Ohne Strom geht es kaum mehr vorwärts. Diese allgemeingültige Erkenntnis scheint mehr denn je auf die Fahrradbranche zuzutreffen. Natürlich wird auch weiterhin mit reiner Muskelkraft pedaliert, doch selbst im Bereich „Biorad“ prägen Akku-Komponenten die jüngsten Errungenschaften. Die den Markt nachhaltig prägende E-Bike-Sparte ist aus technischer Sicht längst entfesselt. KI-Software und virtuelle Gänge – das klingt nach ferner Zukunft, doch die ist zum Greifen nahe.
Einerseits ist die Fahrradtechnik mittlerweile von der Autoindustrie inspiriert, andererseits treibt die Kombination aus stetem Innovationswillen und einer frappierenden Entwicklungsgeschwindigkeit das Rad immer schneller voran. Das trifft insbesondere, wenn auch nicht ausschließlich, auf die teils schon bekannten, teils neuen chinesischen Akteure am Markt zu.
Auch wenn einige der jüngst präsentierten Produkte noch in der Konzeptphase stecken oder lediglich als Prototypen enthüllt werden, zeigt sich die Fahrtrichtung ins Digitale deutlich. Jetzt darf der Branche nur nicht der Strom ausgehen. Maßgeblich dafür wird neben dem allgemeinen Konsumklima und der passenden Infrastruktur auch die Bereitschaft der Kundschaft sein, das Tempo mitzufahren.

Elektronisch schalten
Die Firma Rohloff ist bekannt für ihre Getriebenaben, die sich vor allem unter Reiseradlern und Langstreckenfahrern einen Namen gemacht haben. Mit der E-14 Solo hat das Unternehmen aus Kassel jetzt eine elektronische Schaltung im Programm, die nun auch mit Rädern ohne Motor funktioniert. Das System baut auf dem bewährten 14-Gang-Speedhub auf und ist als Nachrüstsatz mit allen bisherigen mechanisch genutzten Speedhubs kompatibel. Schnelle und präzise Gangwechsel mit automatischem Durchschalten zeichnen die E-14 Solo aus. Den benötigten Strom bekommt die Schaltung aus einem in die Sattelstütze integrierten Akku, der alternativ am Flaschenhalter montierbar ist. Geladen wird per USB C. Auf eine App- oder Cloud-Anbindung verzichtet Rohloff. Das Mehrgewicht gegenüber vergleichbaren Kettenschaltungen soll gering sein. Als Antrieb kommen sowohl Kette als auch Riemen infrage. Preislich liegt der Nachrüstsatz unter 1000 Euro, für das Set werden rund 1800 Euro fällig.

Bosch betritt Neuland mit Nabenmotor
Bosch betritt mit einem Nabenmotor namens Hub Line Neuland – die Schwaben haben bisher ausschließlich auf Mittelmotoren gesetzt. Der kompakte 45-Newtonmeter-Antrieb samt schlankem 360-Wattstunden-Akku ist für urbane Räder gedacht, bei denen niedriges Gewicht und dezente Integration im Lastenheft stehen. Jenseits der 25-km/h-Unterstützungsgrenze entkoppelt der 400-Watt-Motor komplett und ermöglicht widerstandsloses Pedalieren wie mit einem klassischen Rad. Die Reichweite mit einer Akkuladung gibt Bosch mit etwa 80 Kilometer an. Ein 250-Wattstunden-Range-Extender ist verfügbar, darüber hinaus ist die Hub Line kompatibel mit dem Batteriesystem von Bosch.
Selbstverständlich kommuniziert der Antrieb mit dem smarten Bosch-Ökosystem in Sachen Schaltung, App-Anbindung, Diebstahlschutz, Navigation und Personalisierung. Verbaut wird die Hub Line derzeit beispielsweise im neuen Canyon Roadlite On CF. Ein weiteres Anwendungsbeispiel liefert der österreichische Faltradhersteller Vello Bike mit dem Modell Via+, das samt Bosch-Nabenmotor-System – wahlweise mit Ketten- oder Riemenantrieb – unter 17 Kilogramm wiegt und 3000 Euro kostet.

