
Die Mission „Logistischer Lockdown“ ist ein Erfolg. Spätestens seit Mai nehmen ukrainische Drohnenpiloten systematisch russische Nachschubwege ins Visier – und das in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Aufnahmen zeigten zahlreiche getroffene Lastwagen und andere militärische Fahrzeuge auf der wichtigen Fernstraße R-280. Moskau bezeichnet die zentrale Transportroute, die das russische Rostow am Don über besetzte ukrainische Gebiete mit der annektierten Krim verbindet, als „Neurussland“. Ukrainische Militärs haben der Strecke jetzt einen passenderen Namen gegeben: Highway of Death.
Die Drohnenblockade der Krim zeigt Wirkung. Hunderte Tanklaster sollen seit Beginn der Kampagne zerstört worden, der russische Verkehr im Juni um rund 70 Prozent eingebrochen sein. Laut russischen Angaben wirft die Ukraine auch Minen aus der Luft ab. Taktisch würde das Sinn ergeben. Dazu kommen Angriffe auf Züge, Brücken und Treibstofflager. Das erklärte Ziel der Ukraine ist, die Halbinsel vollständig zu isolieren. Und sie scheint auf einem guten Weg dorthin. Die Krim hat mit erheblichen Versorgungsengpässen zu kämpfen, der Gouverneur der Besatzer hat den Ausnahmezustand ausgerufen.
Das Erfolgsmittel der Ukraine heißt „mid-range strikes“. Also Drohnenangriffe mittlerer Reichweite, in der Regel zwischen 20 und 200 Kilometern. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte solche Einsätze zu einer Priorität; das Verteidigungsministerium will mehr als 100 Millionen Dollar in die Beschaffung zusätzlicher Systeme stecken. Kiew setzt dabei auf neue und modifizierte Drohnen mit verbesserter Reichweite und Präzision. Sie haben eine Starlink-Internetverbindung und fliegen im letzten Flugabschnitt mithilfe von Künstlicher Intelligenz autonom in ihr Ziel.
Elektronische Gegenmaßnahmen sind wirkungslos
Die elektronische Kampfführung der Russen ist derzeit weitgehend wirkungslos gegen sie. So setzt Kiew dem Aggressor mit weiterentwickelten ukrainisch-amerikanischen Hornet-Drohnen zu, die unter russischen Soldaten besonders gefürchtet sind. Aber auch gänzlich heimisch produzierte Fluggeräte wie die FP-2, Bulava oder Behemoth sind Teil der neuen Angriffe im militärischen Mittelfeld.
Die Drohneneinsätze sind auch deshalb so erfolgreich, weil Kiew seit Jahresbeginn gezielt Flugabwehrsysteme auf der Krim ausgeschaltet hat und Russland nach wie vor mit der Abschaltung von Starlink zu kämpfen hat. Die Ukraine weitet damit ihre „Tötungszone“ aus und schließt die Lücke zwischen Langstreckenangriffen auf strategische Ziele im russischen Hinterland und Drohneneinsätzen nahe der Front.
Russische Militärblogger sind in Alarmstimmung. „Sie brennen einfach alles nieder“, schrieb einer, derzeit gebe es keine Lösung für das Problem. Vormals „sichere Häfen“ seien nun keine mehr, schrieb ein anderer: Das werde ein schwieriges Jahr. Die ukrainische Drohnenkampagne bedroht nicht nur den russischen Tourismus auf der Krim, sondern auch die Offensivbemühungen der Invasoren im Süden der Ukraine. Die Nachschubrouten, die nun unter Feuer stehen, sind überlebenswichtig für die russischen Kämpfer an der Front.
Gegenstöße bis zur Krim?
Die Ukraine könnte die geschwächten Linien für Gegenstöße nutzen. Vielleicht sogar bis zur Krim? Dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Aber die Russen dürften gewarnt sein. Vor Kurzem meldete das ukrainische Militär den Rückzug feindlicher Soldaten von Stellungen auf der strategisch wichtigen Kinburn-Halbinsel, die Moskau seit 2022 besetzt. Erzwungen habe man das durch vorige Angriffe auf Versorgungslinien im Süden; laut ukrainischen Partisanen wurden russische Einheiten so von Munition, Treibstoff und Lebensmitteln abgeschnitten.
Ihre neue Drohnentaktik haben sich die Ukrainer von den Russen abgeschaut. Moskau hatte vergangenes Jahr ukrainische Nachschublinien in mittlerer Reichweite massiv ins Visier genommen und so erstmals nach längerer Zeit einen größeren Durchbruch auf dem Schlachtfeld erzielt. Es gelang Kiew aber, die Front wieder zu stabilisieren. Daten der Luftwaffe zeigen, dass die Ukrainer seit diesem Frühjahr deutlich mehr Drohnen abfangen als noch 2025.
Das Blatt kann sich schnell wenden
Das zeigt auch, wie schnell sich das Blatt in diesem Krieg wenden kann. Die Ukraine ist derzeit im Vorteil. Russland wird aber, wie schon oft, Wege finden, um den Vorsprung wettzumachen. Das könnten elektronische Gegenmaßnahmen sein oder Starlink-Alternativen. Für Kiew hat sich ein Zeitfenster geöffnet, das das Land nutzen muss. Die westlichen Verbündeten sollten ihre Unterstützung für die Ukraine gerade jetzt, da Russland Schwäche zeigt, gezielt ausweiten.
Das bedeutet vor allem mehr Geld für die dortige Rüstungsindustrie. Kiew hat längst bewiesen, dass es die Kriegsführung neu erfunden hat, es werden nur noch verhältnismäßig wenige Waffen importiert. Aber die Industrie könnte weitaus mehr produzieren, wäre mehr Geld da.
Die zusätzlichen Milliarden, welche die NATO-Staaten auf Initiative des deutschen Außenministers der Ukraine nun zur Verfügung stellen wollen, zielen auf diese Lücke ab. Es ist die richtige Entscheidung. Die westlichen Partner handeln, bevor sich das Zeitfenster für die Ukraine wieder schließt.
