Der Geist der Disco schwebt mal wieder durch die Popmusik. Nicht als Relikt, das man aus der Vitrine holt, weil in der Gegenwart nichts los ist. Es ist vielmehr eine immer wieder begehrte Methode, die Welt zu befragen; über den Körper, den Rausch oder auch das Spiel mit den Rollen.
Das vage Versprechen von Selbstermächtigung
Wer verstehen will, warum diese Ästhetik gerade wieder so virulent ist, sollte in diesem Sommer auf zwei unterschiedliche Musikerinnen schauen. Beide kommen aus Großbritannien: Jessie Ware ist 41 Jahre alt, die Londoner Kollegin Raye 28. Beide vereinen eine Idee, nach der Disco keine Tanzhalle im Gewerbegebiet ist, mit Lichtgeflacker und Schirmchendrinks, sondern ein knallig bunter Erfahrungsraum.
Raye eröffnet Anfang Juli 2026 gar das „Montreux Jazz Festival“, das zum 60-jährigen Jubiläum das generalsanierte Auditorium Stravinski direkt am Genfer See wieder bespielen kann. Da kommt Legendenstimmung auf. Eine besondere Gala mit illustren Gästen ist da gerade gut genug. Ein ganz besonderer Adelsschlag für die UK-Sängerin mit multikulturellen Wurzeln. Einer ihrer bekanntesten Songs, den sie zusammen mit Rapperin 070 Shake veröffentlicht hat, heißt „Escapism“. „Just a heartbroke bitch, high heels, six inch, in the back of the nightclub, sippin’ champagne“, heißt es dort.
Disco klingt bei Raye oft wie ein moderner Breakbeat-Sound. Dazu das vage Versprechen von Selbstermächtigung, von Sichtbarkeit. In den Clubs der 1970er entstand vielerorts eine Gegenöffentlichkeit, die sich nicht über Programme definierte, sondern über Präsenz: Wer tanzte, war da. Diese Unmittelbarkeit ist es, die sich heute in vielen Songs manifestiert. Nicht als Retro-Ding, sondern als bewusste Konstruktion. Raye flirtet nur auf den ersten Blick mit der Pose der Diva.
Der Groove als Gegenpol zur Brüchigkeit
Gleichzeitig ringt die klassisch am Konservatorium Ausgebildete in ihrer Musik mit der Industrie; sie überwarf sich mit ihrem Label. Aber auch mit den Erwartungen an sich selbst. Der aktuelle Hit „Where Is My Husband!“ ist Beziehungskiste pur. „Sag ihm, er soll sich melden!“ Auch das gehört zum Gesamtkunstwerk. Drama, Baby! Wenn sie Disco-Elemente verwendet, dann nicht, um sich darin einzurichten, sondern um sie zu konfrontieren. Der Groove wird zum Gegenpol zur Brüchigkeit ihrer Texte.
Gerade deshalb kann Raye zur Montreux-Eröffnung als Zeichen gelesen werden; einst Inbegriff musikalischer Seriosität, der sich aber schon aus der hedonistischen Tradition des verstorbenen Gründervaters Claude Nobs stets einer Gegenwart verpflichtet fühlte, in der Genregrenzen obsolet geworden sind. Disco, Soul, Jazz, Pop; das sind heute keine getrennten Sphären mehr, sondern durchlässige Systeme. Das Disco-Gespenst lebt in der Fähigkeit, Widersprüche auszuhalten: zwischen Eskapismus und Realität, zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen Spiel und Ernst.
Kontrollierte Maßlosigkeit, kalkulierter Exzess
Auch Jessie Ware, die einst mit Drum-‘n‘-Bass-Tracks begann, führt mit ihrem neuen Album „Superbloom“ ihre Transformation zur Disco-Fortschreiberin konsequent weiter. Der Titel ist dabei programmatisch: eine „Superblüte“, ein Zustand maximaler Entfaltung. Ware interessiert sich nicht mehr für Zurückhaltung. Sie interessiert sich für Intensität und bringt mit dem Track „Mon Amour“ sogar das Comic-Französisch zurück, mit dem nicht nur die Funk-Disco-Legende Chic („Le Freak“) in den 1970ern und -80ern geflirtet hat.

Im Interview über ihre Teenagerjahre in der Clubszene Londons sagt sie öfters „bonkers“. Ein typisch britischer, genauer: Londoner Alltagsjargon. Das Wort bedeutet so viel wie „verrückt“, „durchgeknallt“ oder „völlig überdreht“. Je nach Kontext liebevoll, ironisch oder auch leicht kopfschüttelnd gemeint. Wenn Ware eine Studiosession oder auch ihre eigene Bühnenfigur als „bonkers“ bezeichnet, meint sie selten etwas wirklich Irrationales. Eher beschreibt sie einen Zustand kontrollierter Maßlosigkeit: ein bisschen drüber, ein bisschen wild, aber bewusst inszeniert. Schließlich hat sie drei Kinder und daneben den überaus erfolgreichen Podcast „Table Manners“; gemeinsam mit ihrer Mutter Lennie Ware.
