
In China erhalten dieser Tage mehr als zwölf Millionen Schüler die Ergebnisse ihrer Abschlussprüfungen. Der Gaokao entscheidet über einen der begehrten Studienplätze an der Universität. Und neuerdings können Studienanfänger aus einer ganzen Reihe neuer Studienprogramme auswählen, die mehr denn je zugeschnitten sind auf die nationalen Ziele der Kommunistischen Partei.
Die Volksrepublik baut das Angebot von Studiengängen an chinesischen Universitäten tiefgreifend um. Allein zwischen den Jahren 2021 und 2025 wurden 12.200 Bachelorstudiengänge gestrichen oder ausgesetzt und gleichzeitig 10.200 neue eingeführt, gab die Staatsnachrichtenagentur Xinhua unter Berufung auf das Bildungsministerium bekannt. Mehr als dreißig Prozent der Studiengänge des ganzen Landes seien insgesamt überarbeitet worden.
Insbesondere geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer und Fremdsprachen werden zugunsten technologieorientierter Programme abgeschafft. Der Machtapparat stimmt das Bildungssystem noch stärker auf die Entwicklungsziele des Landes ab und trimmt es auf nationale Eigenständigkeit.
Ein „neues Modell der Moralerziehung“
Peking sind dabei drei Dinge wichtig: Der stellvertretende Bildungsminister Wu Yan verkündete schon vergangenes Jahr, dass „die nationalen strategischen Erfordernisse“, die „wissenschaftlich-technische Revolution“ sowie „demographische Veränderungen“ das Bildungswesen zu vertieften Reformen zwängen.
Ende Juni veröffentlichte der Staatsrat 15 Leitlinien zur Bildungsstrategie der Volksrepublik. Betont wird zuerst ein „neues Modell der Moralerziehung“, damit „die große Mehrheit der Studierenden der Partei, dem Land, dem Volk und dem Sozialismus treu bleibt“. Propagiert werden sodann eine starke Gewichtung der MINT-Fächer sowie das Ziel der Talentförderung zur Unterstützung „eines modernen Industriesystems“. Um die globale Technologieführerschaft zu erreichen, geht Peking strategisch und ganzheitlich vor.
Chinas Studenten sollen vermehrt auf strategische Fächer verteilt werden. So richten mindestens neun chinesische Universitäten Studiengänge ein, die Künstliche Intelligenz in die Wirtschaft integrieren. Um dem Bedarf an interdisziplinär ausgebildeten Fachkräften gerecht zu werden, umfasse das Angebot dieses Jahr neben bestehenden Studiengängen wie „Zukunftsrobotik“ und „Interdisziplinäres Ingenieurwesen“ zudem neue Studiengänge wie „Verkörperte Künstliche Intelligenz“ zur Anwendung etwa bei Robotern oder Gehirn-Computer-Wissenschaft und -Technologie. Die Universität Tianjin und das eng mit der Volksbefreiungsarmee verbundene Harbin Institute of Technology sind die ersten beiden Universitäten, die 2026 Studierende in diesem Studiengang aufnehmen, hieß es im Staatsfernsehen.
Ein Germanistik-Studiengang läuft aus
Kürzungen hingegen treffen vor allem Kunst, Geisteswissenschaften, Fremdsprachen und Betriebswirtschaft. Diese Fachgebiete gelten zunehmend als veraltet, übersättigt und werden durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert. Wenn sie nicht sogar abgeschafft werden: Der 1972 gegründete Studiengang Germanistik an der East China Normal University etwa gab vergangenen Oktober bekannt, dass er keine neuen Studierenden mehr aufnimmt.
Zur sogenannten Optimierung und Modernisierung traditioneller Industriezweige hingegen gibt es neue Studiengänge wie „Verkehrs- und Energieintegrationstechnik“ oder „Landwirtschaftsrobotik“. Vor allem aber würden „strategisch dringend benötigte Studiengänge“ weiter verbessert, hieß es in den Staatsmedien. Dazu gibt es den neuen Fachbereich „Wissenschaft und Technik der Seltenen Erden“, der darauf abziele, strategische Bedürfnisse wie Energiesicherheit zu bedienen und Chinas Einfluss im Bereich der Seltenen Erden auszubauen.
