
Im Energiebereich der Bonner Bundesnetzagentur sind lustige Akronyme beliebt. Die Allgemeine Netzentgeltsystematik Strom heißt abgekürzt wie ein Vorname (Agnes), der Regulierungsrahmen für Gas wie eine japanische Nudelsuppe (Ramen) und die Festlegung „Marktintegration Speicher und Ladepunkte“ wie eine Obstsorte (Mispel).
Hinter den harmlos klingenden Wortspielen verbergen sich hochkomplexe Regelwerke. Viele von ihnen sind entscheidend für das Gelingen der Energiewende. Nach einem europäischen Gerichtsurteil aus dem Jahr 2021 hat die Netzagentur im Energiebereich außerordentlich viel Gestaltungsmacht. Etwa in der Frage, nach welchen Regeln das Geld verteilt wird, das in den Netzausbau fließt, und wer wie viel davon zahlt. In Summe geht es um Milliarden.
Gerade deshalb muss die Netzagentur den Hunderten deutschen Verteilnetzbetreibern genau auf die Finger sehen. Schließlich handeln die Unternehmen in ihrem jeweiligen Gebiet in der Rolle natürlicher Monopolisten. Doch zuletzt sind Zweifel daran laut geworden, wie gut diese Kontrolle funktioniert.
Die Komplexität steigt
Zuerst war da der Skandal rund um Deutschlands größten Verteilnetzbetreiber Westnetz, dem früher de facto die heutige Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) vorstand: Eine misslungene IT-Umstellung führte dort dazu, dass zahlreiche Kunden nicht rechtzeitig an ihr Geld kamen, Anschlussbegehren zu langsam abgearbeitet wurden, der Service teils versagte. Die Bundesnetzagentur eröffnete ein Verfahren, die Chefs wurden zum Rapport einbestellt. Netzagenturpräsident Klaus Müller schimpfte, die Geduldsprüfung für die Bürger sei nicht hinnehmbar. Ob daraus mehr folgt als öffentliche Schelte, ist offen.
Lange Bearbeitungszeiten und operative Überforderung sind kein Westnetz-Sonderfall, sondern nur ein Extremfall. Schließlich sind die dahinterstehenden Gründe nachvollziehbar. Für Verteilnetzbetreiber steigen in der Energiewende Anschluss-, Abrechnungs- und Serviceanfragen. Die Komplexität nimmt zu, wenn Wärmepumpen, Solaranlagen, Wallboxen und Speicher miteinander kombiniert werden. So verständlich die Probleme sind, bei Bürgern und Betrieben entsteht der Eindruck: Der Service ist schlecht. Das dürfte die Bereitschaft zu neuen Energiewendeprojekten dämpfen.
Schlechte Leistung, hohe Gewinne
Auf der einen Seite steht die schlechte Leistung, auf der anderen stehen hohe Gewinne. In einem regulierten Monopolmarkt ist das eine heikle Kombination. Besonders hart schlug zuletzt der Bundesverband Neue Energiewirtschaft in diese Kerbe. Nach dessen Rechnung liegen die marktgewichteten handelsrechtlichen Eigenkapitalrenditen der größten Netzbetreiber im Schnitt höher als bei Unternehmen wie Rheinmetall oder Siemens Energy. „Risikolose Traumrenditen“ sieht der Verband darin. Dann müsse wenigstens die Qualität stimmen. Der Vorwurf richtet sich gegen die Bundesnetzagentur. Sie kontrolliere die Kosten zu schlecht, lasse das Missverhältnis zwischen Leistung und Gewinn überhaupt erst zu.
In der Tat stecken im System Schlupflöcher, die den Netzbetreibern Mitnahmeeffekte ermöglichen, zum Beispiel ein doppelter Inflationsausgleich. Oder die Tatsache, dass die Kosten nur in einem – im Fachjargon „Fotojahr“ genannten – Basisjahr geprüft und dann über eine ganze Regulierungsperiode fortgeschrieben werden. Das ist ein Anreiz, besonders viele Kosten ins „Fotojahr“ zu schieben.
So modern und digital wie möglich
Die Behörde erkennt die Mängel durchaus und hat Reformen auf den Weg gebracht. So sollen die Regulierungsperioden kürzer werden, dann gibt es häufigere Überprüfungen der Kosten. Netzbetreiber, die ihre Netze für die Energiewende ertüchtigen und digitalisieren, sollen belohnt werden.
Doch all das kommt quälend langsam voran. Das ist kein böser Wille, denn Investitionen ins Netz haben lange Vorlaufzeiten und brauchen eine feste Regulatorik für Planbarkeit. Das führt dazu, dass neue Effizienzanreize im Strombereich erst von 2029 an kommen werden, kürzere Regulierungsperioden sogar frühestens von 2034 an. Der zugehörige Prozess heißt übrigens „Nest“. Das steht für „Netze. Effizient. Sicher. Transformiert.“
Die Regulierung der vielen Stromnetzbetreiber ist ein ständiger Wettlauf gegen Informationsvorsprünge und Schönrechnerei. Auch die Bundesnetzagentur sollte sich deshalb modernisieren, wo es geht, und in der Aufsicht nicht nur Tabellen prüfen, sondern Datenanalytik und Künstliche Intelligenz systematisch einsetzen. Was sie von den Netzbetreibern fordert, sollte auch für die Behörde gelten. Sonst könnte es im Bonner „Nest“ ungemütlich werden.
