Lächelnd hebt Max die Hände. Aber niemand ist da, den er begrüßen könnte. Einsam und etwas verblasst steht der Berliner Buddybär in der Sonne vor dem weißen Flachbau, der problemlos auch die Stadtverwaltung Sankt Augustin beherbergen könnte. Das Schild „Bundesrepublik Deutschland – Honorarkonsul“ mit dem grimmig blickenden Adler passt da perfekt.
Alexan Ter-Minasyan ist besagter Honorarkonsul und seit der Gründung Hotelchef, er kennt jede Deckenplatte und jeden Fensterrahmen und kann am besten erklären, warum Schönheit beim Bau des heutigen Hotels nun wirklich keine Rolle spielte.

Auf dem Computer zeigt der freundliche Mittsechziger Schwarz-Weiß-Bilder eines dreistöckigen Gebäudes mit großen Eingangstüren – ein Kaufhaus, das früher an dieser Stelle stand. Dann bebt im Dezember 1988 im Norden Armeniens die Erde – kurz, aber lange genug für eine humanitäre Katastrophe: „Man konnte nichts mehr sehen, überall nur Staubwolken und die Schreie der Menschen. Die Stadt war zu achtzig Prozent zerstört und so viele Leichen überall. Das war die Hölle“, sagt Ter-Minasyan und wird von den Erinnerungen so übermannt, dass er einen Moment innehalten muss. Während er wie durch ein Wunder überlebt, sterben mindestens 25.000 Menschen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Erstmals bittet die Sowjetunion auch den ungeliebten Westen um Hilfe. Das Rote Kreuz und der Arbeiter-Samariter-Bund kommen nach Gjumri, mit Westberliner Spendengeldern bauen sie anstelle des zerstörten Kaufhauses eine Mutter-Kind-Klinik, doch die Verständigung zwischen Ost und West klappt nicht ganz: „Die Deutschen haben verstanden, dass man einen klassischen Bettentrakt braucht, wo Frauen nach Operationen unter ärztlicher Kontrolle beobachtet werden. Aber selbst kleine Operationen durften in einer Poliklinik gar nicht gemacht werden“, erzählt Ter-Minasyan, damals technischer Leiter der Klinik. Und so steht der Bettentrakt erst mal leer.
Da es in ganz Gjumri kein funktionierendes Hotel gibt, quartiert er 1995 kurzerhand zwei deutsche Aufbauhelfer ein. „Die Namen vergesse ich nie, schließlich waren es unsere ersten Gäste“, sagt er lachend. Beide schlafen in den unbenutzten Krankenbetten, spenden anschließend 100 US-Dollar – und die Idee vom Hotel ist geboren. Ein Jahr später öffnet es.
Wie westdeutsche Jugendherbergen in den Neunzigerjahren
An manchen Stellen hat sich seitdem äußerlich wenig verändert. Die grau-weißen Deckenplatten versprühen noch immer den Charme der Achtzigerjahre, und wer genau hinsieht, entdeckt über den Türen die übermalten Lampen für den Schwesternruf. „Ich habe mich sehr an westdeutsche Jugendherbergen in den Neunzigerjahren erinnert gefühlt. Allein die Türgriffe und das ganze Interieur wirken, wie man sich Westberlin in diesen Zeiten vorstellt“, sagt Jakob Wöllenstein und muss herzlich lachen. Kürzlich hat er zum ersten Mal im Berlin Art Hotel übernachtet, für Deutsche wie ihn – Leiter des Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung im benachbarten Georgien – ist das Haus noch immer die wichtige Anlaufstelle im Norden Armeniens.
Doch oft genug verschwindet der westdeutsche Retrostil im Zauber des Hotels. Kunst an jeder Ecke, Ölgemälde von Studenten der lokalen Kunstakademie, historische, handgeknüpfte Wandteppiche, Bilder vom alten Gjumri im Stil italienischer Maler. Ein Gang durch das Hotel ist eine kleine Reise durch die armenische Kunst und Geschichte. Auch die 20 Zimmer haben Künstler individuell gestaltet – von farbenfrohen abstrakten Werken im Stil Picassos bis zu malerisch-sanften Wandgemälden in tiefem Blau. „Man schläft ein Stück weit in einer Galerie“, sagt Wöllenstein.
Doch das ist kein schönes Extra, um Gäste anzulocken. „Ohne das Hotel wäre ich nicht mehr hier“, sagt Albert Vardanyan, ein stämmiger Mann mit schwarz-grauem Bart und so dunkel-melancholischen Augen, wie sie nur ein Künstler haben kann. Eine seiner Skulpturen steht im Konferenzraum des Hotels, ein goldglänzendes Viereck, das entfernt an eine katholische Monstranz erinnert.

Vardanyans andere Werke stehen unter anderem in Köln und Bochum, doch ausgerechnet in seiner Heimat Gjumri kann er kaum ausstellen. Die majestätischen Gebäude aus schwarzem Tuffstein mit ihren fein geschmiedeten Balkonen und Fenstergittern täuschen darüber hinweg, wie wenig die Stadt ihren Bewohnern bietet. „In Gjumri gibt es viel Enttäuschung, weil hier nichts passiert. Daher ist jede Ausstellung hier im Hotel so wichtig“, sagt Vardanyan.
Es fehlen die Gäste
Doch zwischen den Kunstwerken im langen Flur herrscht Stille. Nur das Lachen der beiden Rezeptionistinnen ist zu hören, ab und an klingelt das Glöckchen über der Eingangstür. Armeniens zweitgrößte Stadt ist weder in den bitterkalten Wintern noch in der zaghaften Frühlingssonne ein beliebtes Reiseziel. Nun sorgt der Konflikt im benachbarten Iran noch für weitere Absagen, auch wenn Touristen davon in Armenien gar nichts spüren. Schon seit der Corona-Pandemie kommen nur noch wenig Gäste aus Deutschland.
Schlecht für Torsten Flaig, Reiseleiter und Autor eines Armenien-Reiseführers, der seit 16 Jahren immer wieder gern deutsche Reisegruppen ins Berlin Art Hotel bringt: „Wir wollen ja nicht nur die alten Kirchen erleben und die schöne Landschaft genießen, sondern auch, dass unsere Gäste das Alltagsleben kennenlernen. Das ist ein Ort, wo man viel über Armenien lernen kann“, sagt Flaig, der auch zweiter Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins ist, der über eine Stiftung das Hotel trägt.
Doch ohne genug Touristen sind nicht nur die 20 Arbeitsplätze in Gefahr, die in Armeniens armem Norden nicht so kompensiert werden können. Mit einem Teil der Einnahmen aus dem Hotelbetrieb unterstützt das Hotel seit der Gründung die benachbarte Poliklinik und andere soziale Projekte in Gjumri – dringend nötig an einem Ort, wo bis heute noch Menschen seit dem Beben in Notunterkünften aus Stahl und Blech leben.

Und eigentlich sind längst Renovierungen fällig – die grauen Betten, Tische und Stühle in den meisten Zimmern zeigen deutliche Abnutzungserscheinungen: „Als das Hotel gegründet wurde, gab es kein anderes in Gjumri. Aber inzwischen ist Gjumri eine entwickelte Stadt mit einer großen Zahl an Übernachtungsmöglichkeiten, und da müssen wir mithalten können“, sagt Flaig. Doch das geht nur, wenn Max bald mehr Gäste begrüßen kann.