Größer, lauter, sinnlicher
Seit dem Start 2017 haben die beiden über 60 Millionen Menschen weltweit erreicht und mehr als 200 Episoden veröffentlicht. Der Podcast, in dem sie berühmte Gäste zu Hause bekocht, hat mehrere Auszeichnungen gewonnen, darunter den „Best Podcast Award“ bei den NME Awards. Gemeinsam veröffentlichen sie 2020 das Buch „Table Manners: The Cookbook“, ein Bestseller. Ihr erstes Solo-Buch heißt „Omelette: Food, Love, Chaos and Other Conversations“, eine Art Disco am Herd. Das passt zu ihrer künstlerischen Persona. Ihre Disco-Ästhetik lebt ja davon, Grenzen zu verschieben. „Bonkers“ wird so zu einer Art Selbstbeschreibung: nicht als Kontrollverlust, sondern als kalkulierter Exzess. Ein Zustand, in dem man sich erlaubt, größer, lauter, sinnlicher zu sein, als es die sozialen Normen eigentlich vorsehen.
Interessant ist auch die soziale Färbung des Begriffs. „Bonkers“ ist kein hartes Slangwort aus harten Subkulturmilieus, sondern eher ein fast schon „familientauglicher“ Ausdruck. Etwas, das man genauso gut beim Abendessen sagen könnte wie im Club. Genau diese Zugänglichkeit spiegelt Wares Image: Diva, ja, aber eine zum Anfassen.
Das lässt sich auch an der Single „Automatic“ beobachten, einer Art Schlüsselstück. Der Song beginnt mit einer gesprochenen Passage von US-Star-Schauspieler Colman Domingo, dessen Stimme hier wie eine Instanz zwischen Prediger und Verführer wirkt. Eine „voice of the love gods“, wie Ware es nennt. Diese Setzung ist mehr als ein Gimmick. Sie etabliert einen Raum, in dem Liebe nicht privat, sondern fast mythisch erscheint: als Kraft, die sich dem Zugriff entzieht und doch körperlich erfahrbar bleibt.
Disco wird als Haltung sichtbar
Musikalisch bündelt „Automatic“ das, was Ware als Ziel ihres Albums formuliert hat: die Verschmelzung von Dance und Soul. Entstanden gemeinsam mit Songwriterinnen und Produzenten wie Kamille, Karma Kid und Baz, trägt der Track eine Leichtigkeit, die nicht nach großer Mühe klingt, sondern nach Flow. Gerade darin liegt seine Raffinesse. Disco war immer dann am stärksten, wenn die Anstrengung dahinter unsichtbar blieb – wenn sie den Eindruck erzeugte, alles geschehe wie von selbst.
Doch Ware geht einen Schritt weiter. Wo ihr Vorgängeralbum „What’s Your Pleasure?“ noch stark auf Eskapismus setzte, sucht „Superbloom“ die Reibung mit der Wirklichkeit. Es geht um Beziehungen, um Bindung, um die Angst vor Verlust. Disco wird hier nicht zum Fluchtort, sondern zum Medium, um genau diese Ambivalenzen auszuhalten. Der Glanz ist nicht mehr nur Oberfläche, sondern Reflexion.
Das zeigt sich auch in der Art, wie Ware mit Zitaten arbeitet. Die Single „Ride“ greift das ikonische Thema aus dem Film „The Good, the Bad and the Ugly“ auf, eine Signature-Melodie von Ennio Morricone, die längst Teil des globalen popkulturellen Gedächtnisses ist. Indem sie dieses Motiv in einen Disco-Kontext überführt, verschiebt Ware die Bedeutung: Aus der einsamen Weite des Westerns wird ein kollektiver Raum der Lust. Der Cowboy wird zur Phantasiefigur, der Wilde Westen ein Traumort, an dem sich tanzen lässt. Jessie Ware inszeniert diese Widersprüche als Glamour, als funkelnde Oberfläche, hinter der sich komplexe Emotionen verbergen.
Raye legt sie wiederum in ihrem aktuellen Revue-Album „This Music May Contain Hope“ offen, macht sie hörbar, manchmal schmerzhaft direkt. Laut Verkaufsstatistik hat sie seit 2020 über 36 Millionen „Einheiten“ verkauft, eine bemerkenswerte Zahl im Zeitalter der Streams.
Vielleicht ist eine entscheidende Verschiebung gegenüber der ursprünglichen Disco-Ära: Die neue Disco will nicht mehr nur befreien, sie will auch verstehen. Sie fragt, was es bedeutet, sich hinzugeben; an einen Beat, eine Beziehung oder ein Gefühl. Und sie akzeptiert, dass diese Hingabe immer riskant ist. Wenn also Anfang Juli die ersten Takte in Montreux erklingen, wird das kein nostalgischer Rückblick sein. Es wird ein Gegenwartsmoment – einer, in dem Disco als Haltung sichtbar wird. Als Kunst, sich selbst zu entwerfen. Und als Mut, dabei keine Angst vor Widersprüchen zu haben.

