Normalerweise hätte sich Alexander Zverev einer besonderen Aufmerksamkeit sicher sein können, am Samstagnachmittag in Wimbledon. Als frischgebackener French-Open-Sieger ist der Deutsche an sich schon eine neue Attraktion bei dem Rasenklassiker. Und auch die recht störungsfreie Art, wie sich Zverev bislang durchs dritte Grand-Slam-Turnier des Jahres geschlagen hat, wäre eine Würdigung wert.
Doch der 6:2-, 7:6-, 6:4-Sieg des Weltranglistendritten gegen den Amerikaner Marcos Giron und damit der Einzug ins Achtelfinale genügten nicht, um in London zum Stadtgespräch des Wochenendes zu werden. Stattdessen wurde über eine berühmte Kollegin getuschelt, die nicht spielen konnte.
Unter den letzten Acht stand Zverev noch nie
Das Achtelfinale hatte Zverev schon zuvor dreimal erreicht. Vier Wochen nach seinem ersten Grand-Slam-Turniersieg wäre nun die Gelegenheit, auch in Wimbledon den einen oder anderen Schritt weiterzugehen. Als Nächstes stellt sich ihm der Tscheche Jiri Lehecka in den Weg, der zeitgleich den Spanier Jaume Munar in vier Sätzen besiegte.
Wenn Zverev weiter so serviert wie gegen Giron (17 Asse), wird er eine solide Grundlage haben, um sein bestes Wimbledon-Ergebnis zu erzielen. Unter den letzten Acht stand Zverev noch nie. „Wenn der Aufschlag reingeht, ist es sehr hilfreich“, sagte der 29-Jährige im Siegerinterview. Und er gab zu, dass ihn der erste Grand-Slam-Titel gestärkt habe: „Ich spiele besser Tennis als im vergangenen Jahr. In den wichtigen Momenten habe ich mehr Selbstvertrauen.“
Zverev bekam auf Court No. 1 einen Platz an der Sonne zugewiesen, wie zwei Tage zuvor bei seinem Sieg gegen den Franzosen Valentin Royer. Und das wieder zu einer Zeit, in der die Engländer traditionell eine Teepause einlegen. Weil der Deutsche anfangs dominant auftrat, mutete die Stimmung im Stadion ähnlich gediegen an wie in einer Londoner Teestube. Ohne an seine Leistungsgrenze gehen zu müssen, sicherte sich der Weltranglistendritte den ersten Satz in 35 Minuten. Giron, auf Platz 92 der Weltrangliste eingestuft, verfügte nicht über die Waffen, um dem French-Open-Sieger dauerhaft gefährlich zu werden.
„Ich wusste, dass ich zu 100 Prozent bereit sein musste“
Der 32 Jahre alte Amerikaner hatte zunächst schon Mühe, Zverevs erste Aufschläge überhaupt übers Netz zu bringen. Kam er in die Ballwechsel, sah er sich einem Zverev gegenüber, der einiges ausprobierte und im Zweifel eine Lösung fand. „Er spielt fantastisch auf Rasen. Ich wusste, dass ich vom ersten Punkt an zu 100 Prozent bereit sein musste“, sagte Zverev nach dem Match.
Lauter wurde es im zweiten Satz, als Giron einen langen Ballwechsel mit einem gelungenen Stoppball beendete und das Publikum zum Jubeln aufforderte. Zwar konnte Zverev den einen oder anderen Breakball abwehren, merkte aber, dass der bewegliche Amerikaner auch auf Augenhöhe spielen konnte. Weil keiner dem anderen ein Aufschlagspiel abnehmen konnte, musste ein Tiebreak über den zweiten Satz entscheiden. Zverev gewann ihn letztlich mit einer Netzattacke und einem Volleystopp.
