
Im polnisch-ukrainischen Verhältnis gibt es gerade nur eine Richtung: abwärts. Der noch längst nicht ausgestandene politische Streit über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs zwischen beiden Ländern trägt nun wohl auch dazu bei, dass ein Tauschgeschäft mit militärischen Gütern scheitert.
Ende 2025 hatte Warschau Kiew zugesagt, weitere MiG-Kampfflugzeuge zur Verteidigung gegen Russlands Angriff zu liefern. Anders als kurz nach Beginn des russischen Überfalls, als Warschau schon einmal 14 Maschinen des Typs MiG-29 an Kiew abgegeben hatte, sollte die Ukraine diesmal jedoch im Austausch moderne Drohnentechnik liefern.
Nach dem weitgehend ungehinderten Eindringen von knapp zwei Dutzend russischen Drohnen in den polnischen Luftraum im Herbst vorigen Jahres will Polen sich wappnen. Und die Ukraine verfügt bei der Drohnenabwehr über die mit Abstand größte Erfahrung. Die Sache schien also ein guter Deal zu sein. Doch nach Lage der Dinge kommt er nun nicht zustande. „Die Ukrainer stimmten zunächst zu, aber zogen sich aus der Vereinbarung zurück, sodass es keine MiGs für die Ukraine gibt, weil es keine Drohnen oder Drohnentechnologie für Polen gibt“, sagte Polens Verteidigungsminister und stellvertretender Ministerpräsident Władysław Kosiniak-Kamysz im Sender Polsat.
Zu alte Flugzeuge
Aus Kiew gibt es bisher keine offizielle Reaktion dazu. Klar ist, dass die Ukraine in der Vergangenheit immer wieder betont hat, wie dringend sie die Kampfflugzeuge benötigt – auch deshalb, weil ihre Streitkräfte mit den Maschinen sowjetischer Bauart bestens vertraut sind. Der Leiter des Nationalen Sicherheitsbüros Polens, Bartosz Grodecki, teilte nun der Zeitung „Rzeczpospolita“ den Grund für den Rückzieher mit: Kiew habe erklärt, die MiGs nicht mehr zu brauchen, weil sie veraltet seien.
Polen modernisiert seit einigen Jahren seine Kampfflugzeugflotte. Die MiG-29, die seit 1989 im Einsatz sind, werden durch amerikanische F-16 und F-35 ersetzt. Die MiGs, die Polen vor vier Jahren an Kiew abgab, seien in technisch besserem Zustand gewesen und hätten direkt an der Front sowie als Ersatzteilquelle für die ukrainische Luftwaffe gedient, berichten polnische Medien. Die noch vorhandenen 14 polnischen MiGs haben jedoch das Ende ihrer Lebensdauer erreicht. Ihre auf dem neuesten Stand der Technik befindlichen Drohnen wollte die Ukraine daher nur dann an Polen abgeben, wenn dieses die alten Flugzeuge vorher modernisiert. Das aber lehnt Polen ab.
Warschau fühlt sich unfair behandelt
Der Fall schlägt in Polen hohe Wellen. Das Land war das erste, das die Ukraine nach dem russischen Überfall mit Flugzeugen, Militärgerät und Hilfsgütern versorgt hat. Solidarität sei jedoch keine Einbahnstraße, sagte Verteidigungsminister Kosiniak-Kamysz im polnischen Rundfunk. „Wenn die Ukraine in der Lage ist, Drohnen bis nach Kuwait zu verkaufen und damit Geld zu verdienen, mitten im Krieg, dann kann sie auch denen etwas zurückgeben, die ihr mit Ausrüstung und Fähigkeiten helfen.“ Man sei weiterhin bereit für Gespräche, doch erwarte Warschau „ein sehr faires, partnerschaftliches Vorgehen“.
Im Frühjahr hatte Kiew mit mehreren Golf-Staaten Verträge zur Lieferung von Abwehrdrohnen gegen iranische Angriffe geschlossen. Zugleich hatte Selenskyj angekündigt, mit Ländern, die die Ukraine unterstützen, Verträge über Drohnenlieferungen zu treffen – im Austausch für dringend benötigte Waffensysteme und Ausrüstung. Der Vorstoß ist auch ein Beleg für das gestiegene Selbstbewusstsein der Ukraine. Sie sieht sich nach mehr als vier Jahren erfolgreicher Verteidigung gegen Russland nicht mehr nur als Bittsteller, sondern als Partner und möchte auf Augenhöhe behandelt werden.
Kiew wirft Polen „unreife Aktionen“ vor
In diesem Licht ist auch die Absage des MiG-Tauschhandels zu sehen. Dass Polens Präsident Karol Nawrocki, offiziell im Streit über die von ukrainischen Nationalisten 1943 in Wolhynien verübten Massaker an polnischen Zivilisten, tatsächlich aber aus innenpolitischen Gründen, antiukrainische Stimmungen verstärkt, versteht Kiew als feindlichen Akt. Der Höhepunkt dieses Treibens sei noch nicht erreicht, sagte Selenskyjs Präsidialamtschef Kyrylo Budanow am Dienstag der ukrainischen Nachrichtenagentur RBK. Er warf Polen vor, bis zum Jahrestag der Wolhynien-Tragödie am 11. Juli die Lage „mit unreifen Aktionen“ wie dem Entzug des erst vor wenigen Jahren an Selenskyj verliehenen Ordens des Weißen Adlers weiter eskalieren zu wollen.
Die Ukraine werde jedoch „kein Ultimatum von irgendjemandem auf der Welt akzeptieren“, sagte Budanow mit Blick auf die Forderung Nawrockis, Kämpfer der einstigen ukrainischen Untergrundarmee UPA nicht mehr als Helden zu ehren. „Zuletzt hat Russland versucht, uns ein Ultimatum zu stellen. Nichts gegen Polen, aber Russland ist doch etwas mächtiger – und wir haben es trotzdem nicht akzeptiert.“ Für die Ukraine sei das schmerzlich, aber sie werde solchen Forderungen nicht Folge leisten. Zudem erklärte er, dass „jede Form feindseliger Politik eine Reaktion nach sich ziehen wird“.
Zwar sagte Budanow, er hoffe in der Sache auf Deeskalation. Doch Polens Rechte um Nawrocki hat Blut geleckt, seit Umfragen ihr Erfolg in der „harten Haltung“ gegenüber Kiew bescheinigen. Das setzt auch Regierungschef Donald Tusk unter Druck. „Wir sind nicht naiv“, sagte er am Dienstag in Warschau, wo er präzisierte, dass Polen weder bei Geld noch materieller Hilfe für Kiew an der Spitze liege. „Man muss die Ukraine nicht lieben“, so Tusk: „Aber wer ein wenig Verstand im Kopf und Anstand im Herzen hat, sieht, dass es im polnischen Interesse ist, dass die Ukraine diesen Krieg nicht verliert.“
