Der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan eskaliert immer wieder, zuletzt Ende Juni. Warum kommt es dazu? Welche Vorwürfe stehen im Raum? Welchen historischen Hintergrund hat der Konflikt?

Welche Vorgeschichte hat der Konflikt?

Warum ist der Grenzverlauf seit langem umstritten?

Die Ursachen für das angespannte Verhältnis reichen bis ins 19. Jahrhundert
zurück. 1893 entstand die Grenze zwischen den Ländern auf den Druck der
britischen Kolonialverwaltung hin und grenzte das Emirat Afghanistan von dem
kolonialisierten Britisch-Indien ab. Sie ist benannt nach dem Briten Sir Henry
Mortimer Durand, der Außenminister der britischen Kolonie Indien war.

Heute grenzt Afghanistan jedoch nicht mehr an die britische Kolonie Indien, sondern an Pakistan. Die Grenze wurde von afghanischer Seite aber nie
anerkannt. Besonders nationalistische Paschtunen wollen erreichen, dass die
Gebiete in der Grenzregion in Zukunft wieder zu Afghanistan gehören.

Auch in der jüngeren Vergangenheit ist die Geschichte der beiden Länder verbunden. Als die Sowjetunion 1979 in Afghanistan einmarschierte, kam Pakistan bei der Nachschublieferung der USA an die Widerstandsgruppe der Mudschaheddin eine zentrale Rolle zu. Die Taliban, die wenige Jahre nach der sowjetischen Invasion in den 1990er Jahren das erste Mal in Afghanistan herrschten, rekrutierten sich zum Teil aus dem Umfeld religiöser Schulen in Pakistan, den sogenannten Madrasa-Schulen. Damals gehörte Pakistan zu den wenigen Ländern, die die erste Herrschaft der Taliban anerkannten.

Seit der erneuten Machtübernahme der Taliban in Afghanistan im Jahr 2021 haben sich die Beziehungen zwischen den beiden Ländern verschlechtert. Experten zufolge hatte Pakistan gehofft, seinen Einfluss im Nachbarland nach der erneuten Machtübernahme der Taliban ausbauen zu können. Das hat demnach jedoch nicht funktioniert.

Warum ist die Lage nun wieder eskaliert?

Zuletzt hatten
Afghanistan und Pakistan in China über den Konflikt verhandelt.
Chinesischen Angaben zufolge hatten sich die Länder im April darauf
geeinigt, keine Maßnahmen zu ergreifen, durch die die Situation
eskalieren würde.

»Das ist letztlich ein sehr typisches Muster.
Es gibt immer eine Eskalation, sei es ein Terroranschlag. Pakistan
antwortet darauf, die Lage eskaliert«, sagt Experte Felix Kolbitz, der
bei der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung für
Pakistan zuständig ist. »Es kommt zu Vermittlungen etwa durch China, die
Türkei, Saudi-Arabien oder Katar. Man einigt sich auf einen
Waffenstillstand und der hält dann im Grunde wieder bis zur nächsten
Runde«, sagt Kolbitz der ZEIT. Seit Februar beobachte er, dass sich
diese Spirale deutlich schneller drehe.

Die Taliban ziehen aus
Einschätzung von Kolbitz ihre Energie aus Konflikten. »Das zu
durchbrechen, ist die Herausforderung.« Die pakistanische Seite müsse
erkennen, dass der Konflikt nicht mit militärischen Mitteln zu gewinnen
sei, sagt Kolbitz. Sie müsse andere Anreize, etwa durch Handel oder
bessere Abkommen schaffen, die den Terrororganisationen den Nährboden
nehmen. »Ich glaube, das ist die große Herausforderung.«

Was ist zuletzt passiert?

Das pakistanische Militär hatte Ende Juni Ziele in Afghanistan aus der Luft und am Boden
angegriffen. Nach Angaben Pakistans galten die Angriffe Extremisten
und fanden entlang
der Grenze zwischen den beiden Ländern statt. Laut dem pakistanischen
Informationsminister Attaullah Tarar galten die Luftangriffe Zielen in
den Provinzen Paktia, Paktika und Kunar. Die islamistischen Taliban, die in Afghanistan 2021 die Macht übernahmen,
sprachen hingegen von getöteten Zivilistinnen und Zivilisten, darunter Frauen
und Kinder.

Die britische Rundfunkanstalt BBC berichtete unter Berufung auf Taliban-Angaben von Angriffen auf Ziele in der pakistanischen Grenzprovinz Belutschistan.
Das pakistanische Militär teilte mit, vier Drohnen abgeschossen zu
haben. Es habe zudem gewarnt, dass jede weitere Provokation, eine
passende Antwort erhalte.

Wie begründet Pakistan die Angriffe?

Informationsminister
Tarar teilte mit, dass durch die Angriffe Ende Juni mutmaßliche
Terroristen getötet worden seien. Dazu sollen auch Angehörige der
militanten Gruppe Jamaat-ul-Ahrar (JuA) gehören. Diese werden häufig mit
den pakistanischen
Taliban, der Gruppe Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP) in Verbindung
gebracht.

Tarar stellte die Angriffe in
einem Post auf der Onlineplattform X als Antwort auf vorangegangene
Terrorangriffe in Pakistan
dar. Dazu gehörte auch ein Anschlag, der sich vor kurzem in der
pakistanischen Hafenstadt Karachi ereignet hatte und zu dem sich die JuA
bekannt hatte. Durch den Vorfall waren drei Sicherheitskräfte getötet
worden.

Wer sind die pakistanischen Taliban (TTP)?

Welche Folgen hat der Krieg für die Menschen vor Ort?

Die ohnehin angespannte humanitäre Lage in Afghanistan wird durch den Konflikt verschärft. Die bergige Grenzregion im
Osten Afghanistans wurde außerdem im vergangenen Jahr von einem
Erdbeben verwüstet. Im März hatte
es zudem Berichte darüber gegeben,
dass der Krieg im Iran den Nachschub für Hilfsgüter erschwere.

In einem Bericht des Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) Afghanistan hieß es, dass die Gewalt an der Grenze zwischen den Sicherheitskräften der de facto Regierung der Taliban in Afghanistan und dem pakistanischen Militär zwischen Januar und März zu 769 zivilen Opfern führte. Die Zahlen stammen demnach von der United Nations Assistance Mission in Afghanistan (UNAMA). 372 Menschen davon sollen gestorben und 397 verletzt worden sein. Besonders viele Vorfälle seien auf Luftangriffe zurückzuführen, hieß es in dem Bericht, der im Mai veröffentlicht wurde.

Hilfsorganisationen schätzen, dass seit der Eskalation mehr als 100.000 Menschen in den Provinzen Khost, Kunar, Nangarhar, Nuristan, Paktia und Paktika vertrieben wurden. Bereits im März hatte die Organisation Save the Children zudem von 68.000 vertriebenen
Kindern infolge des Konflikts gesprochen.

Mit Material der Nachrichtenagenturen AP, AFP, dpa und Reuters