Zweigangschaltung von UTgear
Die Zweigangschaltung H2 der Marke UTgear richtet sich an urbane E-Radler und ist unter anderem mit dem neuen Bosch-Hinterradnabenmotor kompatibel. In dieser Kombination wird sie im Vello-Faltrad erhältlich sein. Die Marke ist eine Tochter der Firma Universal Transmissions aus Thüringen. Hinter dem 890-Gramm-Planetengetriebe steht die Idee eines vereinfachten und intuitiven Schaltens. Ein Gang zum Anfahren und für Steigungen, der andere für die zügige Fahrt im Flachen.
Geschaltet wird mechanisch per Handhebel. Der Hersteller verspricht minimierten Wartungsaufwand, insbesondere bei Verwendung eines Riemenantriebs. Eine Ketten-Version wird auch verfügbar sein. Die H2-Schaltung passt auf gängige Shimano-HG-Freilaufkörper und soll vom Herbst an von diversen E-Bike-Herstellern verbaut werden. Von einer Nachrüstoption oder einem Einzelverkauf für Endkunden ist derzeit nicht die Rede.

32 Zoll: Das nächste große Ding
Das buchstäblich nächste große Ding sind 32-Zoll-Laufräder. Was zunächst im Mountainbike- und Gravelbereich in Form von Konzeptmodellen für Diskussionen sorgte, scheint langsam marktfähig zu werden. Reifenhersteller Maxxis hat schon passende Pneus im Programm, die Firma Bike Ahead Composites bietet Laufräder in Serie an, Fahrradhersteller wie Nicolai, BMC oder Stoll zeigen fahrfertige Modelle.
Jüngst präsentierte Canyon mit dem Lux Era einen aufsehenerregenden Prototyp in futuristischem Design. Es spricht also einiges dafür, dass die Industrie ein Potential erkannt hat. Ob 32-Zöller ein Nischenprodukt bleiben werden, gilt es abzuwarten. Denn neben Vorteilen wie erhöhter Traktion und besserem Überrollverhalten bringen die Riesenräder auch Nachteile mit sich. Dazu zählen unter anderem ein erhöhtes Trägheitsmoment, mehr Gewicht und geringere Steifigkeit. Konstruktive Herausforderungen entstehen überdies im Rahmenbau und in der Komponentenversorgung. Bei kleinen Rahmengrößen und langen Federwegen sind ohnehin Grenzen gesetzt.

Urban in die Zukunft
Einen Blick in die nahe Zukunft verspricht Hepha mit dem Urban X, einem Konzeptrad, das die Idee des E-Bikes in einigen Belangen neu denkt. Denn abgesehen vom Lenken und Pedalieren übernimmt das Rad vieles selbst. Ein elektronisches Motorsystem mit stufenlosem Getriebe regelt die benötigte Unterstützung. Sogar das Bremsen entfällt nach eigenen Angaben überwiegend, denn ohne oder mit verhaltenem Tretimpuls rekuperiert der Mittelmotor wie bei einem E-Auto, verzögert das Vehikel und speist die gewonnene Energie in den 560-Wattstunden-Akku ein.
Die eher geringe Kapazität ist bewusst gewählt, im Gegenzug ist der Akku schnellladefähig – 80 Prozent in 15 Minuten. Ein Ladegerät steckt unter der Sitzbank an Bord. Außerdem hat das Rad, das auf der Eurobike als fahrbarer, seriennaher Prototyp präsentiert wurde, eine Wegfahrsperre mit mehrstufiger GPS-gestützter Alarmanlage und Ersatz bei Diebstahl. Obwohl der Antrieb mit 1000 Watt Spitzenleistung das Hepha-Logo trägt, stammt die Hardware von Gobao, zu deren Firmenökosystem die in Bayern ansässige Marke Hepha gehört. Das chinesische Unternehmen sorgte jüngst mit einem selbstbewussten Messeauftritt für Furore.

