William Fan
Es ist symbolisch, dass William Fan als erste große Schau der Berliner Modewoche auf dem Plan steht. Der Designer hat in gut zehn Jahren viele Fan-Fans gewonnen. Und welche Marke hält in dieser unmodischen Stadt schon so lange durch? Seine Schau im entlegenen Reinickendorf zeigt Fans Stärken: Inspiriert von Märkten in aller Welt wie den Soukhs in Marrakesch und den Flohmärkten in Tokio, geht es ihm ums Entdecken, Sammeln, Zusammenstellen, Bewahren. Das ist aber nicht archivarisch zu verstehen. So übernimmt er aus der Sportmode Reißverschlüsse, um das Volumen zu bändigen. Die Frauen bekommen zur Hose noch einen Minirock mit Mini-Volant.
Die weiten Beine ahmen nicht einfach die Lockerheit nach, die heute unter Männern so angesagt ist, sondern erinnern an orientalische Pluderhosen im Workwear-Stil. Jeder Stoff der Kollektion „Exchange“ scheint Geschichte zu haben, jeder Look scheint Welten zu verbinden, die eigentlich wenig miteinander zu tun haben. Man sieht es auch am Casting: Da schreitet zum Beispiel Adriano Sack von der „Welt am Sonntag“ würdevoll durch die Halle, sein neues Buch unterm Arm. Ein solcher „Exchange“ klingt schon viel besser als das Modewort „collab“.
Ioannes
Es muss nicht immer der Laufsteg sein. Das zeigt Johannes Boehl Cronau während der Berliner Modewoche. Der Designer, der aus der Nähe von Marburg stammt, hat in sein Atelier geladen, das zugleich seine Wohnung ist. Die Mode seines Labels Ioannes können die Gäste gleich anprobieren und kaufen. Schon bei seiner letzten Schau hatte er angekündigt, er wolle neue Wege suchen, seine Mode darzustellen.

Fans des Central-Saint-Martins-Absolventen hatten nach seiner kryptischen Ankündigung gar befürchtet, Cronau würde sich mit seinem 2019 in Paris gegründeten Label vielleicht wieder aus der deutschen Hauptstadt zurückziehen. Doch weit gefehlt! Die Models posieren in den Ioannes-Looks für Frühjahr und Sommer 2027 im Raum und auf dem Sofa – und auf einer festlich mit Blumen geschmückten Tafel werden Getränke und Speisen serviert.
Taskin Goec
Parallelwelten und ihre Überlagerungen sind das Leitmotiv der ersten Solo-Präsentation des von „Platte.Berlin“ geförderten Designers Taskin Goec. Er nennt sich selbst „Mixed-Reality-Modedesigner“ und präsentiert seine Kollektion nicht auf einem Laufsteg, sondern auf Bildschirmen – im Lobe-Block-Terrassenhaus, einem Ort, an dem ohnehin unterschiedliche Wirklichkeiten aufeinandertreffen. Vor den brutalistischen Betonstrukturen versorgen Anwohner in einem verwunschenen Garten ihre Hühner, während im Inneren animierte Models eine Kollektion vorführen, die analoge und digitale Sphären miteinander verbindet: Skulpturale Lederjacken begegnen wehenden Bändern und beinahe lebendig wirkenden Rüschen, aus denen ganze Kleider geformt sind. 3D-modellierte Oberflächen erinnern zugleich an Schmuckstrukturen und organische Formationen wie Narben oder gar Eingeweide. Auch der Entstehungsprozess der Stücke vollzieht sich so: in der analogen Welt und in Goecs KI-Workflow. Dass die Show gleich zweimal gezeigt wird, einmal für geladenes Publikum und einmal für die Öffentlichkeit, erscheint dabei wie eine programmatische Fortsetzung des Konzepts von verschmelzenden Parallelwelten.
Marke
Als einer der Gewinner des Berlin-Contemporary-Awards zeigt der Kölner Mario Keine die Show seines Labels „Marke“ im Internationalen Congress Centrum (ICC). Das unter Denkmalschutz stehende alte Kongressgebäude bildet die passende Kulisse für seine Kollektion, die die Erinnerung zum ästhetischen Prinzip erhebt und mit der Gegenwart verbindet.

