Überall Tränen. Lionel Messi weinte. Seine Mitspieler weinten. Mostafa Ziko weinte. Ägypten weinte. Und natürlich weinte auch Lionel Scaloni, der dafür bekannt ist, nah am Wasser gebaut zu sein. Argentiniens Trainer sollte kurz nach dem Spiel gegen Ägypten einem heimischen Fernsehsender ein Interview geben, aber der Versuch scheiterte nach wenigen Sekunden. „Ich kann nicht mehr. Es tut mir leid. Das ist zu viel. Was für eine Gruppe von Spielern“, schluchzte Scaloni und verschwand.
Solch außergewöhnlichen Szenen war ein außergewöhnliches Fußballspiel vorausgegangen. Ein Spiel, über das noch lange gesprochen werden dürfte. Achtzig Minuten lang hatte es danach ausgesehen, als würde Ägypten eine der größten Überraschungen der Turniergeschichte gelingen. Dann drehte der Weltmeister innerhalb von zwölf Minuten das Spiel, schoss drei Tore und siegte nach 0:2-Rückstand 3:2. Das Gefühl, an einem historischen Fußballfest teilgenommen zu haben, teilten danach nicht alle. Im Gegenteil.
Ägyptens Trainer Hossam Hassan witterte eine Verschwörung und teilte verbal kräftig aus. „Vielleicht wollten sie, dass der Titelverteidiger dabei bleibt. Vielleicht wollten sie, dass Messi weiter im Rennen bleibt. Wir haben keinen Respekt und kein Fairplay gesehen. Im Leben gibt es keine Gerechtigkeit und im Fußball anscheinend auch nicht“, sagte Hassan, ehe er gegen den Weltverband Fifa weiter polterte. „Es gab viele Dinge, die fragwürdig sind. Ich verstehe nicht, warum dieses Spiel nicht am Abend gespielt werden konnte. Warum um 12 Uhr mittags? Zu dieser Zeit isst man, macht einen Spaziergang oder schnappt frische Luft. Fußball wird am Abend gespielt“, sagte er. Die Begegnung war um 12 Uhr Ortszeit in Atlanta angepfiffen worden.
„Der Schiedsrichter war unfair“
Inklusive etlicher strittiger Schiedsrichterentscheidungen, die fast alle zu Gunsten der Argentinier ausfielen, dürfte Hossam aber auch ein wenig auf sich selbst wütend gewesen sein. Denn Ägyptens Trainer vermochte es nicht, seine Mannschaft durch eine turbulente Schlussphase zu coachen. Dabei hatte sie lange wie der Sieger ausgesehen. Die 2:0-Führung nach Toren von Yasser Ibrahim und Mostafa Ziko war verdient gewesen, und mit etwas Glück wäre sie noch höher ausgefallen. Ein weiterer Treffer von Ziko vor dem 2:0 war im Nachgang auf Geheiß des Videoschiedsrichters zurückgenommen worden, weil dem Tor lange vorher am Strafraum der Argentinier ein Foulspiel vorausging. Torschütze Ziko zeigte dafür kein Verständnis: „Der Schiedsrichter war unfair und hat die Mühen einer ganzen Nation kaputt gemacht. Der Pokal wird Argentinien geschenkt“, sagte er.
Gänzlich anders wurde der Spielverlauf von der gegnerischen Seite eingeschätzt. „Es war ein schwieriges, kompliziertes Spiel, aber nach dem zweiten Gegentor hat die Mannschaft unglaublichen Charakter gezeigt“, sagte Lautaro Martínez. Das war schließlich auch eine Frage, die es zu beantworten galt. Wie sollte dieses abermals wilde Auf und Ab aus argentinischer Sicht bewertet werden? Mannschaft und Trainerteam entschieden sich für eine durchweg positive Deutung. „Wir sind eine Mannschaft, die sich auf alles einstellen kann, die kämpft bis zum Schluss“, sagte Stürmer Julian Alvarez. Das sah auch Trainer Scaloni so. „Unsere Mentalität spricht für sich“, sagte er.
