In den Augsburger Werkshallen des Getriebeherstellers Renk fühlt sich der Vorstandsvorsitzende Alexander Sagel wohl. Er grüßt viele Mitarbeiter persönlich und kennt sich mit den Panzer- und Schiffsgetrieben bestens aus. Der promovierte Materialforscher ist seit Februar 2025 Vorstandschef des Rüstungsunternehmens und die Geschäfte laufen derzeit bestens. Der Auftragsbestand hatte Ende März mit knapp sieben Milliarden Euro ein Rekordhoch erreicht. Diese Marke hat Renk inzwischen überschritten.
Am Donnerstag meldete Renk einen neuen Großauftrag im Volumen von 270 Millionen Euro. Mit Rheinmetall wurde der Rahmenvertrag zur Lieferung von Antriebslösungen für den Panzer KF41 Lynx erweitert. Der Panzer wird den Angaben von Renk zufolge nach Ungarn in großer Stückzahl für weitere europäische Streitkräfte eingeführt. Auch im zweiten Quartal verzeichnete das im M-Dax notierte Unternehmen eine hohe Nachfrage. Diese spiegelt sich in der Entwicklung der vergangenen Jahre.
Zwischen 2020 und 2025 hat sich der Umsatz von 550 Millionen auf knapp 1,4 Milliarden Euro vervielfacht. Der operative Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) ist in diesem Zeitraum von 61 auf 230 Millionen Euro gestiegen. In diesem Jahr rechnet der Vorstand mit einem Geschäftsvolumen von mehr als 1,5 Milliarden Euro und einem Betriebsergebnis von 255 bis 285 Millionen Euro. Bis zum Jahr 2030 wird ein Umsatz von 2,8 bis 3,2 Milliarden Euro erwartet. Renk sieht sich bestens positioniert, um von dem steigenden Rüstungsbedarf weiter zu profitieren.
Aktienkurs büßt deutlich ein
Die Börse hat der Aktie allerdings zuletzt einen Dämpfer versetzt. In den vergangenen zwölf Monaten hat der Kurs um ein Drittel nachgegeben. Das reiht sich ein in die deutlichen Kursverluste anderer Rüstungsunternehmen. Der Aktienkurs des Marktführers Rheinmetall hat in diesem Zeitraum noch deutlicher an Wert eingebüßt. Die schlechte Marktentwicklung war der entscheidende Grund, warum der deutsch-französische Panzerhersteller KNDS seinen Börsengang abgesagt hat. Mit einem Anteil von zehn Prozent ist KNDS der größte Renk-Aktionär. Die Getriebe für den deutschen Kampfpanzer Leopard sowie für das französische Pendant Leclerc, die beide KNDS herstellt, liefert Renk.

Sicherlich blickt der 55 Jahre alte Renk-Chef Sagel auf den Aktienmarkt. Schließlich ist der Aktienkurs ein wichtiges Barometer für die Einschätzung seines Unternehmens. Jedoch gibt es Stimmungslagen an den Märkten, die ein Unternehmen mit einer überzeugenden Geschäftsentwicklung nicht beeinflussen kann. Dann muss der Vorstandschef seine Strategie davon unbeirrt verfolgen. So macht es Sagel. Erst in der vergangenen Woche übernahm Renk den britischen Getriebehersteller David Brown Defence, um das Geschäft mit Schiffsgetrieben zu verstärken.
Mit Übernahmen will Sagel die Strategie zur Festigung der Führungsposition im Verteidigungssektor gezielt fortsetzen. David Brown Defence verschafft Renk nach seinen Worten Zugang zur Allianz der englischsprachigen Länder aus Vereinigte Staaten, Kanada, Großbritannien, Australien und Neuseeland („Five-Eyes“-Länder). Wichtig für Renk ist zudem der langfristige Zugang zu wichtigen Programmen für Marineplattformen. Gleichzeitig erhält das Unternehmen die Chance, das bestehende Produktportfolio und das technologische Know-how durch die Integration von Antrieben für U-Boot-Anwendungen zu erweitern. Als Mitgift bringt David Brown Defence einen Auftragsbestand von 700 Millionen Pfund (600 Millionen Euro) mit.
Das Marinegeschäft ist für Renk nach den Panzergetrieben der zweitwichtigste Geschäftsbereich. Im Geschäftsjahr 2025 steigerte es den Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 15 Prozent auf 380 Millionen Euro. Im Vergleich dazu erzielte die auf Panzergetriebe ausgerichtete Sparte einen Umsatz von 872 Millionen Euro, was einem Wachstum von fast einem Viertel entspricht. Weiterhin setzt Sagel auf die dritte Säule, dem Geschäft mit Industriegetrieben. Mit dem Rüstungsgeschäft kann es nicht mithalten. Der Umsatz legte 2025 nur um 2,5 Prozent auf 128 Millionen Euro zu.
Doch Sagel denkt nicht an eine Trennung. Anfang Februar sagte er im Gespräch mit der F.A.Z.: „Für den Bereich Industriegetriebe brauchen wir die Synergien in der Produktion.“ Sie würden auf den gleichen Anlagen hergestellt wie die Getriebe für die Schifffahrt. Für erneuerbare Energien wie zum Beispiel Wasserstoff bietet Renk seinen Worten zufolge attraktive Getriebe und Kupplungstechnologien an. Das Thema Klimawandel sei zuletzt etwas in den Hintergrund gerückt. „Aber irgendwann werden wir uns mit dem Klimawandel wieder beschäftigen müssen“, sagte er: „Deshalb wollen wir diese Technologien behalten.“
Unbemannte Panzer
Trotzdem bleibt das Rüstungsgeschäft dominierend. Im vergangenen Jahr entfielen darauf mit mehr als einer Milliarde Euro knapp drei Viertel des Umsatzes. Bis zum Jahr 2030 soll der Umsatzanteil des Rüstungsgeschäfts auf 90 Prozent steigen. Damit bleibt Rüstung der Wachstumsschwerpunkt von Renk. Auf der Pariser Rüstungsmesse Eurosatory präsentierte Renk gemeinsam mit dem finnischen Rüstungskonzern Patria ein unbemanntes Kettenfahrzeug. Sagel will Ketten- und Radplattformen auf künftige Anforderungen in einem sich wandelnden Gefechtsfeld anpassen.
Zukunftsfähige Plattformen benötigen seinen Worten zufolge Lösungen, die bewährte Leistungsfähigkeit im Einsatz mit digitaler Steuerbarkeit, Hybrid-Elektro-Fähigkeit und einer skalierbaren Grundlage für zukünftige Fähigkeits- und Technologieerweiterungen verbinden. In Sachen unbemannte Panzer kooperiert Renk schon seit längerem auch mit dem Münchner Startup Arx Robotics.
Mit Sagel ist der Aufsichtsrat zufrieden. Im Mai wurde sein Vorstandsvertrag frühzeitig um fünf Jahre bis zum 31. März 2032 verlängert. Unter seiner Führung habe Renk die strategische Ausrichtung als Rüstungsunternehmen konsequent forciert und seine operative Stärke in einem Marktumfeld mit außergewöhnlich hoher Nachfrage unter Beweis gestellt. Die vorzeitige Vertragsverlängerung begründete das Kontrollgremium auch mit dem Produktportfolio, das systematisch für die Anforderungen des Gefechtsfeld von morgen vorbereitet worden sei.
