Nacht für Nacht verlässt der enthauptete hessische Soldat sein Grab in Sleepy Hollow, New York, besteigt sein Pferd und sucht nach seinem Kopf. Die bekannte Kurzgeschichte Washington Irvings aus dem frühen neunzehnten Jahrhundert macht die Hessen zum Schreckgespenst. Das liegt nahe. Sie waren der Feind.
Vor 250 Jahren erreichten die ersten großen Kontingente deutscher Soldaten Nordamerika. Die Fürsten von sechs deutschen Staaten hatten der britischen Krone rund 30.000 Mann überlassen. Sie sollten helfen, die amerikanische Rebellion niederzuschlagen, und stellten rund ein Drittel der britischen Armee. Gemeinhin nannte man sie alle Hessen, weil Hessen-Kassel mit rund 17.000 Mann das größte Kontingent stellte. Ohne die Deutschen hätte der englische König George III. den Krieg nicht acht Jahre lang führen können.
Thomas Jefferson, einer der Gründungsväter der amerikanischen Republik, schrieb: „Er (Georg III.) ist zu dieser Zeit dabei, große Armeen fremder Söldner heranzuschaffen, um das bereits begonnene Werk des Todes, der Verwüstung und der Tyrannei zu vollenden – unter Umständen von Grausamkeit und Treulosigkeit, die selbst in den barbarischsten Zeitaltern kaum ihresgleichen finden.“
Die Geschichte der Hessen in Amerika ist mehr als eine Anekdote aus dem Unabhängigkeitskrieg. Es ist die Geschichte von einem deutschen Kleinstaat, der seine Armee zum Exportgut macht – und von Soldaten, die zugleich Opfer, Profiteure und Akteure dieses Geschäfts waren. Historiker nennen das Geschäftsmodell Soldatenhandel: Fürsten stellten nicht einzelne Söldner, sondern ganze Regimenter samt Offizieren, Ärzten und Geistlichen gegen Geld in fremde Dienste.
Haben die Fürsten ihre Landeskinder für Luxus verkauft?
Bis heute haftet dem Geschäft der Ruch an, dass deutsche Fürsten ihre Landeskinder verkauft hätten, um Schlösser, Mätressen und Hofkapellen zu finanzieren. Der Journalist Friedrich Kapp verurteilte 1864 die Praxis als System der Fürsten, „Einnahmen zu generieren und ihren Hang zum Luxus zu befriedigen“. Dichter Friedrich Schiller dramatisierte in „Kabale und Liebe“ den Vorwurf: Als die Mätresse des Fürsten Juwelen bekommt, die aus dem Erlös des Soldatenhandels gekauft wurden, empört sie sich: „Soll ich den Fluch seines Landes in meinen Haaren tragen?“
Ganz falsch sind die Vorwürfe gegen den Soldatenhandel nicht. Doch die Wirklichkeit war komplizierter: Speziell die Soldaten aus Hessen-Kassel waren reguläre Truppen eines hochmilitarisierten Kleinstaates. Ihre Vermietung brachte Zwang und Leid mit sich, finanzierte aber im eigenen Land auch niedrigere Steuern, Arbeitsplätze, Schulen, Krankenhäuser und nicht zuletzt das Fridericianum in Kassel, eines der ersten öffentlichen Museen Europas. Bis heute dient es als Ausstellungsgebäude der Kunstmesse Documenta.
Hessische Soldaten hatten einen besonderen Ruf
Die Landgrafen von Hessen-Kassel waren besonders aktiv in diesem Geschäft, hessische Soldaten waren eine Marke. Die deutsche Historikerin Friederike Baer von der Universität Penn State Abington, die in einer umfangreichen Studie die Rolle der deutschen Soldaten im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg untersucht hat, zählt 38 Subsidienverträge mit ausländischen Herrschern, die die Landgrafen zwischen 1670 und 1850 geschlossen haben. Hessen-Kassel war dabei ein Sonderfall: Es war calvinistisch, religiös tolerant und militaristischer als Preußen unter Friedrich dem Großen. Der Landgraf Karl von Hessen hatte schon im 17. Jahrhundert begonnen, die ursprünglich für die innere Sicherheit aufgestellten Truppen zu verleihen: nach Großbritannien, nach Schweden und in die Niederlande.

