Auf den Bürofluren dominiert das Urlaubsziel des Sommers dieser Tage wieder manches Gespräch. „Bootstour in Dänemark“, sagt die junge Kollegin in Frankfurt. „Atlantikküste in Frankreich“, die andere. „Wir waren gerade in Thailand“, schwärmt die Dritte.
„Wir bleiben dieses Jahr zu Hause. Mal sehen, was vor der eigenen Haustür so los ist.“ „Wirklich?“ Die hochgezogene Augenbraue kann sich die Kollegin nicht verkneifen. Ein nickendes „Mh-mh“, in dem ein Hauch von Mitleid mitschwingt. Dahinter lauern unausgesprochene Fragen: Wollen die sich keinen „richtigen“ Urlaub gönnen – oder können sie es nicht? Halten sie es zu Hause aus? Und macht man das überhaupt freiwillig: daheim bleiben?
Urlaub als Flucht aus dem Alltag
Urlaub ist etwas Feines: andere Luft, zwangloser Alltag, raus aus der Routine. Man gönnt sich etwas, schlägt sich den Bauch voll und kehrt bestenfalls erholt und braun gebrannt zurück. Für manche ist es allerdings weniger Erholung als Flucht aus einem tristen Alltag, einem harten Job oder einer zu engen Wohnung. Im Urlaub lässt sich für ein paar Tage oder sogar Wochen in eine heilere Welt abtauchen. Raus aus dem Hamsterrad und mal richtig abschalten!

Das Bild ist längst Teil des Erlebnisses: Wer Fotos an malerischen Orten, beim Schnorcheln oder vom Sonnenaufgang knipst, kann sie daheim präsentieren. Urlaub ist zum Statussymbol mutiert, ohne dass es jemand zugeben würde. Zu Hause bleiben, das scheint in der kollektiven Urlaubslogik nicht vorgesehen. Höher, weiter, ferner – wen es nicht mindestens einmal im Jahr ins Ausland verschlägt, der hat offenbar etwas verpasst.
Wer stattdessen vom Ausflug zum See um die Ecke, von der Dauerkarte für den Zoo oder der Radtour ins Umland erzählt, blickt nicht selten in fragende Gesichter, als müsse da irgendwann noch „richtiger“ Urlaub folgen. Dabei wird das Naheliegende beharrlich unterschätzt. Deutschland bietet genug Orte und Gelegenheiten, die Jahr für Jahr viele Deutsche und dazu noch Gäste von weit her anziehen: Küsten und Wälder, Mittelgebirge und Altstädte, Weinberge, Seen oder Wildparks.
Selbst Niederschwelliges wie Pizza, Eis oder eine Schaukel im Garten bei Tante Käthe können am Ende mit All-inclusive-Buffet oder Kreuzfahrtdampfer mithalten, zumal Fernreisen mit der Familie nicht selten mindestens genauso viel Organisation und Stress wie Erholung bedeuten. Warum also in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Die Ferien zu Hause sollten sich nicht wie eine Niederlage anfühlen.
In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wöchentlich wechselnde Autoren mit einem Augenzwinkern über Kuriositäten im Arbeitsleben.
