Die Berliner Modewoche musste sich schon einiges anhören lassen. Kommerziell irrelevant sei sie, international bedeutungslos, und überhaupt säßen in ihren ersten Reihen nur C-Promis, Influencer und lokale Bekanntheiten, die weniger dazu da sind, über die Kollektionen zu urteilen, als um selbst gesehen zu werden.
Doch dieser Vorwurf trifft längst nicht nur Berlin: Die Front Row ist weltweit zu einem Spektakel geworden, das häufig mehr Aufmerksamkeit erzeugt als die Kollektionen selbst. Als Kim Kardashian 2022 bei Balenciaga in Paris vollständig mit gelbem Absperrband der Marke beklebt erschien, Kylie Jenner bei Schiaparelli ein Jahr später einen lebensgroßen Löwenkopf auf dem Kleid trug und Doja Cat für dieselbe Show mit Tausenden roten Swarovski-Kristallen beklebt wurde, gingen die Bilder viral – die Kollektionen gerieten dagegen im kollektiven Gedächtnis in den Hintergrund.
Kritik ist immer noch ein Machtfaktor
Auch bei der Berliner Modewoche, die am Montag zu Ende ging, scheint sich diese Logik fortzusetzen. Bei Kilian Kerner sitzt neben Simone Thomalla Schauspielerin Wilma Elles in der ersten Reihe, und bei Marina Hoermanseder nimmt dort, in authentischer Rüstung, Darth Vader Platz. Influencer sitzen außerdem nicht nur in der ersten Reihe, sondern laufen direkt als Model über den Laufsteg.

Es gehört zu den Ritualen der Modebranche, regelmäßig den Tod der Modekritik auszurufen. Kaum eine Saison vergeht, ohne dass jemand verkündet, es gebe keine „echte“ Kritik mehr, nur noch schmeichelnde Begleittexte und inhaltsleere Influencer-Kommunikation. Die Diagnose ist nicht falsch, aber ungenau. Denn Modekritik existiert weiterhin – nach wie vor erscheinen Kollektionsanalysen in Zeitungen und Fachzeitschriften wie der „Textilwirtschaft“.
Verschwunden ist aber die gesellschaftliche Legitimation des fachkritischen negativen Urteils. Als Cathy Horyn 2012 die Arbeiten von Hedi Slimane kritisierte und daraufhin von Saint-Laurent-Schauen ausgeschlossen wurde, zeigte sich darin paradoxerweise, dass Kritik noch als Machtfaktor wahrgenommen wurde. Heute würde sich vermutlich eher die Frage stellen, warum überhaupt jemand ein Interesse daran haben sollte, eine Kollektion öffentlich zu verreißen. Die Fachkritik wurde von etwas anderem überlagert: dem System der Aufmerksamkeit.
Für Marken ist Aufmerksamkeit zur eigentlichen Währung geworden
Die erste Reihe ist zu einem Instrument der Reichweitenproduktion geworden. Gleichzeitig sind die Influencer und gesponserten Gäste, die dort Platz nehmen, nicht Beobachter des Systems, sondern Teil seiner Inszenierung. Die Konsequenz ist ebenso banal wie folgenreich: Wer Teil davon ist, kann sie nur schwer kritisieren. Für Marken ist Aufmerksamkeit zur eigentlichen Währung geworden – oft wichtiger als die Kleidung selbst. Das demonstrierte jüngst das Label 424 auf der Pariser Fashion Week, als es den umstrittenen Streamer und selbst ernannten „Looksmaxxer“ Clavicular seine Show eröffnen ließ.
Man muss diese Entwicklung weder kulturpessimistisch beklagen noch nostalgisch verklären. Die alte Modewelt war ein exklusiver Zirkel, dessen Autoritäten sich häufig selbst reproduzierten. Gleichzeitig scheint die Ära der Influencer, in der es genügte, ästhetischen Content zu produzieren, um Follower zu generieren, ihren Zenit überschritten zu haben: Nutzer verlangen zunehmend nach Haltung, Expertise und fundierten Meinungen. In den ersten Reihen der meisten Labels auf der Berliner Modewoche sind immer weniger Influencer zu sehen, die „nur“ Influencer sind und keinen branchenspezifischen Content machen.
Unabhängige Modekritiker erreichen heute außerdem auf Social Media teilweise ein Millionenpublikum, wie zum Beispiel Hanan Besovic (@ideservecouture) oder Luke Meagher (@hautelemode). Auch die deutsche Brenda Weischer (@brendahashtag) postet ihre kritischen Meinungen auf Instagram und Tiktok. Bei Schauen von Margiela, Prada oder Rick Owens sitzen sie trotzdem in der ersten Reihe. (Berlin ist ihnen, zumindest dieses Mal, nicht wichtig genug.) Diese Form der Modekritik von Leuten, die Nutzer als „Leute wie sie“ wahrnehmen können und die auf Social Media anstelle von Fachmagazinen veröffentlicht wird, findet also durchaus auch in einer breiteren Masse Anklang.
Die geschlossene Branche wird zunehmend demokratisiert. In Berlin nehmen Persönlichkeiten wie Jasmina von @Jasmina.tv ihre Follower mit in die exklusive Welt der Modenschauen – in die erste Reihe oder direkt in den Backstage-Bereich von Marken wie Barragán, Kasia Kucharska oder SF1OG. Designer Taskin Goec lädt die breite Öffentlichkeit direkt zu einer zweiten Vorführung seiner animierten Modenschau ein, und Formate wie „RAUM.BERLIN“ oder „STUDIO2RETAIL“ machen Mode jenseits des Laufstegs für die Öffentlichkeit erfahrbar.
Auch die Front Row verliert ihre Bedeutung
Auch die Front Row selbst verliert ihre Funktion als Bühne sozialer Hierarchien. Anders als bei Schauen von Marina Hoermanseder oder Kilian Kerner ist die „erste“ Reihe bei vielen Shows inzwischen faktisch die einzige: Die Laufstege sind länger geworden, um die gestiegene Anzahl an exklusiven Gästen unterzubringen. Durch die Dezentralisierung der Modewoche seit der Auflösung des zentralen Zelts am Brandenburger Tor eröffnen sich neue Dimensionen der Inszenierung – etwa im alten Kongresszentrum ICC, in dem die vier vom Format „Newest“ geförderten Designer ihre Kollektionen der sich durchs Gebäude schlängelnden ersten – und einzigen – Reihe präsentieren. Diese Entwicklung treibt Designer Johannes Boehl Cronau mit seinem Label Ioannes auf die Spitze, wenn er sich gleich ganz vom klassischen Laufsteg verabschiedet und stattdessen in sein Atelier einlädt, das zugleich seine Wohnung ist.

Das alles ist Ausdruck einer Modekultur, die etablierte Hierarchien hinterfragt und neue Formen der Teilhabe erprobt.
Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke der Berliner Modewoche: in ihrer Bereitschaft zur Offenheit. Nicht nur gegenüber neuen Präsentationsformaten und Formen der Kritik – auch gegenüber experimentellen Designs, diversen Narrativen und einer neuen Generation von Designern, die durch verschiedene Formate wie „Berlin Curated“ oder „Neo.Fashion“ Förderung finden.
Wer deshalb über die Berlin Fashion Week urteilen will, sollte vielleicht weniger auf bekannte Klischees achten als auf das, was sich hinter ihnen abzeichnet. Denn über die Berliner Modewoche lässt sich so viel mehr sagen – man muss nur bereit sein, genauer hinzusehen.
