Gemeinsam leben, die Nachbarn gut kennen, mit ihnen feiern und sich bei Bedarf gegenseitig helfen: Das will das Projekt „Gemeinschaftlich Wohnen Bierstadt-Nord“ in Wiesbaden ermöglichen. 37 Wohnungen entstehen derzeit in dem Neubaugebiet und werden frühestens im Dezember dieses Jahres bezogen.
Es soll ein „Dorf in der Stadt“ werden, sagt der erste Vorsitzende des gleichnamigen Vereins, Andreas Börner, der das Projekt initiiert hat, im Gespräch mit der F.A.Z. In einer Gesellschaft, in der die Menschen immer älter werden und oft allein leben, trifft das gemeinschaftliche Wohnen einen Nerv. Die Warteliste, um dort einziehen zu dürfen, ist entsprechend lang.
Das gilt allerdings auch für die Entstehungsgeschichte, denn die Idee für das Projekt ist nach Auskunft des 67 Jahre alten Vorsitzenden vor 20 Jahren entstanden, vor etwa acht Jahren nahm sie konkretere Formen an. Seitdem treffen sich die Vereinsmitglieder mindestens einmal im Monat. Der Verein konnte die städtische Wohnungsgesellschaft GWW als Partner gewinnen. 2018 gründete sich das Mehrgenerationenprojekt.
Fünf dreigeschossige Gebäude entstehen
Bei der ersten städtischen Ausschreibung zur Konzeptvergabe „Gemeinschaftliches Wohnen“ setzte sich der Verein durch. In der Folge erhielt die GWW im Jahr 2025 das Grundstück von der Stadt in Erbpacht und baut nun fünf dreigeschossige Gebäude mit einer Baugrundfläche von rund 4100 Quadratmetern.
Die Baukosten betragen nach Auskunft von GWW-Geschäftsführer Thomas Keller rund 13 Millionen Euro. Architekten sind die Wiesbadener 3deluxe architecture mit Partnerbüro Urbach und Falter. Die Gebäude sollen in Holzhybridbauweise mit einer Bruttogeschossfläche von etwa 5800 Quadratmetern errichtet werden.

Von den insgesamt 37 Wohnungen sind schon 36 fest vergeben. Laut Börner steht noch nicht fest, wer der 37. Mieter sein wird. Der Verein hat 52 erwachsene Mitglieder, 22 Kinder gehören ebenfalls dazu. Die Entscheidung, wer in die Wohnungen einziehen darf, liegt allein beim Verein. Die Mietverträge werden jedoch einzeln mit der GWW abgeschlossen. „Wir suchen uns aus, wer dort einzieht. Von den 37 Wohnungen werden 18 von Mietern bewohnt, die seit mehr als sieben Jahren dabei sind“, sagt der ehemalige Wirtschaftsingenieur und fügt an: „Wir verfügen über viele langjährige Mitglieder, die sich seit vielen Jahren engagieren.“
Besonders freut sich Börner darüber, dass auch Familien mit kleinen Kindern dazugehören. „Etwa die Hälfte sind ältere Menschen über 60, und die anderen sind jünger. Für ein Wohnprojekt ist das ganz gut“, sagt er. Grundsätzlich kann nur Mieter werden, wer auch Mitglied des Vereins ist.
200 Quadratmeter Gemeinschaftsflächen
Mit dem Einzug ist nur ein Teil der Mission erfüllt, denn laut Börner geht es auch darum, die Anlage mit Leben zu füllen. „Gemeinschaft entsteht durch Engagement“, steht auf einem großen Plakat an dem Rohbau. Der Verein will daher mehr als 200 Quadratmeter in dem vorderen Gebäude im Souterrain als Gemeinschaftsflächen mieten. „Dort öffnen wir uns mit einer Terrasse in Richtung Quartier“, beschreibt Börner das Vorhaben. Die Fläche kostet etwa 3000 Euro Miete im Monat. „Wir müssen schauen, wie wir das bespielen, um das zu finanzieren“, führt er weiter aus.
Innerhalb der Gemeinschaftsflächen soll es unter anderem einen Raum für öffentliche Veranstaltungen geben. „Wir wollen auch Plätze für Homeoffice schaffen, das aber flexibel gestalten“, sagt der Wiesbadener. Zudem wird es eine Werkstatt und einen Kreativraum geben. Kurse für Kinder oder ältere Menschen sind geplant, und im sogenannten „Wohnzimmer“ soll sich die Gruppe treffen. Dort ist dann auch ein Raum zum Toben für die Kinder vorgesehen.
Die Warteliste ist wie erwähnt lang, vor allem alleinstehende Frauen im Alter von mehr als 60 Jahren haben sich laut Börner angemeldet. „Die sind sich am ehesten bewusst, dass sie nicht vereinsamen wollen und dafür etwas tun müssen“, sagt der Vorsitzende. „Der größte Vorteil unseres Projektes ist, in einer Gemeinschaft zu leben.“ Folgerichtig sei auch niemand dabei, der einfach nur seine Ruhe haben wolle. Man müsse sich schon ein wenig engagieren und einbringen, ist er überzeugt.
Die Kaltmiete liegt je nach Wohnungsgröße bei einem Quadratmeterpreis von zwölf Euro. Zusätzlich müssen die Mieter eine Umlage für die Gemeinschaftsflächen zahlen. „Das macht noch einmal etwas mehr als einen Euro pro Quadratmeter aus“, erklärt Börner. Die Wohnungen haben je nach Zimmerzahl eine Größe von 55 bis 85 Quadratmetern. Es gibt 25 Stellplätze in der Tiefgarage. Die Eingänge liegen alle in Richtung Osten und sind durch eine Art Laubengang verbunden. Jede Wohnung verfügt über einen Balkon. Der Fernblick von Bierstadt aus ist sehr gut.
Das Gebäude ist ein KfW-40-Haus mit Wärmepumpe und Photovoltaikanlagen. GWW-Chef Keller ist ebenfalls von dem Projekt überzeugt und kann sich vorstellen, dass seine Gesellschaft auch künftig als Partner für solche Initiativen zur Verfügung steht.
Die Chancen dafür stehen gut, denn es gibt in Hessen zahlreiche weitere gemeinschaftliche Wohnprojekte, die sich in verschiedenen Phasen befinden und zum Teil noch Mitbewohner suchen. Einen Überblick bietet die Internetseite https://wohnprojekte-hessen.de/gemeinschaftliche-wohnprojekte-hessen. Dort gibt es auch einen Verweis auf die hessische Landesberatungsstelle gemeinschaftliches Wohnen, die vom Netzwerk Frankfurt im Auftrag des hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Energie und Wohnen betrieben wird. Wer sich bundesweit für solche Projekte interessiert, findet Informationen auf der Seite https://www.wohnprojekte-portal.de der gemeinnützigen Stiftung Trias.
