
Eine Neuordnung auf Europas Billigflugmarkt rückt näher. Easyjet, nach Ryanair der zweitgrößte Anbieter im Low-Cost-Segment, sperrt sich nicht länger gegen eine Übernahmeofferte der US-Investmentgesellschaft Castlelake. Nach dem erhöhten und nunmehr fünften Angebot teilten der Easyjet-Vorstand und Castlelake mit, sie hätten eine „grundsätzliche Vereinbarung“ erzielt. Der Investor biete je Aktie jetzt 6,90 Pfund. Insgesamt wären das laut einem Sprecher 5,5 Milliarden Pfund (6,4 Milliarden Euro). Der Anlauf zur Übernahme startete Ende Mai mit einem Angebot über 3,2 Milliarden Pfund. Die ersten Offerten hatten die Briten von Easyjet als „hochgradig opportunistisch“ abgelehnt.
An der Börse kam die Mitteilung gut an, der Easyjet-Aktienkurs stieg im Handelsverlauf am Montag um rund zehn Prozent. Seit der ersten Offerte ist er um rund 50 Prozent gestiegen, liegt aber noch weit unter dem Vor-Corona-Niveau. Castlelake hat nach den britischen gesetzlichen Übernahmeregeln nun bis Anfang August Zeit, um ein vollständiges Angebot vorzulegen. Easyjet schrieb in seiner Mitteilung, es gebe noch Bedenken hinsichtlich der „Eigentümerstruktur“ und der Durchführbarkeit von Castlelakes Plänen.
Easyjet war vor drei Jahrzehnten vom zyprisch-britischen Unternehmer Stelios Haji-Ioannou gegründet worden. Die Familie ist noch mit gut 15 Prozent beteiligt. Easyjet betreibt 356 Flugzeuge – weniger als der irische Ryanair-Konzern mit 647 Flugzeugen, aber mehr als die ungarische Wizz Air mit 262 Flugzeugen, die nach eigenen Angaben führender Billigflieger in Osteuropa ist.
Was an Easyjet attraktiv ist
Auch finanziell liegt Easyjet hinter Ryanair zurück. Der größte Billigflieger setzte zuletzt mit 208 Millionen Passagieren 15,5 Milliarden Euro um. Als Überschuss blieben 2,2 Milliarden Euro. Easyjet hatte für das Ende September 2025 abgeschlossene Geschäftsjahr 93 Millionen Passagiere, umgerechnet 11,8 Milliarden Euro Umsatz und rund 580 Millionen Euro Gewinn nach Steuern ausgewiesen. Wizz Air meldete für das Ende März abgeschlossene Geschäftsjahr knapp 70 Millionen Passagiere, 5,7 Milliarden Euro Umsatz und einen Minigewinn knapp über der Nulllinie.
Aus Sicht von Castlelake dürften an Easyjet zwei Dinge attraktiv sein: die Flotte mit laut jüngstem Geschäftsbericht 356 Flugzeugen, von denen 205 Easyjet gehören, sowie Startzeitfenster (Slots) an größeren Flughäfen. Während Ryanair oft kleinere Airports ansteuert, ist Easyjet an verkehrsreichen Standorten wie Paris und Mailand präsent und erreicht in London-Gatwick nach Flugbewegungen fast 50 Prozent Marktanteil.
Obwohl Castlelake beteuert, Easyjets künftiges Wachstum unterstützen zu wollen, hält der Luftfahrtfachmann Alex Irving vom Analysehaus Bernstein eine Zerschlagung für das wahrscheinlichste Szenario. Betriebsteile würden demnach samt Slots an große europäische Airlines gehen, Bestellungen aus dem fast 300 Flugzeuge umfassenden Orderbuch könnten an außereuropäische Gesellschaften gehen. Die Folge wäre ein gedämpftes Kapazitätswachstum in Europas Luftfahrt, wirtschaftlich würden davon innereuropäische Wettbewerber profitieren, schrieb Irving.
Noch ist aber vieles unklar. Der Chef von Air France-KLM, Ben Smith, hatte schon Interesse an Easyjet erkennen lassen. Das Slot-Portfolio des Billigfliegers nannte Smith „sehr beeindruckend“. Bei der skandinavischen Fluggesellschaft SAS war Air France-KLM zusammen mit Castlelake eingestiegen. Für Lufthansa dürfte der Zugriff auf einige Teile von Easyjet indes schwieriger sein. Easyjet hatte in Italien Flugrechte übernommen und damit Lufthansa geholfen, Wettbewerbsauflagen für die Übernahme der Gesellschaft ITA durch die Deutschen zu erfüllen.
Analysten von JP Morgan erklärten mit Blick auf den Castlelake-Plan für Easyjet, entscheidend werde sein, ob die vorgeschlagene Eigentümer- und Kontrollstruktur Wettbewerbsbehörden und die EU zufriedenstelle. Laut EU-Regeln müssen Fluggesellschaften, die innerhalb der EU operieren, mehrheitlich im Besitz von EU-Eigentümern sein. Doch gibt es dafür wohl auch Lösungsmöglichkeiten. Castlelake hat angekündigt, dass sie mit dem früheren Ryanair-Vorstand Peter Bellew und dem ehemaligen Arajet-Chef Mark Breen zusammenarbeiten, um die EU-Regeln einzuhalten.
