Seinen letzten Versuch, doch noch in Deutschland Fuß zu fassen, begann Akshay Rastogi damit, sich über deutsche Städte im Internet lustig zu machen. Als wäre Angriff die beste Verteidigung. Mit Berlin fing er an. Dort finde man leichter einen Dreier als eine feste Beziehung, lautete eine der Pointen, die er im Instagram-Video machte. Ein paar Tausend Leuten gefiel das, aber richtig überraschend war es nicht.
Erst in der vermeintlichen Provinz, in der grauen Vielfalt deutscher Oberzentren, fand Rastogi zu seiner Form: Saarbrücken sei das Ergebnis eines One-Night-Stands einer deutschen und einer französischen Stadt. „Beide bereuen es.“ Duisburg habe den größten Binnenhafen der Welt — „perfekt, um deine Träume auszuschiffen und sie nie wiederzusehen“. Mainz sei wie der Cousin, der nie so reich wie Wiesbaden oder so fancy wie Frankfurt geworden sei. „Jetzt ist er der besoffene Onkel, der auf jeder Party wildfremden Leuten zuwinkt.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Mit der Präzision eines Ethnologen schaut der gebürtige Inder Rastogi auf Deutschland. Der Comedian liest viel über die Geschichte der Städte, die er sich vornimmt, besucht sie mit dem Regionalzug, spricht mit Einheimischen und verbindet das alles mit seinen eigenen Eindrücken. Die 30- bis 60-sekündigen Videos, die er daraus macht, sind unfair, direkt und lustig. Ein „Roast“ eben. In der amerikanischen Comedy hat der eine große Tradition: Freunde und Weggefährten ziehen mit beißendem Witz über einen Ehrengast her. Ganz so werden meist auch Rastogis Roasts in den Städten wahrgenommen: der Spott als höchste Form der Anerkennung.
„Wenn ich nur vor Deutschen auftrete, bekomme ich Selbstmordgedanken“
An einem frühen Dienstagabend sitzt Akshay Rastogi in einem Café im Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort. Was er an Deutschland mag? Rastogi erzählt von einem Land, das gut funktioniere, das vielfältig und überraschend sei. Er erzählt, die Deutschen seien so direkt und, das stört ihn am meisten, lachten selten. „Wenn ich nur vor Deutschen auftrete, bekomme ich Selbstmordgedanken. Es gibt keine Reaktionen“, sagt er. Letztens war es so: Ein Gast kam nach dem Auftritt zu ihm und lobte ihn, „wahnsinnig lustig“ sei er gewesen. „Aber warum behält er das im Publikum für sich?“, fragt Rastogi. „Lacht doch bitte mal!“
Während Rastogi davon erzählt, wie er nach Deutschland kam, laufen an diesem Abend beständig Menschen vorbei: Zwei Männer im Business-Look, die im Gehen Bier trinken, eine kleine Familie kommt vom Spielplatz, und auf der Terrasse lassen sich drei Freundinnen für einen Aperol Spritz in der Abendsonne nieder. In den ersten Jahren, sagt er, war es, als hätten alle anderen Menschen längst ihren Platz gefunden, während er außen vor blieb. „In Deutschland Anschluss zu finden, das ist unglaublich hart“, sagt er.
Als Rastogi 2022 in Düsseldorf ankam, war es das erste Mal, dass er seine Heimat Indien verließ, es war überhaupt das erste Mal, ergänzt er flüsternd, dass er ein Flugzeug bestieg. Schnell merkte er, dass die Deutschen distanzierter seien, viel zu tun hätten, dass man leicht in der Anonymität der Großstadt untergehen könne. In Indien hatte er sieben Jahre im Digitalmarketing gearbeitet, er hatte einen festen Freundeskreis, kannte seine Nachbarn. Eine Agentur warb ihn für ein deutsches Unternehmen an. Die Arbeit sei in Ordnung gewesen. Nur abseits seines Jobs und seiner Kollegen war da niemand.
Im Fall seines Ablebens wäre zumindest die Vermieterin stolz auf ihn
In Köln besuchte er eine englischsprachige Comedy-Veranstaltung. Auch wenn sich Rastogi als schüchtern, sogar introvertiert beschreibt, hat die Bühne eine besondere Wirkung auf ihn. Als Jugendlicher tanzte er viel und spielte Theater. Nachdem er in Köln also ein paar Bier getrunken hatte, fasste er Mut und ging zum Veranstalter. Ob er beim nächsten Mal auftreten dürfe, fragte er und hinterließ seine Handynummer. „Ich hab gar nicht mehr daran gedacht, bis mich nach ein paar Wochen der Veranstalter anrief: ‚In einer Woche ist dein Auftritt‘“, erinnert sich Rastogi. Innerhalb von ein paar Tagen schrieb er einige Minuten Programm. Schon damals erzählte er davon, wie es ist, neu in Deutschland zu sein. Sein erster Stand-up sei nicht übel gelaufen, sagt er. In der kleinen Expat-Comedy-Szene fing er an, Kontakte zu knüpfen.