Was nüchtern betrachtet eher nicht für die Argentinier und eine erfolgreiche Titelverteidigung spricht, ist, dass sie die K.-o.-Runde bisher wenig souverän meisterten. Schon im Sechzehntelfinale hatte der Weltmeister mit dem krassen Außenseiter Kap Verde enorme Probleme und musste beim 3:2 sogar in die Verlängerung.
Nun war es abermals eine afrikanische Mannschaft, die Argentinien an den Rand einer Niederlage brachte. Was die wackligen Auftritte angeht, so legitimierte sie Lautaro Martínez durch Vergleiche aus der jüngeren Vergangenheit. „Wir sind das Leiden gewohnt, wir haben im letzten Spiel gelitten, wir haben bei der vergangenen WM gelitten. Gegen die Niederlande, gegen Australien, gegen Mexiko. Bei einer WM ist das so“, sagte er. Wer Martinez zuhörte, der hätte auf die Idee kommen können, einer rheinländischen Frohnatur zu lauschen. Nach dem Motto: „Et hätt noch immer jot jejange.“ Sich regelmäßig darauf zu verlassen, dass es schon irgendwie gutgehen wird, erscheint dennoch ziemlich vage. Zumal es nun im Viertelfinale gegen die Schweiz geht, den bisher stärksten Gegner.
Messi gelingt lange wenig – bis zu seinem Traumtor
Warum Argentinien bisher immer noch davonkommt, liegt zu einem großen Teil an Lionel Messi. Dabei sah es lange danach aus, als würde er an seinem vermeintlich letzten WM-Spiel Schuld tragen. In der ersten Halbzeit verschoss Argentiniens Kapitän einen Elfmeter. Es war sein zweiter Fehlschuss im zweiten Versuch bei dieser Weltmeisterschaft. Danach gelang ihm im Anschluss wenig bis nichts. Messi war genauso wirkungslos wie der Rest seiner Mannschaft.
Dann aber schoss er kurz nach dem Anschlusstreffer durch Cristian Romero das 2:2. Nicht irgendwie, sondern per Traumtor. Volley, direkt unter die Latte. Das Stadion explodierte. Messi jubelte ausgelassen, die Last der vorangegangenen 83 Minuten fiel sichtbar von ihm ab. „Er ist ein Vorbild für alle. Nach dem verschossenen Elfmeter hat er immer wieder den Ball gefordert. Er wollte vorangehen und ist vorangegangen“, sagte Trainer Scaloni. Sturmpartner Julian Alvarez lobte noch überschwänglicher. „Für Leo gibt es kaum Worte. Wir genießen jeden Moment an seiner Seite. Er ist eine Legende, der Beste der Geschichte.“ Acht Tore hat Messi nun bei dieser Weltmeisterschaft erzielt, 21 sind es insgesamt bei Weltturnieren. In beiden Kategorien liegt er vorn.
Dass noch weitere dazukommen könnten, lag an einem Kopfballtreffer von Enzo Fernández in der dritten Minute der Nachspielzeit. Bei dem taten sich Parallelen zum aberkannten Tor der Ägypter auf. Unmittelbar vorher gab es einen Zweikampf im Strafraum der Argentinier, der aus ihrer Sicht mit etwas Pech zu einem Elfmeter für Ägypten hätte führen können. „Ein möglicher Elfmeter für uns wird nicht einmal gecheckt, warum weiß niemand“, klagte Ägyptens Trainer Hossam Hassan. Dem Aus seiner Mannschaft begegnete er mit einer klaren Konsequenz: „Ich werde die Spieler der WM nicht weiter verfolgen. Das ist meine Art, meine Stimme zu erheben“, sagte Hassan und ging. So frustriert, wie man es nur sein kann, wenn man gerade Historisches verpasst hat.
