach das Gras? Ist die Schlagfläche offen oder geschlossen? Die Antworten auf diese Fragen bestimmen, wie gut sein Abschlag am Ende sein wird. Für Guldan ein Automatismus.
Ein zotteliger brauner Stofftierhund schützt den wichtigsten seiner Schläger. Den Driver, mit dem man die längsten Schläge macht. Seine Eltern haben ihm den Überzug geschenkt. „Weil ich sie immer vollgejammert habe, dass ich einen Hund haben wollte. Aber ich wollte natürlich einen richtigen Hund.“ Einen Namen hat das Kuscheltier nicht, obwohl es ihn schon zu unzähligen Wettkämpfen begleitet hat. Auch seine Eltern sind oft bei den Turnieren dabei, sein Vater meistens als Caddie. So auch an seinem ersten Spieltag in der Bundesliga im Mai. „Das hat natürlich gegen die Nervosität geholfen und dafür gesorgt, dass ich einen richtig guten Start in die Liga hatte“, sagt Guldan.
„Golf ist eine Ganzkörperbelastung“
Vor ihm hatte niemand in der Familie Golf gespielt, sein Vater ließ sich jedoch später vom Sohn inspirieren, selbst damit anzufangen. Ein paar Mal im Jahr stehen sie gemeinsam auf dem Platz, wenn es Guldans Terminkalender zulässt. Aufgewachsen ist er in Zweiflingen, einem Ort mit knapp 2000 Einwohnern in der Nähe von Heilbronn. Wenn er spricht, lässt sich sein schwäbischer Singsang nicht verbergen. Das habe er „mehr aufgeschnappt“ als das Fränkische, das im Hohenlohekreis eigentlich gesprochen wird. Bis heute trainiert er im Golf-Club Heilbronn-Hohenlohe, nur sechs Minuten wohnt er vom Golfplatz entfernt.
Hauptberuflich arbeitet Guldan als Technischer Produktdesigner bei einem Unternehmen, das Industriearmaturen herstellt. Seit elf Jahren ist er dort beschäftigt, mit 16 hat er seine Ausbildung dort gemacht. Damit er mehr Zeit fürs Training hat, arbeitet er in Teilzeit. Doch Golf ist teuer: die Reise- und Hotelkosten, die Ausrüstung. Ein Golfcart nimmt Guldan sich nie. „Nicht mit meinem Schwabengeld“, scherzt er. Von der Stiftung Deutsche Sporthilfe bekommt er finanzielle Unterstützung: „Auch ohne diese Absicherung würde ich Golf spielen. Ich würde dann aber nicht so viel unterwegs sein und vielleicht bei zwei oder drei Turnieren im Jahr spielen.“
In der Jugend spielte Guldan leistungsaktiv Fußball, am liebsten würde er heute noch mehrere Sportarten gleichzeitig machen, sagt er. Wenn denn die Zeit dafür bliebe. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich in meiner ganzen Schulzeit jemals eine Zwei auf dem Zeugnis in Sport hatte.“ Trotzdem habe er Fußball „eigentlich nur zum Spaß gespielt“, wie er erzählt. „Für mich und meine Freunde, die im Verein waren. Nicht dass du viermal in der Woche trainieren musst.“ Als er irgendwann immer weniger Lust hatte, ins Training zu gehen, meldete ihn seine Mutter fürs Jugendtraining im Golf an. „Das hat mir dann tatsächlich auch Spaß gemacht, und ich wollte immer besser werden.“ Trotzdem habe er nie Profispieler werden wollen. „Ich bin kein Typ, der jede Woche in ein anderes Land reisen will.“
Auch im Amateurbereich erfordert Golf eine Menge Disziplin. „Man muss mindestens eine Stunde trainieren, damit es wirklich effektiv ist“, erklärt Guldan. Außerdem hält er sich im Fitnessstudio fit, macht mehrmals die Woche Ausdauertraining. „Golf ist eine Ganzkörperbelastung. Damit man 18 Bahnen mit einem ruhigen Puls spielen kann, braucht man eine gute Grundausdauer.“ Auch für die 200-Meter-Schläge, die er an diesem Tag auf der Driving Range übt.
Pokal holen statt Frustessen
Damit er den Ball mit dem Driver leichter zum Fliegen bringen kann, setzt er ihn auf das Tee, den kleinen Stift, der aus Kunststoff besteht. Dann volle Konzentration. Die Knie hat er gebeugt, den Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Beim Aufschwung dreht er Oberkörper und Hüfte nach oben. Dann der Abschwung. Er trifft. Der Ball fliegt fast bis zum schwarzen Netz, das vor den Bäumen gespannt ist. Mit dem bloßen Auge ist er gerade noch so zu sehen. Diesen typischen Standardschlag habe man beim Spiel jedoch selten, sagt Guldan. „Man muss je nach Bahn und Ausgangslage seinen Stand, seine Technik, sein Spiel anpassen. Nur wenn man das beherrscht, schafft man es, wirklich gutes Golf zu spielen.“

Im Sommer trainiert er vier- bis fünfmal in der Woche, immer für mindestens zwei Stunden. Parallel macht er eine Weiterbildung zum Maschinenbautechniker. Das heißt, die Schulbank drücken, jeden Abend von 16 bis 19 Uhr. Zeit für Freunde und Familie bleibt da kaum, auch an den Wochenenden ist er meistens unterwegs. „Ich weiß gar nicht, wofür ich Miete zahle“, scherzt er.
Trotz Spiel und Spaß ist es auch der Ehrgeiz, der Guldan antreibt. Dass er bei den Deaflympics vor vier Jahren in Brasilien nur Vierter wurde, sei „bitter gewesen“. „Danach war ich erst mal mit der Mannschaft Frustessen“, erinnert er sich. Im vergangenen Jahr holte er in Tokio dann schließlich Bronze, als Amateurspieler hinter zwei Profis. „Bronze ist auch okay, aber ich will auch gerne auf dem ersten Platz stehen“, sagt Guldan. In drei Jahren hat er die Chance dazu, in diesem Jahr will er erst mal seinen Weltmeistertitel zurückholen, den er zuletzt 2022 gewann. „Dafür trainiere ich hart, dass ich dann in Topform bin, um mir wieder den Pokal zu holen.“