Die Subsidienverträge, mit denen andere Länder für die Soldatenleihe zahlten, hatten für Hessen-Kassel durchaus positive Effekte, analysiert der amerikanische Historiker Charles Ingrao. Sie gaben jüngeren Söhnen, die nicht genug Land für ein auskömmliches Leben erbten, eine alternative Beschäftigung. „Dadurch linderten sie die Armut auf dem Land, beendeten die ständige Abwanderung junger Menschen in andere Teile Deutschlands und brachten zugleich Devisen ins Land, die für industrielle Investitionen genutzt werden konnten“, schreibt der Forscher in seinem Standardwerk „The Hessian Mercenary State“.
„Die Truppen sind unser Peru“
Das rechnete sich für den Landesherren: Zwischen 1702 und 1763 konnten die Landgrafen mit den Einkünften aus dem Soldatenleasing die Hälfte des Staatshaushalts decken. Von Landgraf Friedrich II., der seit 1760 regierte, ist die Aussage überliefert: „Die Truppen sind unser Peru.“ Was den spanischen Habsburgern die legendären Silberschätze von Potosí waren, war den Hessen ihr Exportgut Nummer eins: die Soldaten.
Das Geschäft lief nicht reibungslos. Mancher Fürst zahlte als Kunde die Subsidien an Hessen-Kassel nicht und war dazu erst wieder zu bewegen, wenn er wieder auf geliehene Truppen angewiesen war. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurde die Landgrafschaft als Verbündeter Preußens und Großbritanniens Hauptschauplatz verheerender Kämpfe. Die bitteren Folgen des von Preußen angezettelten Krieges bewogen Landgraf Friedrich II. nicht, vom Soldatenhandel abzulassen. Zu tief war das Militärwesen mit der damaligen Gesellschaft verwoben. Aus jedem vierten Haushalt in Hessen-Kassel, das damals rund 300.000 Einwohner zählte, diente ein Mitglied. Eine Militärkarriere bot auch nichtadligen Bürgern die Aussicht auf einen Offiziersposten.
Manch armer Bauernsohn meldete sich freiwillig
Für die armen Landeskinder war es nicht nur eine Karrierefrage. Es war eine Frage des Überlebens. Männer waren besonders leicht zu rekrutieren, wenn die Ernte nahte. Dann waren die alten Vorräte verbraucht, und es drohte Hunger. Soldaten verdienten mehr als einfache Arbeiter, mussten weniger Steuern zahlen und waren von speziellen Pflichtdiensten befreit. Es ging nach der Analyse Ingraos aber nicht nur um Geld: „Jahrhundertelange Kämpfe gegen weithin gefürchtete und verhasste Feinde wie die Katholiken und die Franzosen hatten im Bewusstsein der Hessen ein allgemeines Pflichtgefühl verankert: In allen gesellschaftlichen Schichten galt es als Aufgabe jedes Einzelnen, das Land zu verteidigen.“
Hessen-Kassel war ohnehin anders. Die meisten Staaten erhoben Steuern, um Verwaltung und Militär zu finanzieren. Das Geld floss in die Außenpolitik und Kriege. In Hessen-Kassel war es umgekehrt: Der Landgraf vermietete seine Truppen und nutzte die Einkünfte, um Steuern zu senken und das Leben seiner Untertanen zu verbessern. Mit den Subsidiengeldern wurden Schulen und Krankenhäuser gebaut und unterhalten, wie zum Beispiel eine Entbindungsklinik für unverheiratete Mütter, die praktischerweise mit einem Waisenhaus kombiniert war.
Geld für Mätressen, die Hofkapelle und den Schuldendienst
Andere Fürsten gaben das Geld für andere Dinge aus. Der Markgraf von Ansbach-Bayreuth, der knapp 1600 Soldaten nach Amerika schickte, nutzte das Geld für Mätressen, seine Jagdleidenschaft und die Hofkapelle. Er baute aber wie andere Fürsten auch Staatsschulden ab. Braunschweig-Wolfenbüttel konnte mit den Einnahmen aus dem Soldatenhandel einen Staatsbankrott abwenden.