Ohne Schaltwerk und Kassette
DJI legt mit seiner E-Bike-Sparte ein hohes Entwicklungstempo vor. Gerade sorgt die neue Motorengeneration M2 und M2S nicht nur mit enormer Leistung für Verblüffung, da zieht der Konzern aus Shenzhen schon die nächste Innovation aus dem Hut. Der MG-Concept-Motor integriert das Getriebe und macht Schaltwerk und Kassette überflüssig. Die Idee ist nicht neu, in der Praxis aber ausbaufähig. Der Hersteller spricht von frei konfigurierbaren, virtuellen Gängen. Gangwechsel erfolgen manuell oder automatisch und unterbrechungsfrei in 0,1 Sekunden, auch unter Last. Energie wird beim Bergabfahren zurückgewonnen. Auch wenn es noch an konkreten Werten fehlt, lässt die Zusammenarbeit mit Marken wie Canyon, Commencal und anderen tief blicken. Mit der Getriebe-Motor-Einheit zielen die Chinesen auf sämtliche E-Bike-Sparten von Sport bis Cargo mit Ketten- oder Riemenantrieb.

Canyon Predict sagt Gefahren vorher
Als Reaktion auf die steigende Zahl an Fahrradunfällen stellt Canyon ein umfassendes Sicherheitskonzept auf die Räder. Im Zentrum des Predict-Systems steht ein schnittiges Carbonrennrad, das mit einem Computer, integriertem Display, allerlei Sensoren, Kameras, Radar- und KI-Technik ausstaffiert ist. Das Ziel ist, potentielle Gefahren im Verkehr, auf dem Asphalt oder auch im Peloton vorherzusehen und den Fahrer frühzeitig in Form von haptischen, akustischen oder visuellen Signalen zu warnen.
Predict kommuniziert außerdem mit kompatiblen Systemen anderer Verkehrsteilnehmer. Die Datenverarbeitung übernimmt eine KI. Verbaut ist außerdem eine automatisch absenkbare Sattelstütze, die in kritischen Fahrsituationen zugunsten der Fahrzeugkontrolle für eine tiefere Schwerpunktlage sorgt. Ergänzend präsentieren die Koblenzer einen Helm mit Head-up-Display zur Visualisierung der erhobenen Daten. Zu einer Markteinführung äußert sich Canyon vage: Man spricht von zwei bis drei Jahren.

Airbagweste misst Bewegungen in Echtzeit
Um Schutz geht es bei der Kooperation von Decathlon mit der Firma In&motion, die sich mit elektronischen Airbagsystemen einen Namen im Motorrad- und Reitbereich gemacht hat. Die verwendete Technik setzt laut eigenen Angaben auf KI-gestützte Algorithmen. Die Elektronik misst Bewegungen in Echtzeit und kann den Airbag innerhalb von 60 Millisekunden auslösen. Dieser schützt Nacken, Wirbelsäule, Brustkorb und Bauchraum. Ein Helm ist also weiterhin notwendig. Getragen wird das schlichte Teil wahlweise über oder unter einer Jacke und ist dabei sogar rucksackkompatibel. Decathlon steuert das Design der Weste bei, die komfortabel sein soll, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Das erste gemeinsame Modell richtet sich gezielt an Fahrrad- und E-Scooter-Fahrer im urbanen Raum. Die Weste kostet bei Decathlon 300 Euro, für die separat bei In&motion erhältliche Steuerelektronik-Box werden 400 Euro fällig. Alternativ wird ein Mietmodell für 120 Euro im Jahr angeboten.

Elektrische Luftpumpe für die Trikottasche
Zu den derzeit angesagten, aber auch kontrovers diskutierten Gadgets zählen kompakte Akkupumpen für unterwegs, wie die EMP von Hersteller SKS. Das handtellergroße Gehäuse passt in die Trikottasche und füllt Reifen mit bis zu 8,3 bar. Der benötigte Druck ist vorab einstellbar, das Gerät stoppt bei Erreichen des Zielwerts automatisch. Ein Display erleichtert die Bedienung und informiert über den Stand der Dinge. Zur besseren Handhabung liegt ein Verlängerungsschlauch bei, dessen Einsatz sich vor allem bei Schläuchen mit Plastikventilen empfiehlt.
Bei Reifendimensionen von 700C x 28 soll eine Akkuladung für drei Füllungen ausreichen. Geladen wird der fest verbaute 500-Milliamperestunden-Akku per USB-C-Kabel in etwa 25 Minuten. Mindestens einmal im Monat soll das Gerät laut Gebrauchsanweisung an die Steckdose angeschlossen werden: einer der Nachteile gegenüber analogen Pendants. Die elektrische Minipumpe wiegt 150 Gramm, kostet 80 Euro und ist damit im Feld der namhaften Mitbewerber eher günstig positioniert.
