Sind kleiner dimensionierte Konzertsaalbauten an landschaftlich attraktiven Orten ein Modell für die Zukunft, wenn die öffentlichen Kulturetats schrumpfen? Im schweizerischen Altdorf an der Gotthardroute sind die Pläne für ein solches Bauvorhaben schon weit fortgeschritten, und im französischen Évian-les-Bains am Ufer des Genfer Sees ist gerade ein neuer Bau mit einer hochkarätigen Konzertreihe eingeweiht worden. Beides sind Säle für wenige Hundert Besucher, beide zeichnen sich durch eine ikonische Architektur aus und sind auf die Nähe zu den Musikern und ein intensives Hörerlebnis ausgerichtet. Und was besonders auffällt: Sie sind privat finanziert, also nicht auf unsichere öffentliche Geldquellen angewiesen.
In Évian war es die Mäzenin Aline Foriel-Destezet, die den Bau nicht nur finanzierte, sondern überhaupt initiierte. Sie unterstützt schon seit Längerem auch Einrichtungen wie das Festival in Aix-en-Provence und die Philharmonie de Paris sowie das Alte-Musik-Ensemble Les Arts Florissants von William Christie. Zu den Kosten des neuen Saals verweigerte sie in Évian jede Auskunft, das sei ihre private Angelegenheit. Doch erläuterte sie das Motiv ihres Engagements: Sie mache das für die Musiker und für alle Menschen, vor allem die Kinder in dieser mit kulturellen Einrichtungen nicht gerade gesegneten Region Frankreichs, um ihnen den Zugang zu den Künsten zu erleichtern. Sie wird, neben temporären Sponsoren und Veranstaltungspartnern, auch zu den laufenden Kosten künftig einen Beitrag leisten.

Der mit allen technischen Finessen ausgestattete Saal ist für Konzerte, Tonaufnahmen und Veranstaltungen mit Schülern gleichermaßen geeignet. Entworfen wurde er von den Architekten Patrick Bouchain und Philippe Chiambaretta, unterstützt vom inzwischen verstorbenen Akustiker Albert Xu. Vom außen präsentiert sich der Bau als eine in die Erde eingelassene Halbkugel mit einer schuppenartigen Oberfläche aus braun patinierten Kupferplatten, die mit dem Baumbestand ringsum einen farblichen Dialog führen. Architektonisches Objekt und Natur im perfekten Einklang.
Der Konzertsaal im Inneren hat die Form eines leicht asymmetrischen Ovals mit einer tief liegenden Bühne und ansteigenden Publikumsrängen, die teils nach dem Weinbergprinzip, teils in traditioneller Frontalposition angeordnet sind. Durch eine verschließbare Öffnung im Dach kann das Sonnenlicht eindringen und einen langsam wandernden Fleck auf die Wand über dem Publikum zaubern. Eine Berührung mit der Natur findet damit auch im Inneren statt. Solche architektonischen Finessen machen den offiziellen Namen des Saals plausibel: La Source Vive – Die lebendige Quelle.
Das Publikum befindet sich nah an den Interpreten und kann von oben aus vielen Richtungen einen direkten Blick auf die Klaviertasten werfen. Damit korrespondiert eine Akustik, die jedes Detail hörbar macht. Auch in der Gegenrichtung: Nach Auskunft eines Musikers können sich auf der Bühne leiseste Publikumsgeräusche störend bemerkbar machen. Außerdem klingen hohe Töne im Fortissimo schnell etwas scharf.
Der 500 Plätze fassende Saal ist traumhaft gelegen. Er befindet sich oberhalb von Évian, außer Sichtweite des Touristenbetriebs, an einer Stelle im lichten Mischwald mit der Bezeichnung Les Mélèzes, benannt nach den hochgewachsenen Lärchen, den „mélèzes“. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft steht ein größerer Konzertsaal, die 1993 eröffnete, ebenfalls vom Architekten Bouchain entworfene Grange au Lac, die Scheune am See.
