
Die Uraufführung der Kammeroper „Accabadora“ im Théâtre du Jeu de Paume in Aix-en-Provence entsprach noch einem Herzenswunsch von Pierre Audi. Der im Mai vergangenen Jahres gestorbene ehemalige Intendant, selbst aus Beirut gebürtig, hatte für das Opernfestival in dem südfranzösischen Städtchen die Reihe „Méditerranée“ in Verbindung mit zeitgenössischen Werken ins Leben gerufen, um das klassische Repertoire zu erweitern und gezielt Autoren, Komponisten, Interpreten aus dem Mittelmeerraum einzuladen.
Das Anliegen wird mit „Accabadora“ nun unter dem neuen Generaldirektor Ted Huffman mehrfach eingelöst: Die Hauptrolle wird von der israelischen Altistin Noa Frenkel gestaltet, das Sujet folgt dem gleichnamigen preisgekrönten Roman der Autorin Michela Murgia aus Sardinien (2009).
Sardische Traditionen sind auch dem italienischen Komponisten Francesco Filidei, geboren 1973, vertraut, der selbst in Pisa bei seiner sardischen Großmutter aufgewachsen ist. Es gehört zu den musikalisch stärksten Momenten der Achtzig-Minuten-Oper, wenn ein Quartett aus Männerstimmen den volkstümlichen „Cantu a tenóre“ anstimmt. Bei den gesungenen Versen in sardischer Sprache werden durch Quintintervalle reizvolle Obertonschwingungen freigesetzt, ein geradezu mysteriöses Element, wenn der Chor unsichtbar bleibt wie hier in „Accabadora“.
Das ist tiefstes zwanzigestes Jahrhundert!
Thema des Musiktheaterstücks ist die Atmosphäre in einem rückständigen sardischen Dorf des tiefsten zwanzigsten Jahrhunderts. Die Männer betreiben Wein- oder Bergbau, die Frauen nähen, weben und kneten Teig. Witwen tragen jahrzehntelang Schwarz. Manche Menschen sind schweigsam und ernst, andere lachen gern.
Die Accabadora oder Tzia Bonaria Urrai, eine kinderlose verwitwete Schneiderin, wird im Dorf besonders respektiert, weil ihr nachgesagt wird, ein besonderes Verhältnis zum Tod zu haben. Sie repräsentiert das matriarchalische Erbe der „letzten Mutter“ und wird jeweils zu einem Sterbenden gerufen. Zunächst aber nimmt sie in einem Akt der Mitmenschlichkeit ein neugeborenes Mädchen als Tochter auf, das eine arme kinderreiche Familie über Gebühr belastet hätte. Die junge Maria ist das leuchtende, unbeschwerte Gegenstück zur ernsten Tzia, sie ist anstellig und intelligent. Die Adoptivmutter bringt Maria bei, was man tut und was man nicht tut; das Verhältnis ist trotz äußerer Strenge der Tzia eng und vertraut.
Es ist der Regisseurin Valentina Carrasco hoch anzurechnen, dass sie sich mit Sorgfalt und Humor auch den kleinen konkreten Handlungen widmet, die das Frauenleben im Dorf bestimmen, dem Traubenstampfen, den Backorgien als Vorbereitung zu einer Hochzeit. Sogar einer Fahrradreparatur sehen wir zu, das Intermezzo inklusive Fahrradklingel ist auch bezeichnend für die musikalische Dramaturgie aus ernsten und komischen Szenen. Ob die Vogelstimmen, besonders der Kuckuck, jahreszeitmäßig zur Weinlese passen, erscheint zweifelhaft, aber wie sich die grünen Reben schwer und voll von oben herabsenken, ist ein poetisches Bild des Lebens (Bühne Marieangela Mazzeo).
Ausweglose Verstrickung
Das Drama, die Tragödie bricht herein, als der jähzornige Nicola in einem Nachbarschaftsstreit Feuer an einen Weinberg legt und selbst ins Bein geschossen wird. Da das Bein amputiert werden muss, will der junge, kräftige Mann nicht mehr leben, sieht sich als nicht mehr wertvoll an. Er fleht die Accabadora an, ihm zum Tod zu verhelfen. Zuerst wehrt sie entsetzt ab, es liege „kein Segen“ darauf, doch in der Nacht von Allerheiligen leistet sie ihm heimlich Sterbehilfe. Die Klage, die danach im Haus des Getöteten anhebt — solistische und chorische Frauenstimmen singen über einem unruhig gehenden Bass auf Sardisch —, demonstriert die Ausweglosigkeit der Situation, die durch Nicolas Tod nicht gebessert wurde. Zwar möchte das Libretto von Francesco Filidei und Manuelle Mureddu einen ethischen Aspekt der Tötungs-Handlung betonen, aber die kraftvolle und vergleichsweise lange musikalische Reaktion darauf spricht eine andere Sprache, die der tiefen Erschütterung.
Gebrochen ist Andri, der jüngere Bruder, der die Accabadora nachts hat kommen sehen. Zerstört ist das Verhältnis zwischen Maria und ihrer „Mutter“, die sie nun als Mörderin ansehen muss. Maria bindet sich ein Kopftuch um und reist per Schiff nach Turin, um ein eigenes Leben zu beginnen. Der heimische Männergesang begleitet sie: Er neutralisiert die großen Emotionen und bringt Distanz zwischen ihr verstörtes Inneres und die heimatliche Insel.
Als Kammeroper überzeugt „Accabadora“ durch das leichte Textverständnis; Handlungssprache ist Italienisch, alle rituellen Gesänge sind auf Sardisch. Mit großer Präzision führt die Dirigentin Lucie Leguay durch die Partitur. Die siebzehn Instrumentalistinnen und Instrumentalisten der Opéra de Lyon in dem Miniatur-Orchestergraben begleiten die Sänger auf der Bühne geschmeidig wie Windesrauschen, machmal hört man einen Frosch quaken.
Auch wenn im ländlichen sardischen Milieu wohl eher nicht viele Worte gemacht werden, hätte man sich einen vertiefenden Monolog oder eine Arie vor allem der Accabadora gewünscht; in der großen Klageszene zeigt der Komponist ja, dass er vor Pathos nicht zurückscheut. Die Sänger tragen das Stück mit großer Bühnenpräsenz: Noa Frenkel (Accabadora) und Rachel Masclet (Maria), Lodovico Ravizza (Nicola), Hugo Brady (Andri) und Victoire Bunel in allein vier verschiedenen Rollen. „Accabadora“ wird auch am Teatro Comunale di Bologna, bei den Tiroler Festspielen Erl, an den Opernhäusern Lyon und Dijon sowie am Stadttheater Luxembourg zu sehen sein.
