
Die Aufregung war groß, als bekannt wurde, dass in Hessen 24 Klausuren für das erste juristische Staatsexamen beim Versand verloren gegangen sind: Der Erstkorrektor hatte dem Justizprüfungsamt nicht mitgeteilt, dass er umgezogen ist – das Paket mit den Klausuren wurde im Hausflur seines alten Wohnsitzes abgestellt. Das erste Jurastaatsexamen müssen Prüflinge in Hessen noch mit Stift und Papier verfassen. Auch angehende Lehrer und Ärzte müssen in Hessen Klausuren der Staatsprüfungen auf traditionelle Art schreiben. Dass es auch anders geht, sieht man ausgerechnet im Fach Jura.
Jura
Nach der Panne Ende Mai teilte das Justizprüfungsamt mit, es denke darüber nach, beim Verschicken der Klausuren an die Korrektoren „die Angabe eines Ablageortes auszuschließen und nur die persönliche Zustellung gegen Unterschrift zuzulassen“, um auszuschließen, dass sich eine derartige Panne wiederholt. Auf Nachfrage ließ das Prüfungsamt jetzt wissen, dass es dazu noch keine Entscheidung getroffen habe, es sich aber festlegen wolle, bevor es die nächsten Klausuren versende – diese werden Ende Juli geschrieben.
Aber warum werden für die Korrektur überhaupt Originale verschickt? Nach Angaben des Justizprüfungsamts können mehrere Tausend Klausuren vor dem Versand nicht kopiert oder eingescannt werden, weil die Mitarbeiter dafür keine Zeit hätten und sich die Korrekturfristen nicht verkürzen ließen. Solche Schwierigkeiten gibt es nicht, wenn die Klausuren fürs Staatsexamen elektronisch geschrieben werden – und genau das ist beim zweiten Jurastaatsexamen in Hessen seit Anfang 2025 möglich.
Laut Prüfungsamt sollen sich Studenten in Zukunft auch beim ersten Staatsexamen zwischen handschriftlicher und elektronischer Variante entscheiden können. Man wolle aber zuerst Erfahrungen mit dem zweiten Staatsexamen sammeln, das weniger Kandidaten schreiben. Dabei unterscheiden sich die Zahlen gar nicht so sehr: Im Jahr 2025 wurden in Hessen 1195 Jurastudenten im ersten und 1044 im zweiten Staatsexamen geprüft. Von wann an das elektronische Examen auch in der ersten Staatsprüfung angeboten wird, steht noch nicht fest. Im zweiten Staatsexamen dauerte die Einführung rund ein Jahr: Anfang 2024 begann die Planung, seit Anfang 2025 kann die Prüfung dort elektronisch abgelegt werden, wie das Prüfungsamt mitteilt.
Lehramt
Während Jurastudenten in allen Bundesländern das erste Staatsexamen ablegen müssen, können angehende Lehrer in den meisten Bundesländern ein Bachelor- und Masterstudium mit entsprechenden Universitätsprüfungen absolvieren. In Hessen allerdings müssen auch sie das erste Staatsexamen ablegen. Wie bei den Juristen sind die Klausuren des ersten Staatsexamens laut Kultusministerium regulär handschriftlich zu verfassen. Die Einführung digitaler Prüfungsformate werde aber „kontinuierlich beobachtet und bewertet“. Wie genau die Klausuren von Prüfer zu Prüfer transportiert werden, dazu wollte sich das Kultusministerium allerdings nicht äußern: „aus Sicherheitsgründen, besonders zur Wahrung der Verfahrenssicherheit sowie des Datenschutzes“.
Je nachdem, an was für einer Schule sie einmal arbeiten wollen, sieht das erste Staatsexamen für Lehramtsstudenten unterschiedlich aus. Angehende Grundschullehrer werden in Grundschuldidaktik geprüft, künftige Förderschullehrer müssen eine diagnostische Hausarbeit schreiben. Sie alle müssen aber eine Hausarbeit verfassen und ein Betriebspraktikum absolvieren, um zum ersten Staatsexamen zugelassen zu werden. Das Praktikum soll in einem Betrieb stattfinden, damit angehende Lehrer Einblick in einen anderen Beruf bekommen und ihre Schüler besser auf die Arbeitswelt vorbereiten können.
