
Die solarbetriebene Überwachungskamera hing in etwa fünf Meter Höhe an einem Mast im Bahnhof von Minden. Sie trug einen Aufkleber mit DB-Logo. Doch die Bahn hatte sie nicht aufgehängt und informierte deshalb die Sicherheitsbehörden – die im April einem 43 Jahre alten Litauer aus Detmold auf die Spur kamen. Er steht seither im Verdacht, für Russland militärische Transporte ausspioniert zu haben. Der Mindener Bahnhof dient als zentraler Verladebahnhof für den Schutz der NATO-Ostflanke.
Für den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Reul (CDU) ist der Fall ein weiterer Beleg dafür, dass Nordrhein-Westfalen wegen seiner zentralen Lage und seiner Bedeutung als europäische Verkehrsdrehscheibe stark im Fokus russischer Dienste steht. „Die Bedrohungen kommen nicht einzeln, sondern im Paket: mit politischen, militärischen, wirtschaftlichen und technischen Mitteln, die parallel eingesetzt werden“, erklärte er zuletzt in einem Pressegespräch zur Lage. Zwar seien auch China und Iran aktiv. Die Hauptrolle bei hybriden Bedrohungen spiele aber Russland. Die russischen Dienste zögen alle Karten: Spionage und Cyberangriffe, Sabotage und Gewalt, Einschüchterung und heimliche Einflussnahme.
Weil die europäischen Staaten nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Februar 2022 zahlreiche getarnte Geheimdienstmitarbeiter ausgewiesen hätten, setzen die russischen Dienste mehr und mehr auf Low-Level-Agenten. Bei diesen auch Wegwerf-Agenten genannten Leuten handelt es sich um Menschen, die über soziale Medien für kleine Aufgaben wie Beobachten, Fotografieren, das Verschicken von Paketen oder eben das Aufhängen von internetfähigen Kameras wie im Mindener Bahnhof angeworben werden. „Sie sind billig austauschbar und für den Auftraggeber leicht zu leugnen.“
In Hagen wurde ein ukrainischer Soldat ausgespäht
Zahlreiche Fälle von hybrider Bedrohung hat es in jüngerer Zeit in Nordrhein-Westfalen gegeben. Aus Sicherheitsgründen kann Reul nur über einige von ihnen sprechen. Im Mai 2025 wurden drei mutmaßliche Low‑Level‑Agenten festgenommen, einer davon in Köln. Sie sollten im russischen Auftrag Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport in Deutschland begehen. Einer der Beschuldigten gab dazu Ende März 2025 zwei Testpakete auf, um geeignete Transportwege auszukundschaften. Gegen die drei Männer ermittelt der Generalbundesanwalt.
Im März wurde in Hagen ein Ukrainer festgenommen, der im Krieg gegen Russland an sehr erfolgreichen Abwehrmaßnahmen beteiligt war und sich zu medizinischen Zwecken in Deutschland aufhielt. Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden sollte der Soldat getötet werden. Im Monat davor nahm die Polizei in Heinsberg einen Mann fest, der an der Ermordung eines früheren ukrainischen Präsidentenberaters in Madrid beteiligt gewesen sein soll. „Die Spur dieses Angriffs führt von Moskau über Spanien bis nach Nordrhein-Westfalen“, so Reul. Ebenfalls einen Spanienbezug hatte ein Fall Ende März. In Alicante und Rheine wurden eine Frau und ein Mann festgenommen. Sie sollen einen Unternehmer ausgespäht haben, dessen Firma von Bayern aus Drohnenbestandteile an die Ukraine liefert.
Auch mit der Einschüchterung von Kritikern habe man es in Nordrhein-Westfalen zu tun, wie das Beispiel Jacques Tilly zeige, so Reul. Der Düsseldorfer Wagenbauer wurde vor wenigen Wochen in Moskau in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er mit einem Satirewagen Putin karnevalistisch aufs Korn nahm. Lege man die Beispiele nebeneinander, erkenne man ein Muster: „Spionage, Sabotage, Einschüchterung von Kritikern und Propaganda sollen unsere Funktionsfähigkeit und unser Vertrauen in den Staat untergraben.“
Die Auftraggeber versuchen, Spuren zu verwischen
Entscheidend im Kampf gegen hybride Bedrohungen ist nach Reuls Einschätzung die enge Zusammenarbeit von Bund und Ländern, etwa im gemeinsamen Abwehrzentrum gegen hybride Bedrohungen. Zudem habe das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt ein eigenes Sachgebiet „Spionage, Sabotage“ aufgebaut, mit spezialisierten Ansprechpartnern in allen 16 Staatsschutzdienststellen. Ihre Aufgabe ist es auch, Streifenbeamte für mögliche Sabotageindikatoren etwa beim Brand einer Anlage zu sensibilisieren.
Denn in vielen Fällen tun Auftraggeber einiges, um Spuren zu verwischen. Der Litauer, der im Verdacht steht, die Kamera im Mindener Bahnhof angebracht zu haben, verwendete eine Chatfunktion, die sich nach Benutzung selbst löschte. Die Behörden sind sich trotzdem sicher, auf der richtigen Spur zu sein. Es gebe starke Indizien für den Russlandbezug des Mannes, sein Vorgehen erinnere an einen ähnlichen Fall in Polen, wo zudem ein vergleichbares Kameramodell eingesetzt wurde, heißt es aus Sicherheitskreisen.
