
Am Anfang einer Stadtmodernisierung steht ein gemeinsames Projekt. Es kann zum Beispiel öffentliches Baden in einem Fluss oder im Meer sein. So war es in Kopenhagen der Fall. Das Areal um den Nordhafen war vor drei Jahrzehnten ziemlich heruntergekommen. „Ich habe ja vor 30 Jahren schon einmal in Kopenhagen gelebt“, erzählt der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) gegenüber der F.A.Z. „Und damals war die Stadt bankrott, hatte hohe Arbeitslosigkeit und die Viertel, wo man heute auf der Straße Kaffee trinken kann, waren offene Drogen-Szenen oder Stadtautobahnen.“
Ein gemeinsames Projekt sei der urbane Wandel geworden, nachdem das Wasser sauberer gemacht wurde. Das erleichterte es, öffentliche Badestellen zu errichten. „Das ist nicht nur ökologisch ein guter Gedanke, sondern auch gesellschaftlich“, sagt Habeck. „Denn im Badeanzug oder in der Badehose sind Menschen ziemlich gleich. Und das Wasser steht allen offen, den Millionären wie den Arbeitslosen.“ Eine solche Entwicklung müsse auch in deutschen Städten möglich sein, findet der frühere Vizekanzler. Deshalb wird er vom 1. August an dem Beratungsgremium des dänischen Immobilieninvestors Urban Partners als Senior Advisor angehören. Neben ihm schließen sich die beiden ehemaligen Oberbürgermeister Kopenhagens, Lars Weiss und Jens Kramer Mikkelsen, dem Gremium an.
„Man muss sehen, dass privates Kapital dem öffentlichen Zweck dient. Das ist das, was mich am meisten interessiert und umtreibt“, sagt Habeck. Profitmaximierung auf dem Immobilienmarkt führe nicht zu Städten mit hoher Lebensqualität. In Deutschland sei die Vorstellung noch verbreitet, dass der private Markt Luxuswohnungen baue und die öffentliche Hand sich um Sozialwohnungen kümmere. Urban Partners engagiere sich seit Längerem für ein Modell, in dem die soziale Infrastruktur von Städten im Vordergrund stehe. Neben Kopenhagen steht etwa das Viertel King’s Cross in London für diesen Ansatz.
Von attraktiven Quartieren profitieren Händler und Makler
Urban Partners bemüht sich darum, die Quartiere im Kontext mit Einzelhandel, Nahverkehr und Aufenthaltsqualität zusammenzudenken. Dabei spielt ein niedriger Energieverbrauch eine zentrale Rolle. Die Zusammenarbeit von privaten Unternehmen und öffentlicher Hand müsse besser verzahnt werden, sagt Geschäftsführer Jens Stender. „Herausforderungen wie Wohnungsbau, Klimaschutz, wirtschaftliche Entwicklung und soziale Teilhabe sind miteinander verknüpft und müssen deshalb zusammen angegangen werden“, sagt er. Verschiedene Akteure müssten gemeinsam an einem Leitbild arbeiten. So lasse sich privates Kapital für die nachhaltige Transformation von Städten einsetzen.
Die Arbeit des Immobilieninvestors ist dabei von der Überzeugung getrieben, dass Quartiere, die langfristig attraktiv sind, auch bessere geschäftliche Aussichten für Einzelhandel und Immobilienmarkt mit sich bringen. „Wenn man das vernünftig gestaltet, entstehen auch höhere Investitionserträge, weil man reale Probleme löst“, sagt Jesse Shapins, Leiter Urban Regeneration von Urban Partners im Gespräch mit der F.A.Z. Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadt- und der Hafenverwaltung seien Gründe dafür gewesen, warum er vor dreieinhalb Jahren von Google wechselte.
