Es war einmal ein Trainingsbad. Ein alter Kasten in Darmstadt, direkt am Eingang zum Badesee Woog, längst aus der Zeit gefallen. Eine Halle, darin Schwimmbecken, Umkleiden, Duschen, Toiletten. Ein Trainingsbad für Schulen und Vereine. Dann bauten sie in Darmstadt das Nordbad im Bürgerpark von Grund auf neu. Ein Hallenbad entstand, mit mehreren Becken – ein modernes Spaß- und Trainingsbad, und das alte wurde stillgelegt. Jahre vergingen, die Stadt war schlecht bei Kasse, und das alte Bad gammelte vor sich hin. Bis Mark König eine Idee hatte.
König ist Bundestrainer bei German Cycling, dem Verband, der früher einmal Bund Deutscher Radfahrer hieß. Verantwortlich ist er für die Disziplin BMX Freestyle. Um die ganze Geschichte zu verstehen, muss man Darmstadts BMX-Tradition kennen. An der Alten Stadtmauer hatte die freie Szene eine große Anlage mit Rampen und Halfpipe gebaut und gepflegt. König, damals Vorsitzender des 1. Darmstädter Skate- und BMX-Vereins, war mittendrin. Als die Stadt das Gelände für den Neubau einer Schule brauchte, bot sie den Jugendlichen einen Ersatz im Bürgerpark an. Zunächst skeptisch, ließen sie sich überzeugen. Die 2021 eröffnete Anlage ist mittlerweile eine Attraktion. Und weil die Disziplin seit 2020 olympisch ist, fließen seither auch öffentliche Fördergelder.
Die besten Freestyler treffen sich beim Velociped-Club Darmstadt
Die besten Freestyler der Region sind seither keine bestaunten Exoten mehr, sondern Vereinsmitglieder beim Velociped-Club 1899 Darmstadt, einem Radsportverein mit langer Tradition, der in Darmstadt auch ein Bahnoval unterhält. Und aus Mark König, einem Fahrer, der nach seiner aktiven Karriere zunächst einen Handwerksbetrieb führte, wurde der Bundestrainer.
Zurück ins alte Trainingsbad. Davor parkt Königs mit Werbung bunt beklebter Dienstwagen. Von drinnen hört man ein Zischen und Dröhnen. In der Halle plätschert kein Wasser mehr. Im Becken stattdessen ein Gewirr aus riesigen Rampen und eine Sprunggrube voller Schaumstoffwürfel – ein Bikepark für BMXler, in dem Philipp Muth gerade hin- und hersaust. Er ist 19 Jahre alt, im vergangenen Jahr deutscher Meister geworden und arbeitet gerade an Frontflips, Backflip-Kombinationen und 720-Grad-Drehungen. Die Flugzeit ist kurz, die Tricks müssen sitzen. Fünf- bis sechsmal pro Woche kommt er in die Halle.

Ein BMX-Rad ist klein, kompakt und auf hohe Belastungen ausgelegt. Es hat 20 Zoll große Räder, einen niedrigen Sattel und keine Schaltung. Halb Spielzeug, halb Rad. Der kurze, stabile Rahmen macht es wendig für Sprünge, Drehungen und Salti. Der Fahrer steht fast immer auf den Pedalen, der Sattel ist mehr Schein als Sein. Ein Wettkampfrad kostet rund 2000 Euro. Muth hat zwei. Der Verschleiß ist hoch. Im vergangenen Jahr hat er fünf Lenker zertrümmert. Auch Rahmen, Laufräder und Speichen müssen regelmäßig ersetzt werden. „Jeder Fahrer ist bei seinem Rad sehr speziell“, sagt Muth. Entscheidend ist das passende Set-up, an dem lange gefeilt wird.
Im Darmstädter Bad geht es hoch hinaus. Sieben Meter misst es vom Grund des Beckens bis zur Decke. Acht wären besser. Deshalb haben sie über der größten Rampe ein Loch in die Decke geschnitten, um an dieser Stelle mehr Höhe zu gewinnen. „Vor ein paar Tagen ist ein Fahrer dort oben hängen geblieben“, sagt König, während Muth gerade durch die Decke geht. „Das kann passieren.“
Dass die Fahrer und Fahrerinnen hier trainieren können, ist König zu verdanken. Er hatte die Idee, hier eine Indoor-Möglichkeit für BMX Freestyle zu schaffen. Gerade im Herbst, Winter und Frühjahr fehlte ein Ort, an dem unabhängig vom Wetter trainiert werden konnte. Auch ein schlechter Sommertag konnte das Programm durcheinanderbringen. König wandte sich an die Stadt und bekam das Bad. Den Einbau der mächtigen Holzkonstruktionen besorgte er selbst. Rund 30.000 Euro kostete das Projekt. Viel ehrenamtliche Arbeit steckt darin.