Hohe Taillen, die an Pantalons der Regency-Ära erinnern, treffen auf transparente Tops, Fracks auf Ballonhosen und glänzende Stoffe auf sportlichen Sweat. Auf dem Laufsteg liegen Postkarten und Briefe, die aus vergangenen Jahrhunderten zu stammen scheinen. Wie Virginia Woolfs Roman „Orlando“, der als Inspiration dient, setzt auch die Kollektion die lineare Vorstellung von Zeit und Geschlecht außer Kraft und entwirft stattdessen eine Ästhetik der Gleichzeitigkeit.
Laura Gerte
Im Rotlicht präsentiert Laura Gerte ihre Kollektion „Lost to Virtue“ (etwa „Tugendbefreit“). Die Berliner Designerin versteht ihre Arbeit als Gegenentwurf zu jenem historischen Ideal weiblicher Tugendhaftigkeit, das Frauen über Jahrhunderte hinweg disziplinierte und begrenzte. Was hinter den mit roter Folie verklebten Fenstern des Berliner Ensembles sichtbar wird, ist eine selbstbewusste Wiederaneignung von Weiblichkeit.

Neben Kleidern und Hosen aus dekonstruierten T-Shirts erscheinen Tops aus drapiertem, gemustertem Plissee, eng anliegende, gesmokte Kleider sowie Röcke, die allein aus schwarzen Bändern bestehen. Die Kollektion lässt viel Raum für Haut, für die Inszenierung des weiblichen Körpers – und trifft damit einen Nerv: Gertes Entwürfe, gefertigt aus recycelten Textilien und Deadstock-Materialien, werden inzwischen auch von Stars wie Kylie Jenner getragen.
Richert Beil
Auf eine Modenschau verzichtet das Label Richert Beil dieses Mal. Grund zum Feiern haben Michele Beil und Jale Richert aber auch so: Sie eröffnen offiziell ihre Räume in Kreuzberg, ihre Apotheke. In dem Eckgeschäft wanderte einst tatsächlich Arznei über den Tresen. Zur Feier des Tages hatten sich die kreativen Köpfe des Berliner Labels etwas Besonderes ausgedacht: eine Auktion. „10 Gebote“ stand auf der Einladung, wie in eine Steintafel geritzt. Für zehn Teile aus verschiedenen Kollektionen durften die Gäste schließlich am Freitagabend Bietscheine ausfüllen, etwa für eine Hose, eine Schürze oder einen Rock – am Ende wird die oder der Höchstbietende gewinnen.
Buzigahill
Der verlorene Sohn ist wieder da! Vor einem Jahrzehnt war Bobby Kolade eine Nachwuchshoffnung der Berliner Mode. Vor acht Jahren ging er nach Uganda – und verbindet nun dort Nachhaltigkeit und Ästhetik. Das muss in der Mode kein Widerspruch sein, wie er mit der Schau seines Labels Buzigahill im ICC am Freitagabend zeigt. Die Upcyclingstoffe näht er so geschickt zusammen, dass sie wie neu aussehen.

Vor der Schau erklärt der Designer, was er mit seiner Mode ausdrücken möchte. Die Siebzigerjahre, in denen das ICC gebaut wurde, war auch die Zeit afrikanischer Befreiungsbewegungen. Inspiriert haben ihn der frühere Präsident Sambias, Kenneth Kaunda, und die ugandische Diplomatin Elizabeth Bagaya. Herausgekommen sind dabei zum Beispiel Kleider in Patchwork-Optik und Jacken und Röcke, die aus Denim-Stücken bestehen. So gibt er zurück, was Europa aussortiert hat: Die meisten Altkleider in Uganda, aus denen er sich bedient, stammen aus Europa und den Vereinigten Staaten. Sie kommen besser zurück, als sie einst gingen.
