Ich muss gestehen, ich habe eine ganz besondere Beziehung zu Krankenhausärzten, die sich von jener zu meinem Hausarzt deutlich unterscheidet. Zu diesem hat man im Idealfall mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut; der Kontakt zu Medizinern in einer Klinik jedoch beschränkt sich zumeist auf wenige Stunden oder Tage, und da muss die Vertrauensbildung schnell gelingen.
Generell ist mir in der Klinik wichtig, wie auch in der Hausarztpraxis, dass die Ärzte in mir mehr sehen als ein Objekt, an dem sie ihr Können demonstrieren.
Ich habe keinen Grund, an ihrer Professionalität zu zweifeln, aber es scheint mir menschlich völlig verständlich, dass man sich im Job mehr Mühe gibt, wenn man der Meinung ist, dass der Einsatz jemandem gilt, der das verdient, weil er oder sie so eine sympathische Person ist. Freundlich bin ich ohnehin, so gut es geht. Aber auch jenseits dessen bemühe ich mich, Klinikärzte noch ein Stück mehr für mich einzunehmen, indem ich mich pflegeleicht zeige und meinem Gegenüber mit einem Schuss Humor signalisiere: Ich sehe dich. Magst du mir das Kompliment nicht zurückgeben?
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Und doch gebe ich zu, dass von meiner Seite auch ein Stück Misstrauen im Spiel ist und ich Ausschau nach zusätzlichen Sicherungen halte. Ich sollte Ihnen das eigentlich nicht sagen, aber als mir vor längerer Zeit ein größerer Eingriff bevorstand, hielt ich es für notwendig, vorher vor Pflegern und Ärzten beiläufig zu erwähnen, dass ich bei der Zeitung arbeite. Ich wollte, dass die Leute, die sich bald an meinem Körper zu schaffen machen würden, wussten: Wenn uns dieser Kerl auf dem OP-Tisch liegen bleibt, kommen womöglich Leute, die es gewohnt sind, Fragen zu stellen.
Ich scherze natürlich, und das sollte man über den Tod nicht. Aber ich muss eben auch sagen: Jedes Mal, wenn ich einer von den durchschnittlich rund 35.600 Menschen bin, die täglich zur ambulanten Behandlung in die Notaufnahmen deutscher Krankenhäuser kommen – oder gar einer der durchschnittlich 48.000, die jeden Tag stationär aufgenommen werden –, staune ich ein bisschen mehr über einen Apparat, der mich schluckt, ohne sich mir im Geringsten zu erklären.
Man ist der Gegenstand, ja der Daseinszweck dieses Systems
Das Krankenhaus ist ja ein völlig opakes System, dessen Funktionsprinzipien man als Patient stets nur in winzigsten Ausschnitten wahrnimmt und eigentlich nie auch nur annähernd begreift – und doch ist man der Gegenstand, ja der Daseinszweck dieses Systems.
In dem Moment, da man in der Anmeldung der Notaufnahme die eigene Versichertenkarte über den Tresen schiebt, setzt sich ganz offensichtlich eine komplexe Maschinerie in Gang, denn mit einem Mal erscheinen Pfleger, die einem den Blutdruck messen und Blut abnehmen, und Ärzte, die sich mit konzentriertem Blick über den Neuankömmling beugen.
Es ist ein Mechanismus, der sich dem Verständnis des Patienten weitgehend entzieht, und dennoch hängt das eigene Wohlbefinden, ja das eigene Leben davon ab, dass man sich dem System überlässt. Denn Noncompliance mit den Regeln dieser ganz eigenen, von Notwendigkeiten strukturierten Welt riskiert, dass die Behandlung scheitert und Heilung ausbleibt. Hier findet ein Kräftemessen zwischen menschlicher Verletzlichkeit und professioneller Fürsorge statt, zwischen Ohnmacht und Effizienz.
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Was für das medizinische Personal Routine ist, bedeutet für den Patienten den Ausnahmezustand. Er hat schließlich, wie der Engländer sagt, skin in the game. Seine Haut steht auf dem Spiel. Ist es da ein Wunder, dass schwächliche Charaktere wie ich hart daran arbeiten, beim Personal um ein wenig Sympathie zu buhlen?
Vor ein paar Monaten verbrachte ich einige Tage auf einer, sagen wir: internistischen Station. Die für mich zuständige Ärztin, sagen wir: eine Frau Dr. Kramer, blieb gegen all meine Versuche, das Eis zwischen uns zu brechen, resistenter, als manche Bakterien es gegen Antibiotika werden. Vor einigen Wochen überwies meine Hausärztin mich wegen einer ganz anderen Sache in die Notaufnahme desselben Krankenhauses, wo mich neben einem wortkargen, aber angeblich höchst sachverständigen Arzt (sagen wir: aus der Chirurgie) abermals ebenjene Internistin untersuchte. Als ich sie erkannte, sagte ich, wie üblich um Sympathie heischend, zu ihr: „Ah, Frau Dr. Kramer, wir sind uns ja schon begegnet.“ Und sie? Schenkte mir statt eines Lächelns oder eines anderen Zeichens der Anerkennung meiner Existenz als Mensch den Satz: „Ja, Sie waren die Gallenblase, nicht wahr?“
Und damit war alles gesagt: Nicht ich war es, der wiedergekommen war – sondern ein Organ, und noch dazu das falsche, denn die Gallenblase war ich nie gewesen. Aber so wird man eben daran erinnert, welchen Platz man in der Hierarchie der Dinge hat.
Vermutlich ist das auch der Preis dafür, dass die Maschinerie Krankenhaus funktioniert: dass sie uns nicht als Biographien behandelt, sondern als Fälle. Sympathie ist Wahlfach, Medizin ist Pflichtprogramm. Und doch bleibt da dieses kindische Bedürfnis, kurz als Mensch erkannt zu werden.
Und vermutlich ist es ungerecht, das zu erwarten. Die Nüchternheit, die mich kränkt, ist genau das, was die Ärzte schützt: vor Überforderung, vor dem täglichen Gewicht fremder Körper. Trotzdem, ein Lächeln hätte ich genommen von ihr. Später sah ich sie auf dem Gang, wo sie tat, was man von Ärzten im Krankenhaus und anderswo erwartet: Sie arbeitete. Wahrscheinlich wartete im Untersuchungsraum 3 bereits eine Leber, die sich ebenfalls für einen Menschen hielt.
Nach Hause entlassen, nahm ich mir vor, beim nächsten Mal wenigstens etwas Eindrucksvolleres zu sein. Eine Niere vielleicht. Ich bin die Niere, das ist doch mal eine Ansage.