So führt beispielsweise die Universität für Bergbau und Technologie in der Provinz Jiangsu ein Studienprogramm für „Tiefgebirgswissenschaften“ ein – beworben wird es als strategisches Programm nationaler Bedeutung. Aufgabe sei die Ausbildung von Fachleuten für die Suche nach Erdöl, Erdgas und Mineralien in Tausenden Meter Tiefe durch Tiefbohrungen und Erdbeobachtung.
Neues Masterprogramm „Politische Sicherheit“
Zu den neu entwickelten Fächern gehört jetzt auch der Masterstudiengang „Politische Sicherheit“. Vermittelt werden Kenntnisse in den Bereichen Verfassungsrecht, öffentliche Sicherheit und Rechtswissenschaften. „Die Absolventen erwerben die Fähigkeit, zur Wahrung der nationalen Sicherheit und der gesellschaftlichen und politischen Stabilität beizutragen“, heißt es auf der Internetseite einer Studienberatung. Zuständig seien die Absolventen dann „unter anderem für die innere Sicherheit, die Prävention und Bekämpfung von Straftaten durch Sekten sowie die Prävention und Bekämpfung terroristischer Straftaten“.
Berufliche Einsatzmöglichkeiten liegen demnach im Bereich der Sicherheit bei Behörden der Strafverfolgung, Justiz und öffentlichen Sicherheit, bei staatlichen Sicherheitsbehörden, Sicherheitsdiensten, Immobilienverwaltungsunternehmen, Sicherheitsdienstleistern und Personenschutzunternehmen. Jobchancen könnte auch das zum nächsten Semester ebenfalls neu aufgelegte Fach „Sicherheitsmanagement im niedrigen Flugbereich“ bieten, nachdem zuletzt ein Leichtflugzeug in Pekings höchstes Gebäude geflogen war.
„Das ist keine Entwicklung der Universitäten als Reaktion auf den Markt, das ist staatliche Mobilisierung“, schrieb der Regimekritiker Desmond Shum kürzlich aus dem Exil. In China genießen Universitäten keine institutionelle Autonomie. Hochschulen werden von Parteikomitees geleitet. „Karrieren, Fachbereiche, Finanzierung, Zulassungen und Lehrpläne unterliegen allesamt politischen Vorgaben“, so Shum, der in China Immobilienentwickler und Mitglied der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes war.
„Wenn also innerhalb weniger Jahre Tausende von Studiengängen verschwinden und Tausende von neuen entstehen, ist das nicht nur Bildungspolitik“, schrieb Shum auf der Plattform X. „Es ist Xi Jinpings Industriepolitik, die über das Hochschulsystem durchgesetzt wird.“
Dazu passt, dass die Behörden dem am Montag veröffentlichten Plan zufolge auch „renommierte“ ausländische Universitäten „mit Schwerpunkt auf Natur- und Ingenieurwissenschaften“ ermutigen sollen, gemeinsame Bildungsprogramme in China einzurichten. Führende Unternehmen will man außerdem dazu bewegen, in China Berufsschulen zu unterhalten.
Zur Begründung hatte Chen Zhiwen von der Chinesischen Gesellschaft für Bildungsentwicklung schon 2023 ausgeführt: „Wir müssen unsere eigenen Kapazitäten und die Qualität unserer Talentförderung stärken und dürfen uns nicht länger auf andere verlassen.“ Schließlich, so Chen, wollten „westliche Länder wie die USA keine wissenschaftlichen und technologischen Fachkräfte mehr für uns ausbilden“.
Über allem schwebt auch hier die demographische Bombe. Im März sagte Zheng Shanjie, Direktor der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform (NDRC), dass Chinas Bevölkerung im Hochschulalter im Jahr 2032 ihren Höchststand erreicht. Danach werde sie rapide zurückgehen. Als ein Alarmsignal gilt, dass allein 2024 in China schon mehr als 21.000 Kindergärten schließen mussten.
So empfiehlt der kürzlich verabschiedete 15. Fünfjahresplan, „den Mechanismus zur Verteilung von Bildungsressourcen im Einklang mit demographischen Veränderungen zu verbessern“. Auf die demnächst niedriger werdende Zahl chinesischer Studenten beginnen sich Chinas Hochschulen zunehmend einzustellen. Der hochschulinterne Konkurrenzkampf nimmt zu. Naturwissenschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Fachrichtungen – oder zumindest einen Anstrich davon – zu haben, dürfte den Unis dabei helfen, Studenten zu gewinnen. Nicht nur, weil China selbst von einem Mann mit Abschluss im Chemieingenieurwesen geführt wird.
