Wer zuletzt lacht, ist wahrscheinlich Chinese. So dämmert es derzeit der deutschen Wirtschaft. Eine neue Studie der Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser prognostiziert Deutschland sogar einen „China-Schock 2.0“, weil man immer noch glaube, nach einigen Strukturreformen wieder mithalten zu können. China aber spiele nicht nach den Regeln. So drohe Deutschland ganze Schlüsselbranchen wie die Automobilindustrie zu verlieren.
Ein Roman aus der Innenperspektive eines deutschen Automobilkonzerns, in dem die Erschütterung des über Jahrzehnte gewachsenen Selbstverständnisses mit Händen greifbar wird: Das ist ein sofort überzeugendes, hochinteressantes Setting, zumal wenn die Erzählerin über beste Kenntnisse dieses Milieus verfügt. Letzteres ist bei der aus Österreich stammenden, in Berlin lebenden Autorin Mercedes Spannagel, die Maschinenbau studiert hat, der Fall. Die „Crashtest Dummies“ des Titels, das sind die Protagonisten ihres zweiten Romans selbst: Ingenieure und Designer eines deutschen Automobilherstellers, die – immer noch im Dornröschenschlaf – mit halber Kraft und Überzeugung an einem neuen Elektromodell (mit dem Frauennamen Layla) herumkonstruieren. Dass das alles keine Zukunft hat, merken sie erst spät im Roman.

Weitreichend ist Spannagels Entscheidung, dieses Krisenpanorama mit einer teils gegenläufigen Perspektive zu überkreuzen, die ebenfalls mit Machtmechanismen zu tun hat. Was in dem von der Systemingenieurin Cleo in Ich-Perspektive erzählten Buch nämlich ebenfalls wuchtig in Bewegung gerät, ist die Geschlechterdynamik in der Automobilindustrie. Cleo ist eine der wenigen Frauen in dieser Männerdomäne, hochbegabt, im Job aber auch frustriert und „irgendwie verloren“, was nicht zuletzt an den sexistischen Sprüchen liegen mag, denen sie täglich ausgesetzt ist: „Stört dich das nicht, zu wissen, dass du … äh also wegen der Quote da bist?“
Mit sexuell konnotierter Lust
Dabei wirkt das Buch zunächst wie eine witzige, sich ein wenig in die Länge ziehende Büro-Satire. Wichtiger als die Meetings und Excel-Tabellen sind allen Angestellten das genau protokollierte Kantinenangebot und die Raucherpausen. Man lernt durch Cleos Augen eine Reihe von Schreibtischhengsten kennen: den eher schwachen Chef Bernhard, den gehemmten Wehnig, den muskulösen Sebi, den überehrgeizigen Martin und den modern denkenden Leo. Die einzige echte Verbündete der Erzählerin ist die unterwürfige Juli. Es geht zu wie dazumal: Die Männer klatschen sich ab und reden über Fußball, die wenigen Frauen richten im Toilettenvorraum ihre Kleidung. Auch wenn die scharfzüngige Cleo von Beginn an weniger furchtlos ist, als ihre Selbstwahrnehmung als „Bambi“ nahelegt, erwischt sie sich häufiger dabei, den Konventionen entsprechen zu wollen – bis sie immer mutwilliger mit ihnen bricht. Piercings und Kurzhaarschnitt gehören dazu. Mutig findet das Juli: „Du bist ja nicht lesbisch“.
Und so wiederholt sich die große Wettbewerbssituation auf der persönlichen Ebene, als eine Stelle im geheimen China-Projekt des Konzerns sowohl Cleo als auch Martin angeboten wird. Cleo liegt wenig daran, in China zu leben, bis sie merkt, dass der herablassende, Cleo ausnutzende Kollege genau das von ihr erwartet. Da nimmt sie den Kampf auf, und zwar mit sexuell konnotierter Lust: „Ich werde Martin zu Bröseln zermalmen und die Brösel werden in den Ritzen des Teppichbodens verschwinden.“
Ist das Emanzipation oder verkauft sie ihre Seele?
Die Heldin ergibt sich nun ganz der Erotik der Macht. An Beziehungen glaubt sie ohnehin nicht; von ihrem „Typen“ erfährt man nicht einmal den Namen. Sie arbeitet und feiert härter als die Männer, spielt nicht mehr nach den Regeln, genießt die Demütigungen, die sie Martin zufügt. Den Rivalen wirklich zerbröselt zu sehen, beschert ihr enorme Orgasmen (psychologisch subtil ist das Buch nicht). Zu dauerhaftem Glück führt dieser kurze Lustgewinn allerdings nicht; nun braucht es weitere Stimuli. Die Frage, ob es sich hier um Emanzipation handelt oder um einen Verkauf der Seele, stellt sich auch, weil das schale Hochgefühl des Siegs jenem ähnelt, das in der geheimen Abteilung herrscht, die für die Abtretung des E-Auto-Geschäfts an chinesische Firmen zuständig ist.
„Crashtest Dummies“ ist ein feministischer Roman von ähnlichem Überzeugungseifer wie die Bücher von Spannagels österreichischer Kollegin Mareike Fallwickl, allerdings mit mehr Sarkasmus, Drastik und groteskem Witz gewürzt. Wie in der Popliteratur werden Äußerlichkeiten aufgespießt: „Alle tragen irgendwelche Turnschuhe, nur Sebi trägt die braunen Bootsschuhe von Timberland.“ Aber es geht hier um Uniformierung und Dekonstruktion: eine engagierte, keine dekadente Perspektive. Eine Spur von Punk durchzieht vielmehr die Poetologie, rotzig direkt ist der Stil. Ständig wird masturbiert. Kein Wunder, dass sich die Heldin einmal auf die plakativ genderkritische Kunst Anna Uddenbergs bezieht, jene in Apparaturen geschnallten, abstrus übersexualisierten Frauenkörper, die den Voyeurismus mit eigenen Mitteln schlagen sollen.
Diese Ebene öffnet sich ins Groteske, wo es um einen „Autoporno“ geht, ein angeblich Furore machendes Internetvideo, in dem führende Automobil-Chefs beim Anblick eines Mercedes SLS AMG gemeinsam onanieren. Dass die Männer im Buch, diese Karohemd-Karikaturen, die am Verbrenner hängen und Frauen nur vom Hörensagen kennen, jedes Klischee erfüllen, wirkt überhaupt recht platt, wird aber gebrochen durch den erzählerischen Twist, dass die Protagonistin sie in all dem überholt und eiskalt abhängt. Sprachlich-stilistisch allerdings fällt „Crashtest Dummies“ doch ziemlich schlicht aus. Eine motivisch oder symbolisch mitschwingende Ebene hinter den sehr einfachen, oft dialogischen Sätzen findet sich kaum. Und leider stehen da immer wieder solche Zeilen: „Nach diesem sonnigen Tag ist die Abenddämmerung wie ein Mann, kommt zu früh, und jetzt ist es dunkel.“ Das ist dann auch erzählerisch ein Crash.
Mercedes Spannagel: „Crashtest Dummies“. Roman.
Blessing Verlag, München 2026. 400 S., geb., 24,- Euro.