Philipp Muth kommt aus Groß-Bieberau im Odenwald, geht noch zur Schule und braucht mit dem Auto eine knappe halbe Stunde bis zur Halle. Gerade hat er die zwölfte Klasse beendet, im nächsten Jahr macht er sein Abitur. Danach will er studieren. Ganz auf den Profisport setzen will er nicht. „Man weiß in diesem Sport nie, was passiert“, sagt er. BMX Freestyle ist riskant, ist gefährlich. Stürze und Verletzungen gehören dazu. „Allein darf hier niemand trainieren“, sagt König. „Wenn jemand stürzt, könnte es sonst zu lange dauern, bis Hilfe kommt.“

Das Darmstädter Bad ist eine Werkstatt für Tricks. Ihr Herzstück ist die Schaumstoffgrube. Wer eine Drehung nicht zu Ende bringt oder das Rad nicht rechtzeitig wieder unter die Füße bekommt, stürzt nicht auf Holz oder Beton, sondern in Schaumstoffwürfel. Die nächste Stufe sind die Rampen mit Kunststoffbelag. Sie sind rutschiger als Holz und federn. Ein Sturz lässt sich leichter aushalten. Erst wenn ein Trick hier sicher funktioniert, geht es nach draußen auf die Holzrampen. Dort muss die Bewegung sitzen: Anfahrt, Absprung, Drehung, Landung.
Philipp Muth fährt seit 2019 BMX. Zum Fahrrad kam er durch seine Eltern. Als Kind war er viel mit dem Mountainbike und dem Trailbike unterwegs. Später sah er Videos auf Youtube und entdeckte BMX Freestyle. Vorbilder waren schnell gefunden: der Brite Kieran Reilly und der Australier Logan Martin, Weltmeister, Olympiasieger, Topstars der Szene. Fahrer, bei denen auch komplizierteste Kombinationen aussehen, als wären sie ein Kinderspiel. Philipp Muth weiß, wie viel Arbeit dahintersteckt. Andere Sportarten betreibt er kaum. Er geht ins Fitnessstudio und gelegentlich bouldern. Ansonsten fährt er BMX. Und geht auf Wettkampftour, in diesem Jahr unter anderem nach Birmingham im amerikanischen Bundesstaat Alabama, nach Shanghai und nach Japan. Seit der Sport olympisch ist, ist auch Geld für solche Reisen da.
„Ohne den olympischen Status gäbe es auch diese Halle nicht“, sagt König. BMX Freestyle ist heute Leistungssport. Einen offiziellen Bundesstützpunkt gibt es noch nicht, aber Darmstadt kommt dem nahe. „Die Bedingungen sind optimal“, sagt König. Schon vor dem Einzug in die Halle hatte Darmstadt im BMX eine Sonderstellung. Die Outdooranlage im Bürgerpark ist eine der besten in Deutschland. Hier fanden die vergangenen beiden deutschen Meisterschaften statt, im August folgt die Europameisterschaft. International dominieren China, England, die Vereinigten Staaten und Australien. Die deutschen Männer stehen auf Platz zehn der Nationenwertung, die Frauen sind in Europa führend und weltweit auf Platz zwei – hinter China. „Unsere Fahrerinnen sind sehr stark“, sagt König. Drei Deutsche sind in den Top Ten der Weltrangliste.
Der Bundeskader ist klein: sechs Männer, vier Frauen. Philipp Muth gehört zu einer Generation, für die Olympia selbstverständlich ist. Sein Ziel liegt aber noch in der Ferne. Die Spiele 2028 in Los Angeles kämen wohl zu früh, sagt er, aber 2032 in Brisbane wäre realistisch – und ein Traum. Australien, die Heimat vieler BMX-Stars, passt zu diesem Ziel. Bis dahin bleiben sechs Jahre. Sechs Jahre Schule, Studium und Training. Sechs Jahre für Frontflips, Backflips, Tailwhips und Barspins. Der Weg nach Brisbane beginnt in einem stillgelegten Schwimmbad in Darmstadt. Philipp Muth saust die Rampe hinauf, zieht das Rad nach oben und wirbelt durch die Luft. Sieben Meter hoch – mit noch Luft nach oben.
