Je oller, je doller: Jan-Lennard Struff erlebt auf dem Londoner Rasen eine späte Blüte und steht bei einem Grand-Slam-Turnier prächtiger da als je zuvor. Als es am Sonntag für den Sechsunddreißigjährigen darauf ankam, zum ersten Mal ins Viertelfinale eines Major-Turniers vorzustoßen, hatte er es mit einem letztlich nicht mehr wettbewerbsfähigen Gegner zu tun.
Hubert Hurkacz servierte drei Stunden lang so schnell und präzise, dass Struff fast immer auf verlorenem Posten stand und 34 Asse über sich ergehen lassen musste. Doch dann hatte der Pole zunehmend körperliche Beschwerden, ließ sich erst hinten am unteren Rücken behandeln und dann an der Seite. Nach 3:36 Stunden Spielzeit gab Hurkacz gegen den deutschen Tennisprofi auf, der bis dahin auf demselben Niveau aufgeschlagen und auch sonst vieles richtig gemacht hatte. „Es ist ein Jammer. Das Ende kam plötzlich, aber es ist unglaublich“, sagte der Warsteiner nach dem Achtelfinale, das beim Stand von 3:6, 6:7 (5:7), 7:6 (7:2), 7:5, 4:2 beendet war.
Hurkacz hoffte vergeblich auf Abbruch wegen Dunkelheit
Nach ungefähr drei Stunden bahnte sich das dramatische Ende an. Im vierten Satz hatte Hurkacz offenbar Schmerzen an der rechten Bauchseite, setzte sich mitten im Aufschlagspiel auf seinen Stuhl und ließ den Physiotherapeuten kommen. Nach einer Behandlungspause verlor er den Satz und flehte geradezu, dass der Oberschiedsrichter das Match wegen Dunkelheit unterbrechen sollte. Doch es ging weiter.
Struff tat sich zunächst schwer mit dem angeschlagenen Gegner, verlor gleich sein erstes Aufschlagspiel. Dann zeigte der nette Warsteiner professionelle Härte und brachte das Spiel zu einem Ende, das in dieser Form keiner gewollt hat: „Dass es so zu Ende geht, ist mitleiderregend. Ich wünsche ihm nur das Beste.“

Struff war es in seiner Karriere zum vierten Mal gelungen, einen 0:2-Satzrückstand in einen Sieg umzuwandeln. So gelang es ihm bei seinem 47. Anlauf endlich, bei einem Grand-Slam-Turnier unter die letzten Acht zu kommen. „Man sollte niemals aufgeben“, sagte er nach dem Londoner Duell zweier ungesetzter Spieler.
Den deutschen Davis-Cup-Profi verließ auf dem Platz bis in die Abenddämmerung hinein nie der Mut. Mit 96 Assen in vier Matches – davon 24 gegen Hurkacz – führt Struff derzeit die Turnierstatistik an. Der noch drei Jahre ältere Novak Djokovic, der sich am Sonntag beim 7:6, 6:3, 3:6, 6:3 gegen den Russen Roman Safiullin erfolgreicher abmühte, nennt solche starken Auftritte von Grand-Slam-Veteranen gerne „Vintage“. „Novak ist ein Vorbild und treibt mich an“, sagte Struff am Sonntag.
Zverev muss gegen Lehecka bestehen
An diesem Montag kann Alexander Zverev dafür sorgen, dass die deutsche Fahne in der zweiten Wimbledon-Woche doppelt vertreten ist. 17-Mal stand der French-Open-Sieger schon in der Runde der letzten Acht bei einem Grand-Slam-Turnier – aber noch nie auf Rasen. Gegen den Tschechen Jiri Lehecka könnte der Einzug ins Viertelfinale endlich gelingen.
An seinem Kollegen kann sich Zverev begeistern. „Ich finde, dass er in einer fantastischen Form ist“, sagte der French-Open-Sieger am Tag vor Struffs Match und spielte darauf an, dass der Warsteiner seit vergangenem Oktober keine zwei Matches nacheinander gewonnen hatte, doch in Wimbledon durchstartete: „Immer wenn man denkt, dass er gleich aufhört mit Tennis, kommt immer so ein Turnier, bei dem er sich für das gesamte nächste Jahr in der Top 100 qualifiziert. Das war letztes Jahr bei den US Open so, das ist dieses Jahr in Wimbledon so.“
Dem Warsteiner war klar, dass es auf dem Londoner Court No.2 kein Sonntagsspaziergang mit Hurkacz würde. Vor zwei Jahren war der Pole noch Weltranglistensechster. Dass er sich seine Stärken trotz einiger Verletzungen weitgehend bewahrt hatte, zeigte er vom ersten Aufschlagspiel an. Mit bis zu 232 Kilometern pro Stunde schlug der Neunundzwanzigjährige auf – und das nicht nur drei, viermal. Ständig bot sich dasselbe Spiel: Breakball Struff, starker Aufschlag Hurkacz.
Nette Worte zum unschönen Ende
Struff selbst servierte kaum weniger gut, kam gut durch seine Aufschlagspiele und ließ sogar noch weniger Breakchancen zu als Hurkacz. Doch eine Gelegenheit wusste der Pole zum 4:2 im ersten Satz zu nutzen. Im zweiten war der Mann, der den Rekordturniersieger Roger Federer in dessen letzten offiziellen Wimbledonspiel 2021 besiegte, den entscheidenden Tick fehlerfreier und gewann im Tiebreak.
Im dritten Satz hielten beide Deutsche ihren Aufschlag, den abschließenden Tiebreak dominierte Struff. Seine Überlegenheit zeigten auch die sonstigen Statistiken. Brachte er seinen ersten Aufschlag ins Feld, gelangen Struff danach neun von zehn Punkten. Nach dem dritten Satz war Hurkacz am Boden: Er nahm sich eine medizinische Auszeit, ließ den Physiotherapeuten rufen und sich am unteren Rücken behandeln.
Struff merkte, wie er später zugab, dass die Aufschläge des Polen etwas langsamer wurden. Beim Stand von 5:5, Vorteil für Struff verließ der Pole nach einem Ballwechsel plötzlich die Grundlinie und schleppte sich zu seinem Stuhl am Rande. Wieder kam der Physio und sah sich die rechte Bauchseite, die Hurkacz offenbar Schmerzen bereitete, genauer an. Das Match wurde abermals wegen einer Behandlung unterbrochen.
Danach wurde es zunehmend bizarrer: Hurkacz hatte es bei den Ballwechseln eilig, ging ständig ans Netz, um einen schnellen Punktgewinn zu suchen. Dazwischen schlenderte er von da nach dort und ließ sich ein drittes Mal massieren. Kurz danach warf Hurkacz den Schläger fort wie ein Handtuch, ging ans Netz und wartete dort, um Struff zum Einzug ins Viertelfinale zu gratulieren. Der Pole wurde mit aufmunterndem Applaus verabschiedet, Struff blieb auf dem Platz, um beim Siegerinterview nette Worte zum unschönen Ende zu finden.
