Kurz vor Weihnachten 1971 verabschiedete der Kongress der Vereinigten Staaten ein Gesetz, das den Urheberrechtsschutz eines einzelnen Buches verlängerte. Vor der großen Urheberrechtsreform von 1976 betrug die Schutzfrist, die dem Urheber und seinen Erben den exklusiven wirtschaftlichen Nutzen seines geistigen Produkts garantiert, höchstens 56 Jahre, beginnend mit dem Datum der Publikation. Für „Science and Health with Key to the Scriptures“ von Mary Baker Eddy, erstmals gedruckt 1875 in Boston von der Christian Scientist Publishing Company, erneuerte der Kongress das Copyright für 75 Jahre, beginnend mit dem Inkrafttreten des Gesetzes.
Allgemein bekannt ist die Rolle der Nachlassverwerter Walt Disneys bei der Reformierung der amerikanischen Urheberrechtsgesetze; die Gemeinfreiheit, die mit den aufgeklärten Gründungsgedanken der Republik harmoniert, wonach mit unbegrenzten Möglichkeiten geistiger Weiterbearbeitung von einmal Geschaffenem gerechnet wird, ist im Interesse der Ureigentümer immer weiter eingeschränkt, also hinausgeschoben worden. Das Gesetz von 1998, das die Frist der Reform von 1976, 50 Jahre nach dem Tod des Urhebers, auf 75 Jahre nach dem Tod oder 100 Jahre nach der Publikation verlängerte, wurde spöttisch Mickey Mouse Protection Act getauft. Die Lex Mary Baker Eddy von 1971 war demgegenüber nur auf eine punktuelle, fast könnte man sagen: homöopathische Wirkung berechnet.
Wozu braucht Gott das Copyright?
Der australische Rechtssoziologe Andrew Ventimiglia erzählt allerdings in seinem faszinierenden Buch „Copyrighting God. Ownership of the Sacred in American Religion“ (Cambridge University Press 2018) davon, wie Mary Baker Eddy, die 1821 geboren wurde und 1910 starb, sich mit ihren Rechtsbeiständen schon in der ersten Dekade des zwanzigsten Jahrhunderts für eine autorenfreundliche Urheberrechtsreform engagierte. Dabei ergab sich in der Sache eine Allianz mit Mark Twain, dem Verfasser des berühmtesten der langen Reihe von Büchern, die versucht haben, Mary Baker Eddys Christliche Wissenschaft als Scharlatanerie zu entlarven. Das Faszinierende an Ventimiglias Stoff ergibt sich aus der paradoxen Ausgangskonstellation: Warum sollen heilige Schriften, als deren Urheber im mehr oder weniger direkten Sinne Gott persönlich in Anspruch genommen wird, überhaupt auf den Schutz weltlicher Gesetze und Gerichte angewiesen sein?

In der Kongressberatung von 1971 führte der Abgeordnete Edward Hutchinson aus Michigan den Ausnahmecharakter des Buches als Begründung für den Gesetzesbedarf an: „Science and Health“ sei das erste und seines Wissens auch das einzige Buch, „das je als Pastor einer Religion ordiniert worden ist“. Diese Aussage dürfte auch heute noch korrekt sein. Von Ordination, einer förmlichen Weihehandlung, sprach Hutchinson nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen, kirchenrechtlichen Sinne. Die Weihe, auf die er sich bezog, hatte Mary Baker Eddy ihrer Schöpfung gemäß einer Mitteilung im „Christian Science Journal“ im April 1895 gespendet. Nachdem sie das Buch als „einzigen Pastor unserer Church of Christ, Scientist“ eingesetzt hatte, wechselte sie selbst in den von ihr geschaffenen Stand eines „Pastor Emeritus“. Das universale Hirtenamt legt den Gedanken einer Konkurrenz mit dem römischen Papst nahe; als „Pastor Emeritus“ kontrollierte Mary Baker Eddy die Kirche jedoch viel direkter als Benedikt XVI. aus der analogen, ebenfalls ad hoc geschaffenen Position eines „Papa Emeritus“. Sie konnte keine anderen Pastoren neben sich dulden. Indem sie ihr Buch (symbolisch) auf die Kathedra der in Boston errichteten „First Church of Christ, Scientist“ setzte, erledigte sie zugleich das Nachfolgeproblem. Mit der Absicherung ihres Urheberrechts kompensierte sie in Ventimiglias Deutung die Schrumpfung ihres persönlichen Charismas, die sie im Alter dadurch in Kauf nahm, dass sie kaum noch persönlich auftrat.
Die 1881 gestiftete Kirche der Christlichen Wissenschaft ist eine Kirche ohne Klerus und ohne Theologen. Als 1916 zwei Mitglieder der Kirche in Berlin vor das staatliche Strafgericht gestellt wurden, weil sie Heilungen gemäß der Lehre ihrer Kirche vorgenommen hatten, veröffentlichte der evangelische Kirchenhistoriker Karl Holl einen Aufsatz mit dem Titel „Der Szientismus“, in dem er diese Eigenart der neuen Religion erklärte, die sich unmittelbar aus dem Status des von Mary Baker Eddy verfassten Buches ergibt: „Der Theologe ist also hier völlig ausgeschaltet; so vollständig, wie es auch die katholische Kirche oder der Islam nicht zu tun gewagt haben.“
„Science and Health“ ist einerseits als „Schlüssel“ zur Bibel ausgewiesen und tritt andererseits als neue Offenbarung Gottes neben sie. Als Mary Baker Eddy die deutsche Übersetzung genehmigte, verfügte sie, dass der Originaltext mitabgedruckt werden musste. Weltliche Konsequenzen dieser aufs Äußerste gesteigerten Idee von Buchweisheit waren Plagiatsvorwürfe gegen die Autorin und umgekehrt ihre Versuche, abtrünnigen Schülern das Zitieren ihrer Schriften zu untersagen. Auf Antrag einer schismatischen Gruppe Christlicher Wissenschaftler hob ein Bundesrichter 1985 den Urheberrechtsschutz auf.
Der Verheißung eines uramerikanischen Idealismus, dass man durch Lesen in das Reich des Geistes als die einzig wahre Wirklichkeit eintritt, kann man sich auch in deutschen Großstädten noch heute in den Leseräumen der Christlichen Wissenschaft aussetzen.
In unserer Serie „Amerika, wie es im Buche steht“ stellen wir anlässlich des 250. Geburtstags der Vereinigten Staaten von Amerika fünfzig Bücher vor, die das Selbstverständnis des Landes geprägt haben.