Friedrich II. sah die Armee als Instrument zur Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung. Keinesfalls sollte sie produktive Kräfte von ihren Arbeitsplätzen abziehen. Die Grundidee war, nur Männer zwischen 16 und 30 einzuziehen, die sich freiwillig zum Dienst verpflichteten und wirtschaftlich entbehrlich waren. Bauern, die sich selbst versorgen konnten, Geschäftsleute mit einem gewissen Vermögen, Fabrikarbeiter, Bergleute, Beamte, Geistliche und Väter junger Kinder waren von der militärischen Dienstpflicht befreit. Nach den Verheerungen des Siebenjährigen Krieges verschonte der Landgraf noch weitere Gruppen vom Militärdienst und versuchte, die Reihen durch Rekruten aus dem Ausland zu füllen. Unter Ausland verstanden die Hessen vor allem die vielen anderen deutschen Kleinstaaten. Gefahr drohte Vagabunden, die ahnungslos durch Hessen-Kassel zogen. Sie wurden von entschlossenen Rekrutierern eingefangen.
Die Rebellion in Amerika kam wie gerufen
Das Heer, das Friedrich II. unterhielt, war für die kleine Landgrafschaft viel zu groß. Wirtschaftlich ließ es sich nur rechtfertigen, wenn fremde Mächte dafür bezahlten. Der Aufstand in den britischen Kolonien kam daher wie gerufen. Der Landgraf war in einer starken Verhandlungsposition. Dank seines stehenden Heeres konnte er schneller als andere am Soldatenhandel interessierte Fürsten schlagkräftige Verbände senden, um die amerikanische Rebellion im Keim zu ersticken.
Das verschaffte dem Landgrafen besondere Vorteile. Er bekam nach der Studie von Ingrao von der britischen Krone doppelt so viel Geld je Soldat als andere Fürsten, dazu einen stattlichen Vorschuss und Reparationen für die Verwüstungen im jüngsten Krieg. Ferner schlug der Landgraf eine Sonderkonzession heraus: Die Briten bezahlten die komplette Ausrüstung der Truppe. Die Aufträge gingen an hessische Unternehmen der Stahl- und Textilindustrie, die eine Blütezeit erlebten. Die Soldaten selbst erhielten mehr als das Dreifache des gewöhnlichen Lohns. Die britische Großzügigkeit wurzelte in der Vorstellung, dass die Militärkampagne in Amerika nicht länger als ein oder zwei Jahre dauern werde. Sie sollten sich täuschen.

Der Landgraf selbst sah sich schnell mit einer Reihe unerwarteter Probleme konfrontiert. Die versprochenen Regimenter hatten nicht die geforderte Sollstärke. Männer desertierten oder suchten das Weite, bevor sie angeheuert werden konnten. „Kein Zweifel: Manche dieser Männer wollten nicht nach Amerika“, sagt die Historikerin Baer. „Sie lehnten den Militärdienst nicht unbedingt ab, wohl aber diesen Einsatz in Übersee.“ Dazu kam die öffentliche Kritik der Dichter und Denker: Schiller, Johann Gottfried Herder, Friedrich Gottlieb Klopstock und Immanuel Kant wandten sich gegen die Intervention. Einige sahen in Amerika die Vision eines neuen Staates entstehen, die Schutz verdiente.
Die Rekrutierer waren nicht zimperlich
Obwohl auf dem Papier verboten, zwangen Rekrutierer Männer in den Dienst, die zu alt, zu jung oder formal unabkömmlich waren. Die vertraglich geforderte Truppengröße musste erreicht werden. Gleichzeitig gab es zahlreiche Freiwillige, die sich auf das Abenteuer Amerika einlassen wollten: wegen der guten Bezahlung, wegen der Aussicht, in Amerika ein neues Leben zu beginnen, oder einfach, weil sie neugierig waren. „Die Fülle der Berichte über Landschaft, Pflanzen- und Tierwelt, über die Menschen und die indigene Bevölkerung ist erstaunlich“, sagt Baer. „Die Soldaten waren offenkundig neugierig.“ Es gibt nach ihren Angaben keinen Hinweis darauf, dass die Heimkehrer sich später für ihren Einsatz schämten. Im Gegenteil: Die zahllosen von Baer ausgewerteten Briefe zeigen, dass sie stolz darauf waren, am Krieg in Amerika teilgenommen zu haben.