Dieser unauffällig in die Natur eingebettete, rustikal anmutende Bau aus Kiefern- und Zedernholz bietet tausend Personen Platz und stellt mit einem Raumvolumen von rund 11.000 Kubikmetern und einer hervorragenden Akustik ein Eldorado für Orchestergastspiele dar. Mit ihm ist der neue Kammermusiksaal durch ein gemeinsames Foyer verbunden. Ein architektonisches Ensemble, in dem Kultur und Natur harmonisch koexistieren. Auf den Besucher, der schon auf dem Weg zum Konzertsaal durch den gepflegten Wald in eine gehobene Stimmung versetzt wird, übt diese sinnenfrohe Naturnähe eine beträchtliche Anziehungskraft aus.

Die Konstellation mit den beiden Sälen hat Zukunftspotential. Für die jahrzehntealte Konzertreihe der Rencontres Musicales d’Évian, deren künstlerische Leitung einst der Cellist Mstislaw Rostropowitsch innehatte, erhofft man sich in Évian eine stärkere internationale Öffnung. Gegenwärtig besteht das Publikum zu drei Vierteln aus Franzosen, die meisten aus der Region Auvergne-Rhône-Alpes; zwanzig Prozent kommen aus der Schweiz, die restlichen fünf aus anderen Ländern. Den Verantwortlichen ist es mit ihren Expansionsplänen ernst, die Öffentlichkeitsarbeit läuft wie geschmiert. Zu den Eröffnungsveranstaltungen in der Source Vive, die im französischen Sender Radio Classique und auf medici.tv live übertragen wurden, kamen rund fünfzig Journalisten aus allen Branchen angereist.
Im Zentrum der Konzerte stand das Kammermusikschaffen von Johannes Brahms. Programmiert wurden sie vom Geiger Renaud Capuçon, der bei der Planung des Konzertsaals auch als musikalischer Berater mitgewirkt hatte. Zusammen mit dem Cellisten Yo-Yo Ma, mit dem Bratschisten Timothy Ridout und mit Emanuel Ax am Klavier brachte er im Eröffnungskonzert das emotional aufwühlende, über zwei Jahrzehnte gereifte dritte Klavierquartett in c-Moll von Brahms zur heftig umjubelten Aufführung. Der Saal bestand den Akustiktest mit dem vielschichtig gearbeiteten Werk glänzend.
Als alte Hasen des Konzertbetriebs wussten die Interpreten genau, wie sie mit der empfindlichen Akustik umzugehen hatten, anders als das noch nicht so erfahrene Duo María Dueñas und Denis Kozhukhin, das in der Violinsonate in d-Moll noch etwas unbekümmert mit den Lautstärken umging. Ridout und Guillaume Bellom am Flügel beeindruckten anderntags mit einer klanglich subtilen, unerhört farbigen Interpretation der späten Bratschensonate in Es-Dur. Einen glänzenden Schlusspunkt setzte sodann das Horntrio von Brahms mit Capuçon, Kozhukhin und dem Berliner Philharmoniker Stefan Dohr.
Die Grange au Lac, der große Saal von Les Mélèzes, war mit einem Gastspiel der Camerata Salzburg in die Reihe der Eröffnungskonzerte einbezogen. Auf dem Programm standen die Ouvertüre zu Voltaires Theaterstück „Olympie“ von Mozarts kongenialem Zeitgenossen Joseph Martin Kraus sowie zwei Werke Mozarts, die mit preußischem Schneid exekutierte Jupitersinfonie und das Klavierkonzert in d-Moll KV 466 mit dem koreanischen Solisten Sunwook Kim. Der brillante Techniker liebt schnelle Tempi und wirkungsvolle Kontraste, was vom Publikum offensichtlich goutiert wurde. Es machte Lust, ihn einmal mit einem Werk von Alexander Dreyschock zu hören, der als Tastenvirtuose einst Paris in Begeisterungstaumel versetzte. Für Mozart ist er nicht unbedingt der richtige Mann.
