Die smarteste Debutautorin der Weltliteratur ist Marguerite. Die 17-Jährige wird vor den Augen der Weltöffentlichkeit in ein infames Verbrechen verstrickt. Sofort meldet sich bei ihr ein US-amerikanischer Literaturagent, der ihre Geschichte verkaufen will. Das kurze Buch-Proposal wird an mehrere Verlagshäuser verschickt: „Eine Auktion war bald im Gange, und innerhalb einer Woche hatte er ein Angebot von 2,2 Millionen Dollar für die nordamerikanischen Rechte angenommen.“ Nach der Vertragsunterzeichnung wird die erste Tranche von 1,1 Millionen Dollar an Marguerite überwiesen, und der Agent streicht als Provision 165.000 Dollar ein. Marguerite ist die Protagonistin von Helen DeWitts Literaturbetriebssatire „The English Understand Wool“ (2022), die das New Yorker Literaturbusiness der Gegenwart mit sardonischem Humor seziert. Was aber machen Agenten heute, außer schmale Proposals zu versenden und dicke Provisionen zu kassieren?
Literaturagenten gibt es in New York seit dem späten neunzehnten Jahrhundert. In der Anfangsphase waren sie ‚Mittelsmänner‘, die sowohl die Interessen der Verleger als auch der Autoren vertraten. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts wurden sie zu Fürsprechern der Autoren und verteidigten deren rechtliche, finanzielle und kreative Interessen gegen die Verlage. Niemand kann heute in den USA ein Buch bei einem der großen Verlagshäuser unterbringen, ohne von einem der rund 1500 meist in New York ansässigen Agenten vertreten zu werden.
Projektskizzen bevorzugt
Die US-amerikanische Literatursoziologin Laura B. McGrath zeichnet nun in „Middlemen. Literary Agents and the Making of American Fiction“ ein Profil dieser Berufsgruppe. Sie stützt sich dabei auf eine breite Datengrundlage. Für ihr Buch hat sie statistische Daten gesammelt und mit rund achtzig amerikanischen Agentinnen und Agenten gesprochen. Sie traf sie bei Business Lunches, besuchte sie in ihren Brownstones, begleitete sie zur Frankfurter Buchmesse. Sie beobachtete ihren Berufsalltag aus nächster Nähe und registrierte, wie Agenturen den Verlagskonzernen die Sichtung und Selektion von Manuskripten abnehmen. In „slush pile meetings“ werden in den Agenturen Hunderte von unverlangt eingesandten Manuskripten durchgesehen. Dabei wird nicht nach fertigen Manuskripten gefahndet, sondern nach attraktiven Projektskizzen, die dann gemeinsam mit den Autoren weiterentwickelt werden. Besonders wird nach Debutautoren gesucht.

Das Debüt ist zu einem der dominanten Buchtypen des 21. Jahrhunderts geworden. Seit der Jahrtausendwende ist die Anzahl der publizierten Debütromane in den USA um 157 Prozent gestiegen, in manchen Jahren machen sie bis zu 25 Prozent der jährlichen Belletristik-Publikationen aus. Gerade weil in einem vollständig datengetriebenen Verlagswesen die Verkaufszahlen von allen etablierten Autoren auf Knopfdruck abgerufen werden können, wird der Debütautor paradoxerweise besonders attraktiv: Weil er noch keine Auflagenzahlen vorzuweisen hat, ist er pures Potential, und der spekulativen Phantasie des Betriebs sind keine Grenzen gesetzt. McGrath kann zeigen, dass mittlerweile sogar eigene Debütnarrative kursieren: Die Debütautoren werden meist als Repräsentanten einer neuen Generation dargestellt. Und es wird insinuiert, man dürfe die Protagonisten der Werke mit ihren Autoren identifizieren.
Agenten und Verleger bevorzugen bei ihrer Suche nach Debüts zudem Bücher, deren Themen eine Affinität zu ihrem eigenen kulturellen Hintergrund aufweisen. In den von McGrath untersuchten Agenturen arbeiten vor allem weiße Frauen, die in New York City leben. Auch die Zentralen der großen Verlagskonzerne sitzen dort. Kein Zufall, dass zwischen 2000 und 2022 mehr US-Romane in New York gespielt haben als in den nächsten dreißig größten US-Städten zusammen. Und es ist auch kein Zufall, dass man sich in den meisten Agenturen das Lesepublikum als weiße Mittelschichtsfrau im Alter von über 45 Jahren mit College-Abschluss vorstellt und versucht, die entsprechenden Lektürepräferenzen zu antizipieren.
