
In Spanien war es viele Jahre lang unstrittig, welches Unternehmen an der Börse das wertvollste ist: Inditex. Der Modekonzern, dessen bekannteste Marke Zara ist, hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Mit ihren schnellen Kollektionen, die am Puls der Zeit sind und noch dazu erschwinglich, begeisterte die Marke Jung und Alt. Eigene Produktionen und ein ausschließlich eigener Vertrieb trugen dazu bei, dass Inditex zudem auskömmlichere Margen als andere Modekonzerne verdiente.
Dass dagegen ausgerechnet eine auf den ersten Blick langweilig erscheinende Bank wie Santander den Modekonzern vom ersten Rang vertreibt, hat gute Gründe. Banken sind in Mode gekommen – und zwar nicht nur die Banco Santander.
Fast 185 Milliarden Euro ist Santander an der Börse wert, während Inditex auf rund 177 Milliarden Euro kommt. Damit gehört das Institut, das die Vorstandsvorsitzende Ana Botín führt, auch zu den 125 teuersten Unternehmen Europas. Auf Rang 103 lag das Geldhaus hier per 15. Juni dieses Jahres. Im vergangenen Jahr stand es noch gar nicht auf der Liste.
Freilich sind noch viele andere Banken – vor allem große US-Institute wie J. P. Morgan und Morgan Stanley – auf den vorderen Plätzen vertreten. Aber für Europa ist Santander die Nummer eins. Zum Vergleich: Die Deutsche Bank weist lediglich eine Marktkapitalisierung von gut 65 Milliarden Euro auf. Die Commerzbank kommt auf rund 43 Milliarden Euro. Ihr italienischer Angreifer Unicredit auf 121 Milliarden Euro.
Stoxx Europe 600 Banks legt deutlich zu
Dass es auch für Europas Geldhäuser gut lief, verdeutlicht der Index Stoxx Europe 600 Banks: Er hat im zweiten Quartal mehr als ein Fünftel an Wert hinzugewonnen. Damit ist der Bankensektor der Bereich, der sich an der Börse am zweitbesten entwickelt hat – nach der Technologiebranche.
Der Kursanstieg hat ein solides Fundament: Santander zum Beispiel hat den Nettogewinn stark gesteigert und die Kosten gekappt. „Die Gesamtkosten sanken im ersten Quartal 2026 erneut – um drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – wodurch sich die Effizienzquote auf 42,8 Prozent verbesserte“, schreibt Analyst Alfredo Alonso von der Deutschen Bank. Das Institut empfiehlt die Aktie zum Kauf.
Das Muster gilt auch für viele andere europäische Institute, die nach Jahren der Nullzinsen nun von einem höheren Zinsniveau und einem strikteren Kostenmanagement profitieren. So bewertet Barclays den gesamten europäischen Bankensektor positiv und stuft viele große Institute – darunter Santander, Unicredit, ING, Intesa Sanpaolo und Commerzbank – mit „Übergewichten“ ein.
Das Analysehaus Market Grader ist zurückhaltender und rät bei Santander zum „Halten“. Die Fundamentaldaten seien „bestenfalls durchschnittlich, mit erheblichem Verbesserungspotential“. Besonders die Bilanzqualität bereite den Analysten Sorgen: Die Risikovorsorge decke nur 32 Prozent der notleidenden Kredite ab. Das sei ein dünnes Polster für den Fall einer wirtschaftlichen Eintrübung. Banken müssen für Kredite, bei denen die Gefahr besteht, dass Kunden sie nicht zurückzahlen, vorsorgen.
Für Privatanleger ist besonders die Ausschüttungspolitik relevant. Das Institut verfügt über eine gute Kapitalausstattung. Die wichtige harte Kernkapitalquote erreichte im ersten Quartal mit 14,4 Prozent ein Allzeithoch. Das schafft laut der Deutschen Bank Spielraum für Dividenden und Aktienrückkäufe.
J.-P.-Morgan-Chef Dimon warnt vor privatem Kreditmarkt
Hinzu kommt laut Bloomberg Intelligence, dass europäische Banken zunehmend sogenannte Significant Risk Transfers nutzen – ein technisches Instrument, mit dem sie Kreditrisiken auslagern und dadurch Kapital freisetzen, das dann für Ausschüttungen zur Verfügung steht. Das Potential könnte bei mehr als zehn Milliarden Euro allein in diesem Jahr liegen.
Bei aller Euphorie gibt es eine Gefahr im Verborgenen. Europäische Banken sind stark im privaten Kreditmarkt engagiert – also in Krediten, die nicht über die Börse, sondern direkt zwischen Kreditgeber und Schuldnern vergeben werden. Bloomberg Intelligence schätzt das Gesamtengagement auf mindestens 137 Milliarden Euro. Bei einer Verlustquote von fünf Prozent wären das sieben Milliarden Euro Verlust. Das sei, so die Fachleute, im Moment handhabbar. Aber auch J.-P.-Morgan-Chef Jamie Dimon warnt: „Wenn wir eines Tages wieder einen Kreditzyklus erleben – und das wird kommen –, werden die Verluste höher ausfallen als erwartet. Die Kreditstandards haben sich spürbar gelockert.“