Das zweite Staatsexamen nach dem Referendariat besteht dann aus einer unterrichtspraktischen und einer mündlichen Prüfung. Wie in Jura legen im Lehramt mehr Kandidaten das erste Staatsexamen ab: Im Jahr 2025 haben in Hessen 2780 das erste und 2090 das zweite Staatsexamen bestanden.
Medizin
Im Gegensatz zu Jura und Lehramt müssen Medizinstudenten nicht zwei, sondern gleich drei Staatsexamina bestehen. Für die Klausuren der ersten beiden Prüfungen sind seit mehr als 50 Jahren nicht mehr die Länder verantwortlich. Stattdessen entwickelt das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen, das die Länder gegründet haben, die Staatsprüfungen in Medizin, Pharmazie, Zahnmedizin und Psychotherapie für ganz Deutschland. Noch sind es Multiple-Choice-Fragen auf Papier, bei denen die Prüflinge die richtigen Antworten ankreuzen müssen.
Das Institut erarbeitet die Klausuren in Abstimmung mit Expertengremien und druckt und versendet die personalisierten Prüfungsunterlagen an die Landesprüfungsämter. Diese setzen die Prüfungen gleichzeitig an und schicken die ausgefüllten Antwortbögen versiegelt per Kurier zurück zum Institut nach Mainz. Dort werden die Antwortbögen eingescannt; die Auswertung dauert zweieinhalb bis vier Wochen. Die Zeugnisse stellen dann wiederum die Landesprüfungsämter aus.
Perspektivisch wolle man die Medizinexamen elektronisch abnehmen, so das Institut. So könnten mehr Aufgabenformate zum Einsatz kommen – zum Beispiel mit aufeinander aufbauenden Fallfragen. Damit will das Institut Anwendungswissen besser abfragen, als es das bis jetzt kann. Nach Worten von Jan Steinmetzer, Leiter im Studiendekanat der Universität Frankfurt, laufen die schriftlichen Medizinprüfungen an der Universität mittlerweile alle elektronisch ab. Man könne so bessere Fragen stellen und diese innerhalb von Minuten auswerten.
Bis zur Einführung des elektronischen Staatsexamens könnte es aber noch dauern. Als Grund nennt das Mainzer Prüfungsinstitut „die immense Herausforderung, gemäß gesetzlicher Vorgaben bundesweit inhalts- und zeitgleich prüfen zu müssen“. In der Medizin müssten bis zu 7000 Studenten in ganz Deutschland gleichzeitig geprüft werden.
Das dritte Staatsexamen wird vom zuständigen Landesprüfungsamt abgenommen. Prüflinge müssen dabei an den Unikliniken und Lehrkrankenhäusern patientenbezogene Fragen beantworten und einen Bericht über den Fall schreiben. Im Jahr 2025 haben 1064 Medizinstudierende das erste, 1100 Studierende das zweite und 983 Studierende das dritte Staatsexamen abgelegt.
Im Lehramt gibt es also keine konkreten Pläne und in der Medizin einige konkrete Hürden, das elektronische Staatsexamen einzuführen. Anders gesagt: Es kann gut sein, dass Jura in Hessen das erste Fach wird, in dem Kandidaten alle Klausuren des Staatsexamens elektronisch schreiben können.
Den Jurastudenten, deren Prüfungen verloren gingen, hat das Prüfungsamt zwei Möglichkeiten angeboten. Sie können entweder die Klausur nachschreiben oder den Durchschnitt der fünf vorhandenen Klausuren als Ergebnis der Prüfung akzeptieren. Zwanzig von ihnen entschieden sich für die zweite Lösung. Damit zählte die mündliche Prüfung anteilig mehr, was meistens ein Vorteil ist.