Ob er so Freunde gefunden habe? Schon in dem Moment, als der Fragende das ausspricht, schämt dieser sich dafür, weil da so eine Mischung aus Sehnsucht nach Happy End und Mitleid mitschwingt. Rastogi antwortet ausweichend. Die Deutschen hätten so eine übertriebene Vorstellung von Freundschaft. „Sagen wir so: Ich kenne heute mehr Leute“, sagt er. Rastogi will kein Mitleid und wechselt in den Modus des Comedians: „Manchmal habe ich gefragt, ob es jemand merken würde, wenn ich in meiner Wohnung sterbe.“ Später auf der Bühne wird er den gleichen Satz sagen und ihn in einen Gag verpacken: Er lebe allein, habe nie Besuch, aber im Fall seines Ablebens wäre zumindest seine Vermieterin stolz auf ihn, denn bei ihm sei es immer sauber und ordentlich gewesen.
Kein Zurück nach Indien
Als Rastogi vor einem Jahr seinen Job verlor, stürzte es ihn in eine Krise. Die Firma, für die er arbeitete, hatte ihren größten Kunden nicht halten können und verlängerte seinen Vertrag nicht. Waren es bis dahin vor allem seine Kollegen, mit denen er täglich zu tun hatte, war er nun im Alltag auf sich gestellt. Natürlich habe er überlegt, in seine Heimat zurückzukehren. „Ich war 30. In dem Alter hat man sich in Indien ein Leben aufgebaut“, sagt er. „Ich hätte dort von vorn anfangen müssen.“ Es klingt, als käme eine Rückkehr einem Scheitern gleich. Er entschied, es in Deutschland noch mal zu probieren – immerhin galt sein Visum noch fast eineinhalb Jahre. Er fasste einen Beschluss: einerseits einen neuen Job zu finden, der seine Miete zahlen und ihm eine Verlängerung des Visums bescheren würde, und andererseits in der Zwischenzeit die Sache mit der Comedy noch ernsthafter zu verfolgen.
Im Internet veröffentlicht er nun Videos über Deutschland. Zehntausende schauen sich das an. Fast 40.000 Follower hat er inzwischen auf Instagram. Während sein Erfolg wächst, geht es ihm phasenweise schlechter. Bei ihm ist eine Depression diagnostiziert worden.
Die Auftritte, die er als Comedian bekommt, sind mäßig oder gar nicht bezahlt. So geht es allen Newcomern. Die Sache mit dem neuen Job gestaltet sich schwierig. Auch wenn Rastogi inzwischen etwas Deutsch kann, einen Business-Master und einige Jahre Berufserfahrung hat, spürt er, dass es aufgrund der wirtschaftlichen Lage gerade schwierig ist auf dem Arbeitsmarkt. Lange habe er von seinem Ersparten gelebt. „Ich bin pleite“, sagt er heute nüchtern.
„Das ist eine Umsonst-Comedy-Show, ich könnte mich nicht mal selbst feuern“
Rastogi tritt kurz darauf auf die Bühne des Cafés. Den Betreiber hat er vor einigen Monaten gefragt, ob er hier dienstagabends zu einer kleinen englischsprachigen Comedyshow einladen dürfe. Das Café bekommt die Getränkeeinnahmen, die Künstler die kleine Spende, die die Zuschauer dalassen. An dem warmen Juniabend, den die meisten lieber am Rhein oder auf dem Balkon verbringen, ist immerhin ein Dutzend Zuschauer gekommen.
Rastogi versucht, mit den Gästen ins Gespräch zu kommen, und wartet auf Gelegenheiten für Gags. Als sich die Frau in Reihe drei als Personalerin zu erkennen gibt, ihr Aufgabenfeld reiche from hire to fire (Einstellen bis Kündigen), sagt Rastogi: „Mich kannst du nicht feuern. Das ist eine Umsonst-Comedy-Show, ich könnte mich nicht mal selbst feuern.“ Wer bei Starbucks arbeite, verdiene mehr als er. Er erzählt von deutschen Marotten, von seiner Hausärztin und seiner Einsamkeit. Viele der Gäste sind wie Rastogi Expats in Deutschland. Sie lachen laut. Sie sind eine kleine Gemeinschaft, die verbindet, in Deutschland neu zu sein.
Als er vergangenes Jahr 30 wurde, nahm Rastogi ein Instagram-Video auf. „Sie sagten, Deutschland gebe dir Freiheit“, sagt er darin, während er durch Düsseldorf läuft. „Ich bin frei von einem Job, frei von einer Beziehung, frei von jeglicher emotionaler Stabilität.“ 56.000 Likes bekam er dafür. In der Pause seiner Comedyshow sagt er, er habe das Gefühl, in Deutschland noch eine Chance zu haben. Es klingt, als müsse er sich selbst zum Optimismus motivieren, aber Mitleid will er noch weniger. Sein Visum, das bis Ende September reicht, wird nur verlängert, wenn er Geld verdient und Steuern zahlt. Ein paar Wochen hat er noch.
