
Wenn Jürgen Klopp demnächst wirklich Bundestrainer ist, dann wird es zu seinen Aufgaben gehören, sich noch mal ein tiefgehendes Bild von der Lage des deutschen Fußballs zu verschaffen. Gut möglich, dass eine seiner Quellen dann auch die Expertenkommission der Deutschen Fußball-Liga (DFL) ist, die Ende 2025 ins Leben gerufen wurde, und in der Jürgen Klopp dann praktischerweise bei Jürgen Klopp nachfragen kann.
Das sollte man zumindest im Kopf haben, weil Klopp nicht nur seine Bereitschaft erklärt, den Posten des ersten Trainers des Landes zu übernehmen, sondern zugleich davon spricht, dass der deutsche Fußball an einem „Wendepunkt“ stehe und dass „wir Dinge grundlegend verändern müssen“: Dass Klopp daran bereits beteiligt ist, etwa an der Einführung der U-21-Liga, die er mit Hannes Wolf, dem Nachwuchsdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), vorangetrieben hat. Sie soll dort ansetzen, wo der deutsche Fußball schon länger eines seiner größten Probleme hat: an der Schwelle vom Junioren- zum Erwachsenenfußball, wo es an Spiel- und damit Wettkampfpraxis auf höchstem Niveau fehlt.
Macht ausüben
Auch sonst ist beim DFB von Wolf schon einiges auf den Weg gebracht worden, das helfen könnte, die Ausbildung Made in Germany wieder auf Weltniveau zu bekommen. Bis die Maßnahmen – Stichworte neue Spielformen und Spezialisten – wirken, wird es aber noch eine Weile dauern. Das weiß auch Klopp, der zugleich Förderer und Freund von Wolf ist, er holte ihn einst ins Nachwuchsleistungszentrum von Borussia Dortmund. Eine einheitliche Spielphilosophie ist ebenfalls schon länger definiert. Was der DFB allerdings braucht: einen Bundestrainer, der nicht nur die Richtlinienkompetenz besitzt, sondern auch den Willen, diese auszuüben.
Womöglich zielte Klopp auch in eine andere Richtung: auf einige Strukturen des DFB und rund um die Nationalmannschaft. Dort konnte man schon fragen, wie eigentlich die Posten des Geschäftsführers Sport (Andreas Rettig) und des Sportdirektors (Rudi Völler) definiert sind.
Den Anfang machen kann Klopp in jedem Fall mit der Trainerarbeit. Da besitzt er eine andere Verdrängung, auch eine andere Imprägnierung als Julian Nagelsmann. Er sollte sie dazu nutzen, wieder für ein robusteres Arbeitsklima zu sorgen, in dem es auch mal unbequem zugehen darf, solange einer da ist, der am Ende klar die Richtung angibt.
Das wäre im DFB in jeder Hinsicht König Klopp, der mächtigste Bundestrainer, den es je gab. Seiner Verhandlungsposition hat es sicher nicht geschadet, schon mal rhetorisch Vollgas zu geben, bevor Vollgasfußball Marke Klopp gespielt werden kann. Dass er dafür praktischerweise die Mikrofone von Magenta TV und dem Red-Bull-Haussender Servus TV nutzen konnte, war wirksames Product-Placement in eigener Sache.
Für den DFB scheint sich dabei nicht einmal die Frage zu stellen, ob man das so mitmachen möchte, zu groß scheint der Drang, den Mantel der Fußballgeschichte diesmal ergreifen zu wollen, insbesondere in Person von Hans-Joachim Watzke, dem Klopp-Intimus aus Dortmunder Tagen. So groß, dass die DFB-Spitze mit Präsident Bernd Neuendorf und Watzke nun offenbar nach New York reisen will, um dort dem Kandidaten Klopp die Aufwartung zu machen. Wundern würde man sich nicht mehr, wenn auch darüber exklusiv berichtet würde: am Magenta-Mikrofon mit dem Experten Klopp.