Diversitätstrends flauen schnell wieder ab
Im stärksten Kapitel ihres Buches stellt McGrath dar, wie schwierig es für nichtweiße Autoren ist, sich in einem von Weißen dominierten Literaturbetrieb durchzusetzen. Das Vorurteil ist, dass es keinen Markt für deren Bücher gebe, weil eine kaufkräftige nichtweiße Mittelschicht fehle. Das bedeutet für nichtweiße Autoren, dass sich Agenturen vor allem dann für ihre Bücher interessieren, wenn es sich um Familienromane über Immigrationserfahrung oder historische Romane über Sklaverei handelt. McGrath zeigt eindrücklich, dass der Erfolg von Debüts wie Colson Whiteheads „The Intuitionist“ (1999) oder Viet Thanh Nguyens „The Sympathizer“ (2015) ohne das nachdrückliche Engagement der Agenturen der beiden Autoren nicht denkbar gewesen wäre. Sie zeigt auch, wie Diversitätstrends, die nichtweißen Autoren für einen Moment eine erhöhte Aufmerksamkeit in Agenturen verschaffen, sehr schnell wieder abflauen können, wenn die kommerziellen Interessen in eine andere Richtung weisen.
Laura McGraths Titel ist ironisch zu verstehen: Schon lange führen Frauen erfolgreich Agenturen. Doch die Medien berichten meist über männliche Agenten wie Andrew Wiley. McGrath zeichnet deshalb eindrückliche Porträts einflussreicher Agentinnen wie Candida Donadio, Marie Dutton Brown, Lynn Nesbit und Nicole Aragi. Aber auch McGrath scheint um Wiley nicht herumzukommen, wenn es in ihrem Buch um die Internationalisierung der Agenturen geht. Das Expertengespräch mit Wiley unterstreicht, dass im angloamerikanischen Raum die Agenturen den Verlagen das Geschäft mit den internationalen Lizenzen längst weggenommen haben. Die Kontrolle der internationalen Zirkulation von Literatur ist aber nicht nur ökonomisch attraktiv, sie erlaubt auch, das symbolische Renommee der übersetzten Autoren zu beeinflussen: Auch ein englischsprachiges Werk muss im Ausland erfolgreich sein, wenn es zur „world literature“ gehören will.
McGraths Studie ist am überzeugendsten, wenn sie auf einer breiten statistischen Datengrundlage die Gegenwart des Literaturbetriebs erkundet. Weniger ertragreich sind die in einem reportagehaften Duktus verfassten ethnographischen Passagen: Muss man die Lunches der Agenten aufsuchen, um zu erkennen, dass sie dem Networking dienen? Muss man die Agentinnen auf die Frankfurter Buchmesse begleiten, um berichten zu können, dass sie dort hart arbeiten, höflich sind, Englisch sprechen und sich abends im Frankfurter Hof treffen?
Dass sich aus dem direkten Kontakt mit den Insidern so wenig Handfestes ergibt, ist aber dem Untersuchungsobjekt selbst geschuldet. McGraths Gesprächspartner sind nicht nur ausgesprochen höflich, sondern auch ausgebufft. Sie geben sich leutselig, scheinen unentwegt Vertrauliches preiszugeben und Insider-Geschichten weiterzutratschen. Doch in Wahrheit bleiben sie immer diskret, denn Diskretion ist das eigentliche Betriebsgeheimnis der Agentinnen. Wenn sie Interna mitteilen, so handelt es sich stets um Erfolge: Das Wort „success“ steht fast auf jeder zweiten Seite. Über das Scheitern erfahren wir dagegen kaum etwas. Dabei dürfte es viel häufiger sein als der Erfolg. Die Daten von McGrath zeigen nämlich: Rund sechzig Prozent der mit Vorschusslorbeeren versehenen Debütanten werden nach ihrem Erstling nie wieder etwas publizieren.
Auch die Karriere der Protagonistin von DeWitts diabolischer Satire nimmt diese Wendung: Nur versteht die raffinierte Marguerite sofort, dass im New Yorker Literaturbetrieb nicht die Autoren, sondern die Agenturen und Verlage die eigentlichen Hauptfiguren sind. Sie steckt das Geld ein und sucht schnell das Weite.
Laura B. McGrath: „Middlemen“. Literary Agents and the Making of American Fiction. Princeton University Press, Princeton 2026. 296 S., geb., 24,– €.
