
Eine letzte Runde im Schongang, das hat dieser Große Preis von Großbritannien nicht verdient, schuld sind späte Dramen. Ein verdienter Sieger aber ist Charles Leclerc, der im neunten WM-Lauf des Jahres am Sonntag seinen neunten Grand-Prix-Sieg in der Formel 1 einfährt – zuletzt war der Monegasse im Ferrari im Oktober 2024 siegreich gewesen. Dahinter die Trostpflaster für das englische Publikum: George Russell im Mercedes vor Lewis Hamilton, der im zweiten Ferrari angesichts des Renngeschehens eher ein Verlierer ist.
Leclerc lobt über Boxenfunk die harte Arbeit, und damit auch sich selbst. WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli (Mercedes) rutscht nach einem technischen Defekt aus den Punkten, sein Vorsprung in der Gesamtwertung auf den Teamkollegen Russell ist auf 25 Punkte geschrumpft, sieben weitere Punkte dahinter lauert Hamilton, Leclerc ist WM-Vierter. Favorit Mercedes scheint plötzlich unter Druck. „Let’s gooooooo“, brüllt der Sieger.
Rot gegen Silber, das große Duell der Formel 1 bewegt auch hinter den Kulissen, wo die beiden Teamchefs Toto Wolff und Fred Vasseur sich necken, woher der jeweils andere wohl das Geld für die technischen Upgrades nimmt, die den Ausgang dieser WM bestimmen könnten. Schon von Saisonbeginn an aber hat der Ferrari seine Vorteile am Start, der Turbomotor war eigens dafür konstruiert worden.
Die spielen die roten Rennwagen auf dem Silverstone Circuit eindrucksvoll aus: Charles Leclerc zieht innen davon, WM-Spitzenreiter Kimi Antonelli im Mercedes wird auch noch von Lewis Hamilton außen überholt. Die perfekte Dramaturgie für ein spannendes Rennen und die 180.000 Zuschauer, die für einen neuen Rekord sorgen – zusammen sind am neunten Wochenende der Saison 560.000 Menschen in die Grafschaft Northamptonshire geströmt. Beseelt von fünf britischen Fahrern im Feld, vor allem aber der Hoffnung, dass Hamilton seinen zehnten Sieg auf der ehemaligen Flugplatzpiste einfahren kann.
Fehlstart von Hamilton
Den Traum vom Sprintsieg vor eigenem Publikum hatte ihm Antonelli schon genommen, der Italiener war überhaupt der Samstagschampion in Mittelengland – im Anschluss nach dem Mini-Grand-Prix, als er geduldig auf seine Angriffschance gelauert hatte, sicherte er sich auch die Pole-Position. Fünf Minuten nach Rennbeginn bekommen Hamiltons Hoffnungen einen weiteren Dämpfer, als die Rennleitung einen Fehlstart beim Briten untersucht. Tatsächlich hat er um einen Bruchteil zu früh mit der Kupplung gezuckt, was ihm bittere fünf Strafsekunden einbringt. Auf dem Asphalt muss er in der elften Runde Antonelli passieren lassen. Leclerc, der bislang zu den unglücklichen Piloten der Saison gehört, kann sich zunächst absetzen.
Auch die anderen Piloten, die generell mit der neuen Autogeneration hadern, suchen ihre Chance im Rennen. Max Verstappen, der nach seinem siebten Platz in der Qualifikation die Vorstellung als „peinlich“ bezeichnet, hat zwar auch im Renntrimm mit dem Getriebe des Red Bull zu kämpfen, aber solche Widrigkeiten wecken für gewöhnlich den Ehrgeiz des Niederländers. Prompt schiebt er sich vor dem ersten Boxenstopp auf den vierten Rang.
Leclercs Selbstbewusstsein war schon durch den zweiten Startplatz direkt vor dem Teamkollegen Hamilton gestärkt worden, der Monegasse erzählt, dass er seinen eigenen Weg zur Abstimmung des Rennwagens gefunden habe, und nicht mehr auf die Set-Up-Ideen des Kollegen angewiesen ist. Genau zur Rennhälfte holt er sich frische Pneus, während Antonelli draußen bleibt, um die drei Sekunden Rückstand auf den Ferrari mit schnellen Runden zu minimieren. Der 19-Jährige ist nicht ganz überzeugt, ob die Taktik funktioniert, er diskutiert in voller Fahrt mit dem Kommandostand, aber die Strategen beruhigen: Sie setzen auf einen Endspurt Antonellis, dem Reifenflüsterer.
Das Duell muss noch warten, dafür fahren Hamilton und Russell im zweiten Silberpfeil Kampflinie, zunächst mit Vorteil für den Rekordchampion, aber dann geht seiner Batterie die Kraft aus, er muss für den nächsten Angriff erst per Superclipping aufladen. Daraus entsteht ein faszinierendes PS-Ballett zwischen den beiden, jeweilige Konter inbegriffen. Russell kämpft schließlich auch um sein Ansehen. Aus seinem Verteidigungsmodus heraus versucht er auch noch seinen Erzfeind Verstappen zu kassieren. Genau in diesem Moment scheint ein schleichender Plattfuß alle Hoffnungen zu zerstören. Der 28-Jährige bleibt ein Pechvogel – zunächst zumindest.
Defekt bremst Antonelli
Antonelli bleiben nach seinem späten Boxenstopp 16 Runden Zeit, um gut sieben Sekunden Rückstand aufzuholen. Der Norditaliener knappst eine Sekunde pro Runde ab, ehe Nico Hülkenberg 13 Runden vor Schluss seinen Audi mit einem technischen Problem abstellen muss. Kurz wird das virtuelle Safety-Car aktiviert, was Antonellis Jagd unterbricht. Der Verfolger muss erst wieder in Schwung kommen, es dauert anfänglich, aber dann fliegt er wieder. Bis es hektisch wird im Cockpit, panisch brüllt der Mercedes-Pilot: „An meinem Auto ist etwas gebrochen.“
Was, das kann er nicht sagen. Beim Boxenstopp wird auf Verdacht die Fahrzeugnase ausgetauscht, aber das nutzt nichts – beim Versuch, wieder ins Rennen zu kommen, kann er das Auto kaum halten und vermutet, dass die Radaufhängung gebrochen sei. Von der Box aus vermutet man eher eine kaputte Radabdeckung vorne links. Antonelli bleibt dennoch draußen.
Acht Runden vor Schluss ein weiterer Not-Halt, kampflos will der WM-Erste nicht aufgeben. Er ignoriert die Anweisung, das Auto abzustellen, kassiert fünf Strafsekunden, weil er die Streckenbegrenzung überfahren hatte, und will auch noch die aufholen – am Ende wird er aber nur auf Rang 16 gewertet.
Vier Runden vor Schluss eine Staubwolke in der Stowe-Kurve. Es ist nicht Antonelli, sondern Verstappen, bei dessen Auto die Hinterräder plötzlich blockieren und er chancenlos in den Kies steuert. „Unglaublich“, stöhnt er, da ist mehr verloren als der dritte Platz – auch das Vertrauen. So verhilft er Russell doch noch zu einer Versöhnung mit dem von ihm so gefürchteten Silverstone, und er kassiert in der Wechselphase hinter dem Safety Car auch noch Hamilton, der auf frische Reifen und eine späte Siegchance spekuliert hatte, aber das missglückt. Was ein Drama! Und ein Glück für Gabriel Bortoleto, der mit dem achten Rang das beste Saisonresultat für Audi herausholt.