Nie seien die Gebäude allein verantwortlich für den Erfolg einer Quartiersentwicklung. Der Nordhafen von Kopenhagen lebe von der Mischung der Einzelhandelsgeschäfte. In King’s Cross sei die nahe Kunsthochschule und die Aufwertung eines Kanals ausschlaggebend für die Attraktivität des Viertels. „Die Räume zwischen den Gebäuden, das öffentliche Gefilde, diese Anker des städtischen Lebens untermauern diese Stategie“, sagt er. Ausgangspunkt solcher Projekte könnten Brachflächen sein, die in einer Stadt vorhanden sind – seien sie in städtischer Hand oder im Besitz von Unternehmen, die sie nicht weiter benötigten.
Es geht um kurze Wege
So könne ein Immobilienentwickler nicht an der Kommune vorbei definieren, wo das Potential für die Wiederbelebung von Quartieren liege. „Große Flächen in Metropolen sind gut bekannt“, sagt er. Urban Partners habe sich einen Namen als Partner für Nachhaltigkeit und Klimaschutz gemacht. Dazu hat beigetragen, dass das dänische Unternehmen als privater Investor Mitglied des Klimanetzwerks C40 von internationalen Kommunen mit hohem klimapolitischem Anspruch ist. „So haben wir ein festes Netz und Beziehungen mit diesen Städten aufgebaut und haben auch mit vielen von ihnen über viele Jahre zusammengearbeitet“, sagt Shapins.
Urban Partners trete für die Philosophie einer Stadt der 15 Minuten ein, in der wesentliche Angebote für die Bürger in kurzer Distanz zu finden sind. In Kopenhagen sei dies häufig sogar in einem Radius von fünf Minuten der Fall, sagt Shapins. Wenn von der Schule bis zu Alltagsgegenständen, vom Park bis zum Büro alles in der Nähe sei, entstünden dadurch auch Gebiete, die für Investoren attraktivere Renditen bringen.
Das Engagement Robert Habecks ist Teil einer stärkeren Fokussierung auf den deutschen Markt. „Ich nehme in deutschen Städten einen großen Appetit wahr, die Entwicklung schneller voranzutreiben“, sagt Shapins. „Es gibt einen hohen Bedarf an neuen Wohnungen und mit dem Wunsch nach mehr Tempo geht ein Interesse an hoher Qualität einher.“
Habeck will deutschen Städten helfen
Wichtige Investoren von Urban Partners sind Copenhagen Infrastructure Partners und die Bismarck Generations Group aus Deutschland. Altersvorsorgeeinrichtungen wie Pension Denmark and Sampensions sind ebenfalls beteiligt. Zur Hinwendung nach Deutschland gehört auch, dass sich der Fonds von Urban Partners deutschen Investoren bekannter machen will.
Teil des Städtewandels in Kopenhagen ist der starke Ausbau der Fahrradinfrastruktur in den vergangenen 30 Jahren. Auch Shapins hat es verblüfft, dass aus der gerade abgewendeten Insolvenz der Stadt eine Aufwärtsdynamik entstanden ist. Fahrräder spielen dabei keine kleine Rolle. „Es geht nicht nur darum, dass die gesündeste Art der Fortbewegung ist oder dass die Menschen es wegen der Umwelt machen. Es ist auch die einfachste und schnellste Art, sich zu bewegen“, sagt Shapins.
Und damit landet man wieder bei Robert Habeck. Auch in Deutschland gebe es viel Potential, alte Brachen zu entwickeln, statt auf der grünen Wiese zu bauen. Wegen ihrer Konsensorientierung gelinge es skandinavischen Ländern besser, solche Projekte zu gestalten. „Das ist bekanntermaßen für ganz Deutschland derzeit schwer herzustellen. Aber den Städten und Kommunen gelingt es immer wieder. Und dann müssen verschiedene Akteure sich für ein gemeinsames Ziel zusammenschließen“, sagt der Grünen-Politiker und künftige Senior Advisor. Er wolle helfen zu bauen in einer Zeit, in der es normal sei, zu zerstören.
