Bei jeder Rabattaktion ist das wieder ein Ärgernis: Händler bewerben ihre Sonderangebote mit angeblich großen Rabatten. „Minus 50 Prozent“ oder „70 Prozent Rabatt“ heißt es da – doch eigentlich sind die Preise gar nicht so weit gesunken. Vielmehr haben die Händler kurz vor der Aktion ihre Preise noch mal erhöht, damit sie anschließend mit möglichst hohen Rabatten werben können.
Die meisten Kunden wissen das inzwischen. Eigentlich muss man jeden Rabattpreis noch mal durch eine Preissuchmaschine laufen lassen und nachgucken, ob der angeblich so niedrige Preis tatsächlich günstig ist. In der Praxis ist das aber vielen den Aufwand nicht wert. Erst noch mal eine Viertelstunde Preise vergleichen, um zehn Euro zu sparen? Nicht allen Kunden, aber doch vielen geht es so gut, dass sie sich diesen Aufwand sparen. Entsprechend scheinen viele Händler festzustellen, dass große Prozentzahlen viele Kunden doch zum Kauf bewegen – jedenfalls werben sie immer wieder damit.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Die Europäische Union wollte die Kunden vor sich selbst schützen. Seit vier Jahren gilt eine klare Regel: Wenn da etwas von „minus 50 Prozent“ oder „zehn Euro Rabatt“ steht, dann darf sich diese Angabe nicht auf den letzten vorigen Preis beziehen oder gar auf die Preisempfehlung des Herstellers. Als Referenz gilt jetzt der niedrigste Preis der vergangenen 30 Tage. Theoretisch klingt das gut. In der Praxis war das Ergebnis für die Verbraucher nicht so vorteilhaft.
Die Preise steigen um ein bis zwei Prozent
Genau angeschaut haben sich das Reinhold Kesler und Alexander Rasch, zwei Ökonomen am Düsseldorfer Institut für Wettbewerbsökonomik. Sie haben untersucht, wie sich die Preise nach der Einführung dieser Regel entwickelt haben. In einer Studie, die der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vor der Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift vorliegt, haben die beiden die Angebote auf dem Marktplatz von Amazon untersucht, wo unabhängige Händler ihre Ware verkaufen können. Sie haben die Preise aus verschiedenen EU-Ländern mit denen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten verglichen.
Dabei wurde deutlich: Seit der EU-Regulierung ist es den Kunden in Großbritannien und den USA besser ergangen. Die Autoren ziehen ein ernüchterndes Fazit: „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Regulierung irreführender Rabattangaben schwere unbeabsichtigte Folgen haben kann.“
EU-Regel verursacht Preiserhöhungen in der Größe einer Jahresinflation
Denn in der EU haben die Händler auf die neue Regel reagiert. Und zwar nicht nur, indem sie ihre Rabattangaben angepasst haben. Sie haben auch insgesamt die Endpreise nur noch halb so sehr reduziert wie zuvor. Auch die Zahl der Sonderangebote selbst ging zurück – vielleicht deshalb, weil jeder Preisnachlass spätere Rabattaktionen erschwert. So kommt es am Schluss zu dem traurigen Ergebnis: In der EU stiegen die Durchschnittspreise übers ganze Jahr nach Einführung der neuen Regel durchschnittlich um ein bis zwei Prozent.
Und das ist nur der Durchschnitt. Da sind Produkte mitgezählt, die gar nicht so oft mit Rabatten beworben werden. Bei rabattintensiven Produkten sind die Auswirkungen deutlich stärker. Da geht es zum Beispiel um Mode, um Elektronik, um Bürobedarf, um Werkzeuge und um Videospiele. In solchen Kategorien hat die neue EU-Regel offenbar Preiserhöhungen in der Größe einer Jahresinflation verursacht.
