
Das Zwetajewa-Zentrum in Freiburg, benannt nach der russischen Dichterin Marina Zwetajewa (1892 bis 1941), die als Kind ein Jahr lang in der Stadt lebte, ist ein mit der Albert-Ludwigs-Universität und der Stadtgesellschaft verbundenes Veranstaltungslabor, das durch Vortragsreihen, Lesungen, Ausstellungen und Künstlerbegegnungen intellektuelle Prozesse in osteuropäischen Ländern sowie die Forschung über sie einem breiteren Publikum vermittelt. Es wurde vor zehn Jahren von der Freiburger Slawistin Elisabeth Cheauré gemeinsam mit Akteuren aus Politik und Wirtschaft sowie der Universität und der Stadt Freiburg gegründet.
Nachdem der Fokus zunächst auf Russland lag, verschob er sich seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in die Ukraine 2022 auf das „andere Russland“ der Dissidenten und Emigranten sowie auf postsowjetische Länder im Südkaukasus und Zentralasien. Im zu Ende gehenden Sommersemester widmete sich eine Veranstaltungsreihe Armenien: Die Politologin Veronika Zabolotsky analysierte, wie sich das Land mit Hilfe seiner Diaspora zu entwickeln versucht, hochartifizielle Filme des Sowjetarmeniers Sergej Paradschanow wurden vorgestellt sowie Literatur, die den Armenien-Genozid verarbeitet. Im März hatte das Zentrum eine Reise Freiburger Wissenschaftler und Künstler nach Armenien organisiert. Vorträge, die die Memorial-Mitbegründerin Irina Scherbakowa über Erinnerungsarbeit und die Politologin Ekaterina Schulman über die Renaissance des Autoritarismus hielten, sind auf YouTube abrufbar.
Das Zwetajewa-Zentrum ist eine breit wahrgenommene Brücke zwischen Hochschule und Gesellschaft. Doch die Universität, die 2022 schon die finanzielle Unterstützung des Zentrums einstellte, kündigt ihm nun zum Jahresende auch den bisher zur Verfügung gestellten Raum und beendet die Kooperation. Die Hochschulleitung erklärt dazu, die Veranstaltungen des Zentrums seien nicht ausreichend an die universitäre Forschung und Lehre angebunden.
Dem widerspricht, dass das Zwetajewa-Zentrum Partner für das von der DFG gefördete Freiburger Graduiertenkolleg zum Thema Imperien ist und eine Ausstellung über (Post-)Kolonialismus vorbereitet. Das Zentrum kooperiert insbesondere mit den Uni-Instituten für Slawistik, Geschichte und Kunstgeschichte. Der städtische Jahreszuschuss von 37.230 Euro finanziert Mini-Jobs dreier wissenschaftlicher Mitarbeiter, doch der Rausschmiss durch die Universität gefährdet das Zwetajewa-Zentrum in seiner Existenz. Cheauré und ihre Mitstreiter suchen nun Wege, ihre Arbeit fortzusetzen.
