
Eine neue Studie, für die das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW), die Universität St. Gallen und die Bertelsmann-Stiftung rund 900 kleine und mittlere Unternehmen im ganzen Land befragten, gibt nun einen genaueren Einblick in die politischen Haltungen und die Sicht auf die eigene gesellschaftliche Rolle. 93 Prozent der befragten Unternehmen bewerten die Demokratie demnach als wichtig für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Sie schaffe Rechtsstaatlichkeit, unternehmerische Freiheit, Planungssicherheit, offene Diskurse und Schutz vor Willkür.
Vertrauen in Institutionen angekratzt
Allerdings sieht die weit überwiegende Zahl der Unternehmensvertreter die Demokratie aktuell unter erheblichem Druck, vor allem weil das Vertrauen in demokratische Institutionen angekratzt sei. Auch gesellschaftliche Polarisierung und wirtschaftliche Schwäche werden von der großen Mehrheit als Risiken wahrgenommen.
Unterschiede zeigen sich zwischen Ost- und Westdeutschland. 73 Prozent der befragten Unternehmen im Westen halten die Demokratie für „sehr wichtig“, im Osten sind es nur 56. Die Ursache dafür lasse sich auf Basis der vorliegenden Daten nicht abschließend klären, schreiben die Autoren. Eine mögliche Erklärung sei aber die um 30 Prozentpunkte niedrigere Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie in der ostdeutschen Bevölkerung.
Diese Unzufriedenheit wurde auch in Einzelinterviews spürbar, die die Wissenschaftler ergänzend führten. Ein Unternehmensleiter wird zitiert: „Die Unzufriedenheit merkt man überall: in der Belegschaft, im Freundeskreis. (…). Man ist mit der Lage nicht mehr zufrieden. Was der Staat ausgibt, stagniert. Es wird zu wenig in die Bildung investiert, es wird zu wenig in die Infrastruktur investiert, die Straßen sind schlecht, die Telekommunikationsverbindungen.“
Ihre eigene Rolle sieht die Mehrheit der Unternehmen nicht als passive Beobachter. Sie ist vielmehr der Meinung, selbst etwas zur Stärkung der Demokratie tun zu sollen. Acht von zehn Unternehmen haben dies in den vergangenen drei Jahren den eigenen Angaben zufolge auch getan – sei es durch das Verankern demokratischer Grundsätze im Unternehmensleitbild oder durch Engagement in Verbändern, Kammern und Netzwerken. IW-Forscher Matthias Diermeier kommentierte: „Die Bereitschaft zum Demokratieengagement ist da. Was oft fehlt, sind Zeit, Ressourcen und Klarheit darüber, was im Alltag tatsächlich wirksam ist.“
Mögliche Wahlerfolge der AfD treiben die Unternehmensvertreter schon jetzt um. Die qualitativen Interviews ließen dabei unterschiedliche Reaktionsmuster erkennen, fassen die Wissenschaftler zusammen. Es bestehe die Sorge, dass heutige, deutlich demokratische Positionierungen im Falle einer AfD-Regierung zu einem Problem werden könnten. „Aber wenn sich ein Unternehmen jetzt gegen die AfD positioniert, und irgendwann kommt die AfD an die Macht und erinnert sich daran, dass dieses Unternehmen gegen die AfD war, kann ich das schon verstehen, dass es vielleicht Auswirkungen auf das Unternehmen hat“, wird ein Geschäftsleiter zitiert. Offen in Betracht gezogen werde die „Möglichkeit einer strategischen Zurückhaltung oder Anpassung des eigenen Auftretens für den Fall politischer Veränderungen“. Die Wissenschaftler zitieren einen Unternehmensvertreter: „Das kann ich mir schon vorstellen: also wenn die richtigen Parteien an den Drücker kommen, dass ich da durchaus vorsichtiger wäre.“