Die Briefe in die Heimat zeigen noch etwas anderes: Die deutschen Soldaten, die 1776 in New York an Land gingen, staunten über den Wohlstand selbst durchschnittlicher weißer Einwohner, über deren Besitz, über das fruchtbare Land und die großen Höfe. „Manche verstanden nicht, warum Menschen, denen es offensichtlich so gut ging, gegen den König rebellierten“, sagt Baer. Soldaten, die in Québec oder erst recht in Georgia oder Westflorida dienten, hatten einen weniger guten Eindruck.
Von den amerikanischen Soldaten hatten die Hessen keine hohe Meinung, wie die Briefe zeigen. Die Geringschätzung endete abrupt an Weihnachten 1776. Washingtons Truppen überquerten den Delaware, überraschten die Hessen in Trenton und nahmen rund 900 Mann gefangen. Aus den gefürchteten hessischen Berufssoldaten wurden plötzlich Gefangene.
Die Amerikaner behandelten die Hessen gut
Nun änderten auch die Amerikaner ihre Propaganda: Aus ruchlosen Söldnern wurden bemitleidenswerte Opfer deutscher Despoten, die man zum Überlaufen bewegen wollte. Gefangene Hessen bekamen ausreichend zu essen. Ihre Sterblichkeit in Gefangenschaft war gemäß der Ingrao-Studie deutlich niedriger als die der britischen Soldaten.
Die Hessen kamen in Gefangenenlager in Pennsylvania, in die Nähe deutscher Siedlungen. Heimische Handwerker und Bauern konnten die Hessen ausleihen, um Arbeiten erledigen zu lassen. So vertieften sich die Kontakte. Das war die Absicht: Die Amerikaner wollten die Hessen zum Bleiben bewegen.
Sie lockten mit Land und Vieh: zum Beispiel mit 30 Morgen Boden, zwei Kühen oder fünf Schweinen. Schon im August 1776, kurz nach der Landung der ersten Hessen, ließ der Kontinentalkongress entsprechende Angebote verbreiten. Die Aufrufe wurden ins Deutsche übersetzt und als Flugblätter gedruckt. Man schmuggelte die Blätter in die Lager, verteilte sie an Kriegsgefangene und forderte diese auf, sie in ihre Regimenter mitzunehmen.
Rund 3000 Deutsche siedelten sich nach dem Krieg in den neu gegründeten Vereinigten Staaten an, rund ein Zehntel der entsandten Söldner. Die meisten zog es in deutschsprachige Gegenden Pennsylvanias und Marylands. Ebenso viele siedelten sich in Kanada an, wo deutsche Truppen während des Krieges ausgeharrt hatten. Rund 7000 deutsche Soldaten starben, nur 1200 davon im Feld. Der Rest erlag Pocken, Typhus, anderen Infektionen oder der bitteren Winterkälte. Rund 15.000 bis 20.000 Soldaten kehrten nach Deutschland zurück, nicht wenige mit Erspartem aus dem Sold und der Arbeit in Gefangenschaft.
Sie kamen in ein Hessen-Kassel zurück, wo die Städte wegen der Aufträge des Militärs und der Bauprojekte des Landgrafen in Kassel blühten. Der ländliche Raum dagegen darbte. Auf den Bauernhöfen hatten Helfer gefehlt, nachdem so viele junge Männer so lange weggeblieben waren. In einigen Regionen regierte die Not, viele Familien wurden zerrissen. Landgraf Friedrich II. war an seinem Ruf als aufgeklärter Herrscher, der seine Macht zum Wohle seiner Untertanen einsetzte, sehr gelegen. Er hielt im Prinzip am Soldatenhandel fest. In seinen letzten Regierungsjahren vor seinem Tod im Jahr 1785 aber sagte er fünf Anfragen von Fürsten ab, Truppen auszuleihen, notiert Ingrao. Der Fürst hatte erfahren, dass das Geschäft riskant war. Es half, dass seine Kasse wegen der Überweisungen der Briten für den Unabhängigkeitskrieg gut gefüllt war. So blieben die hessischen Schreckgespenster einigen anderen Nationen erspart.
