
Rund 23.000 Passagierflugzeuge zählen aktuell zu den Flotten der Airlines in aller Welt. Und nach einer Langfristprognose, die der Airbus-Konzern am Mittwoch veröffentlicht hat, wird sich diese Zahl bis zum Jahr 2045 fast verdoppeln auf dann 45.550 Flugzeuge. Airbus rechnet daher mit einer Flut an Bestellungen in den nächsten Jahren – nicht nur für die eigenen Modelle, sondern auch für die des Rivalen Boeing. „Bis 2045 benötigt der Markt 42.060 neue Flugzeuge mit mehr als hundert Sitzen“, sagte Airbus-Marktfachmann Antonio da Costa zur Vorstellung des Langfristausblicks. In dieser Summe sind 19.820 Flugzeuge als Ersatz für auszumusternde Maschinen enthalten, der größere Anteil entfällt aber mit 22.240 Flugzeugen auf das prognostizierte Wachstum der Branche.
Mehrere Trends macht Airbus aus, die die Nachfrage nach Flugreisen und somit nach zusätzlichen Flugzeugen antreiben dürften. Neben dem Wachstum der globalen Wirtschaft und der Mittelschicht in vielen Weltregionen nannte da Costa auch den Zuzug in Städte. Zwar dürfte die Zahl der Metropolen mit mehr als zehn Millionen Einwohnern kaum noch wachsen, die Zahl der Städte mit mehr als 250.000 Einwohnern werde bis zum Jahr 2045 aber wohl um mehr als 600 auf dann mehr als 2800 zulegen. Und dort entstehe Nachfrage, um mehr Direktflüge anzubieten. Und da neue Flugzeuge weniger Treibstoff verbrauchten als ältere, würden mehr Strecken wirtschaftlich lohnend.
Für die A220-Reihe, die etwas kleiner ist als die in den Verkaufszahlen dominierende A320-Produktfamilie, hat Airbus das Potential durchgerechnet. „Der A220 öffnet neue Routen, die vorher nicht bedient wurden“, sagte Joost van der Heijden, der zuständige Marketingmanager der Passagierflugzeugsparte. Er spricht von 2200 zusätzlich möglichen Kombinationen von Städten, die heute nicht direkt miteinander verbunden sind. Das bedeutet auch, dass Airbus davon ausgeht, dass der Anteil der Reisenden, der direkte Routen statt Wege mit Umstiegen an Drehkreuzen nimmt, bis 2045 deutlich steigen wird. Da Costa sprach von einem zunehmenden Wunsch von Reisenden, nonstop zu fliegen.
Der Anteil Europas schrumpft
Der Prognose für eine stark wachsende Weltflotte liegt die Annahme zugrunde, dass die Passagierzahlen Jahr für Jahr um knapp vier Prozent zulegen werden. Der Weltfluggesellschaftenverband IATA war zuletzt in einem Basisszenario von einem jährlichen Zuwachs um 3,1 Prozent ausgegangen. Auch das würde bis zum Jahr 2050 zur Verdoppelung des Verkehrs führen, in optimistischeren Szenarien wäre dies früher erreicht.
Der Anteil Europas an der globalen Luftfahrt schrumpft hingegen. Die IATA sah Europa zuletzt mit prognostizierten jährlichen Zuwächsen von 2,5 Prozent als Schlusslicht im globalen Vergleich. Als Ursachen machte der Verband aus, dass der hiesige Flugmarkt sehr ausgereift sei, was anderen Regionen noch bevorstehe. Dazu kämen Engpässe an Drehkreuzen sowie eine im internationalen Vergleich hohe Steuer- und Abgabenlast. Auch im Airbus-Ausblick sorgt Europa für kleinere Zahlen. Vom Gesamtbedarf an mehr als 42.000 Flugzeugen entfallen lediglich 8190 auf Europa. Allein für China wäre der Wert größer, für den asiatischen Raum von Nahost bis zu den Pazifikstaaten taxiert Airbus die mögliche Nachfrage auf fast 23.000 Flugzeuge.
Sofern aus den vorhergesagten Werten reale Bestellungen werden, wird dies Airbus – und Boeing – über viele Jahre auslasten. Für das laufende Jahr plant Airbus 870 Auslieferungen, wobei intern ein Überschreiten von 900 als möglich gilt. In der ersten Jahreshälfte dürfte Airbus 351 Flugzeuge ausgeliefert haben. Boeing hatte 2025 rund 600 übergeben, bis Ende Mai waren es in diesem Jahr 250. Airbus hatte Ende Mai rund 9200 nicht abgearbeitete Bestellungen in seinen Büchern, Boeing kommt auf 6700 unerfüllte Aufträge.
Unter Fluggesellschaften stehen die Zeichen auf Expansion, gleichzeitig wächst der Bedarf an Ersatzanschaffungen für ältere Flugzeuge, die mehr Kerosin benötigen und daher teurer im Betrieb sind. Zuletzt war das Durchschnittsalter der Flotten in aller Welt gestiegen. Dazu trugen wegen der Belastungen in der Corona-Pandemie zurückgestellte Modernisierungen ebenso bei wie Lieferverzögerungen der Hersteller. Airbus geht davon aus, dass Airlines im Jahr 2045 nahezu komplett auf die heute jüngsten Modelle wie A320 Neo, A330 Neo und A350 des europäischen Herstellers sowie 737 Max, 787 oder 777X des Rivalen Boeing gewechselt haben werden. Aktuell machen diese Baureihen etwa 39 Prozent der Weltflotte aus.