Im dritten Satz nahm der Hamburger seinem Gegner bei erstbester Gelegenheit das Service zum 2:0 ab. Alles Weitere schien Formsache – bis sich Zverev ein schwaches Aufschlagspiel zum 4:3 erlaubte. Nach 2:34 Stunden profitierte der Deutsche von einer verschlagenen Vorhand seines Gegners.
Auch emotional im Sparprogramm
Auch wenn es im Laufe des Matches etwas holprig wurde für den Deutschen: Dass Zverev in den ersten drei Runden nur einen Satz verlor, wäre ihm früher nicht passiert. Vor Jahren hatte er sich in den ersten Runden oft über fünf Sätze gequält, sodass ihm in den folgenden Matches Energie fehlte. Dieses Jahr läuft er auch emotional im Sparprogramm, sodass er gut und gerne noch ein paar Matches vertragen könnte. Zumal das Tableau in seiner Hälfte ziemlich offen ist, nachdem gesetzte Spieler und auf Rasen versierte Spieler wie der US-Boy Ben Shelton ausgeschieden sind.
Mit seinem Sieg wurde Zverev auch zu einem Partycrasher am Tag, als die Amerikaner den 250. Geburtstag der Vereinigten Staaten und somit sich selbst feierten. Wie seine Landsleute, die in Wimbledon Tennisgeschichte schrieben, hatte sich auch Giron etwas am Unabhängigkeitstag vorgenommen. An einem 4. Juli hatten eine Reihe von Tennisspielern auf dem „heiligen Rasen“ zu Ruhm und Ehre der USA beigetragen: John McEnroe gewann gegen Björn Borg seinen ersten Titel beim Rasenklassiker (1981), auch Jimmy Connors (1982), Pete Sampras (1993/1999) und diverse Damen triumphierten.

Serena Williams hatte am 4. Juli 2009 im Endspiel ihre Schwester Venus besiegt. Auf den Tag genau 17 Jahre später war am Samstag eigentlich ein Doppel-Auftritt der inzwischen Vierundvierzigjährigen und ihrer zwei Jahre älteren Schwester in Wimbledon vorgesehen.
Doch die 23-malige Grand-Slam-Turniersiegerin, die Anfang der Woche nach fast vier Jahren Abwesenheit mit viel Bohei auf die Profitour zurückgekehrt war, meldete sich am Nachmittag aus dem Krankenhaus: Ungefähr zu jener Zeit, zu der das Match stattfinden sollte, zog sie ihre Teilnahme zurück. „Es bricht mir das Herz, mich aus dem Doppel zurückziehen zu müssen“, schrieb sie in den sozialen Netzwerken: „Ich habe alles getan, was ich konnte, aber leider ist mein Knie einfach noch nicht bereit für den Wettkampf.“
Bilder zeigten, dass das rechte Bein bandagiert war, nachdem Serena Williams nach eigenen Angaben Anfang der Woche bei ihrer Einzelniederlage gegen die Australierin Maya Joint das Knie verdreht hatte. Die Turnierleitung des All England Club hatte der ehrwürdigen Rückkehrerin viel Zeit zur Genesung eingeräumt und das Doppel einen Tag später angesetzt, als es üblich ist. Es reichte nicht.
Für Venus Williams bedeutete der Ausfall ihrer Schwester, dass sie in Wimbledon nur einmal dank einer Wildcard zum Einsatz kam: Am Samstag hatte sie mit dem Coburger Kevin Krawietz zum Auftakt des Mixed-Wettbewerbs verloren (4:6, 4:6 gegen die britisch-slowakische Formation Lloyd Glasspool/Tereza Mihalikova).
Auf lediglich zwei Auftritte mehr kam im Einzel die Titelverteidigerin Iga Swiatek. Die Weltranglistendritte aus Polen scheiterte am Samstag in der dritten Runde an der 29 Plätze tiefer eingestuften Alexandra Eala von den Philippinen mit 6:7 (9:11), 2:6. Für Alexander Zverev geht die Reise auf Rasen weiter.
