In einem am Samstag veröffentlichten Schreiben des Papstes an die Bürger der USA heißt es: „In jeder Generation haben diejenigen, die auf der Suche nach Freiheit, Chancen und einem Ort der Zugehörigkeit hierhergekommen sind, den Charakter der Nation mitgeprägt.“ Sie mit Mitgefühl und Großherzigkeit aufzunehmen, sei nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern auch „eine Anerkennung der Würde, die jedem Menschen zukommt“. Der Geist der Unabhängigkeitserklärung von 1776 möge „weiterhin Hoffnung und Einheit wecken, während die Vereinigten Staaten von Amerika in die Zukunft schreiten“, schloss der Papst den Brief an seine Landsleute.
Leo segnete eine Gedenktafel für Franziskus
Leo XIV. wurde 1955 als Robert Francis Prevost in Chicago in eine streng katholische Familie von Einwanderern mit Wurzeln in Italien, Spanien und der Karibik in Chicago geboren.
Am Freitagabend war Papst Leo in Philadelphia mit der „Liberty Medal“ ausgezeichnet worden. Mit ihr werden seit 1988 Persönlichkeiten und Organisationen geehrt, die sich für Freiheit und Menschenwürde einsetzen. Der Papst bedankte sich mit einer Zuschaltung per Video aus dem Vatikan persönlich für die Auszeichnung.
Bei seinem Besuch auf Lampedusa am Samstagmorgen besuchte der Papst zunächst den Friedhof der Insel. An der Gedenkstätte für die dort begrabenen Bootsmigranten legte er ein Blumengesteck nieder. Später besuchte der Papst das Denkmal „Porta d’Europa“ (Tor nach Europa) des italienischen Künstlers Mimmo Paladino an der Felsküste der Insel sowie den Pier Favaloro, wo die meisten Bootsmigranten auf Lampedusa anlanden. An der Mole segnete Leo eine Gedenktafel für seinen Vorgänger Franziskus, nach dem der Pier nun benannt wird. Franziskus hatte im Juli 2013, wenige Wochen nach seiner Papstwahl, die Insel bei seiner ersten Reise außerhalb Roms besucht und dort die „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ angesichts des Elends von Flüchtlingen und Migranten beklagt.
Leo traf mit Migranten und Helfern zusammen
Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind seit 2014 rund 35.000 Menschen auf der gefährlichen Überfahrt von Nordafrika nach Europa über das Mittelmeer ertrunken oder werden vermisst. In diesem Jahr wird die Zahl der Toten und Vermissten auf mehr als 1400 beziffert. „Die Toten in diesem Meer sind sowohl Opfer getroffener wie auch unterlassener Entscheidungen“, sagte der Papst. „Wir spüren ihre Gegenwart, die uns nicht weniger beschäftigt als jene derer, die es an Land geschafft haben und unserer Aufmerksamkeit und Hilfe bedürfen“, sagte der Papst später in seiner Predigt im Stadion der Insel vor rund 4000 Gläubigen. Leo traf auf Lampedusa auch mit Migranten, Helfern und Behördenvertretern zusammen.
Am Samstagabend folgte der Papst einer Einladung des US-Botschafters beim Heiligen Stuhl zum Abendessen mit dessen Familie. Botschafter Burch veröffentlichte später ein Foto mit dem Papst, seiner Frau, den neun gemeinsamen Kindern und deren Partnern auf Instagram und fügte hinzu: „Es ist mir eine große Ehre, diesen besonderen Tag mit einem amerikanischen Mitbürger und Bischof von Rom zu feiern.“
Vizepräsident J. D. Vance hatte bei der Amtseinführung von Papst Leo XIV. am 19. Mai 2025 diesem einen Umschlag mit dem Siegel des Weißen Hauses übergeben. Es gilt als wahrscheinlich, dass darin eine offizielle Einladung von Präsident Donald Trump an den Papst zu einer Reise in sein Heimatland und zu den Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 2026 enthalten war.
Ein Papstbesuch in den USA im Jahr der „Zwischenwahlen“ zum Kongress galt von Beginn an als ausgeschlossen, weil Päpste ihre Reisepläne danach ausrichten, dass ihr Besuch nicht politisch instrumentalisiert wird.
Mit seinem Besuch auf der „Flüchtlingsinsel“ Lampedusa am Unabhängigkeitstag hat Leo XIV. seinen Dissens mit der harten Migrationspolitik von Präsident Trump bekräftigt. Die Annahme der Einladung zum Abendessen beim Trump-Vertrauten Brian Burch und dessen Familie kann dagegen als Signal der Versöhnung in Richtung Weißes Haus gedeutet werden.
