Das interkulturelle Campus-Projekt des Bonner Beethovenfests, welches das Bundesjugendorchester mit Nachwuchsmusikern eines ausgewählten Gastlandes zusammenbringt, kooperiert in diesem Jahr mit Georgien, dessen einzigartiger polyphoner Gesang als Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit von der UNESCO geschützt wird und das politisch am Scheideweg steht. Georgiens Zivilgesellschaft ist mehrheitlich proeuropäisch eingestellt, doch die Regierungspartei Georgischer Traum verfolgt seit dem Beginn von Russlands Großinvasion in die Ukraine einen prorussischen und im Inneren repressiven Kurs. In der Hauptstadt Tiflis, die Touristen aus Russland, Europa und China anzieht, erlebten die aus Deutschland angereisten Musiker vor dem Parlamentsgebäude noch kleinere Demonstrationen mit Europa- und US-Flaggen, doch die meisten Nichtregierungsorganisationen und viele Köpfe der Demokratiebewegung aus der Kulturszene wurden neutralisiert.
Das geschieht vor allem durch das sogenannte Transparenzgesetz, das stark ans russische Gesetz über Ausländische Agenten angelehnt ist und nach seiner jüngsten Verschärfung jedwede ausländischen Finanzhilfen für georgische Bürger kriminalisiert. Unabhängige Intellektuelle, die Kulturinstitutionen geleitet hatten, wurden gefeuert. Die staatliche Ilia-Universität, die einzige georgische Hochschule von internationalem Rang, wird gerade zerschlagen und soll künftig nur noch Lehrer ausbilden. Prominente Künstler, die friedlich für Demokratie demonstriert hatten, wie der Opernsänger Paata Burchuladze, der Schauspieler Andro Chichinadze, der Dichter Zwiad Ratiani sowie die Journalistin Mzia Amaghlobeli, sitzen nach Gerichtsprozessen, die jeder fairen Verhandlungsführung Hohn sprachen, im Gefängnis ein. Viele jüngere, gut ausgebildete Leute verlassen das Land.

Der aus Tiflis stammende, in Krakau ausgebildete und in Zürich lebende Dirigent Mirian Khukhunaishvili, der das Campus-Projekt künstlerisch leitet, ist derzeit Musikdirektor der Oper im polnischen Breslau. Zusammen mit dem Komponisten und Produzenten Mika Mdinaradze gründete er 2019 das jetzt am Projekt beteiligte Tifliser Jugendorchester – weil das Niveau des Symphonieorchesters sank und Instrumentalisten emigrierten, erinnert sich der Musiker, als wir uns zwischen Proben im klassizistischen, unterm Zaren als Gouverneurssitz errichteten Palast der Jugend treffen. Mittlerweile sei das vom Kulturministerium unterstützte, hochmotivierte Jugendorchester stärker als die Symphoniker, sagt der 37 Jahre alte Khukhunaishvili, internationale Stars wie Gideon Kremer oder Paavo Järvi kämen nach Georgien, um mit ihm zu spielen. Zudem ziehe es neue Hörergruppen an. Für ihn seien die Menschenrechte das Wichtigste, bekennt der Dirigent, als Künstler stehe er der Staatsmacht kritisch gegenüber. Doch nicht mit staatlichen Strukturen zusammenzuarbeiten, wie es radikale Oppositionelle von ihm forderten, würde auch bedeuten, mindestens eine Generation von Musikern und Hörern zu verlieren.
Für das diesjährige Projekt hat das Beethovenfest zudem beim 16 Jahre jungen Pianisten und Komponisten Tsotne Zedginidze, dessen erste Symphonie im vergangenen Jahr in Berlin aufgeführt wurde, weshalb Daniel Barenboim ihn den „neuen Mozart“ nennt, ein Werk in Auftrag gegeben. Tsotne lebt nach dem frühen Tod seiner Mutter bei seiner Großmutter, der in Moskau ausgebildeten Pianistin und Klavierprofessorin Nina Mamradze, die seine Ausbildung leitet. Sie lehre auch an der Ilia-Universität, deren Musikzentrum sie gegründet habe, berichtet die 75 Jahre alte Mamradze, als wir sie in ihrer Tifliser Wohnung besuchen. Von der nahezu vollständigen Schließung der Hochschule ist voraussichtlich auch dieses Zentrum betroffen, sodass sie ihre Arbeit verlieren wird. Zugleich hält die Musikerin die Russland gegenüber konziliante Politik Georgiens, das schon zwanzig Prozent seines Territoriums an den mächtigen Nachbarn verloren hat, angesichts des Kräfteungleichgewichts und der gemeinsamen Grenze für vernünftig.
Ihr Enkel Tsotne versteht sich kulturell als Europäer und möchte einmal an der Hanns-Eisler-Musikhochschule in Berlin studieren. In Grundschuljahren habe er sich vornehmlich für Modernisten wie Béla Bartók, Alban Berg, Dmitri Schostakowitsch und Karlheinz Stockhausen begeistert, sagt er, heute seien es Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadé Mozart, Ludwig van Beethoven, Franz Schubert, Pjotr Tschaikowsky, deren Musik er zudem für das beste Gehirntraining halte. In seinem Werk fürs Beethovenfest arbeitet der Komponist erstmals mit Material der uralten, komplexen, modern klingenden georgischen Folklore, auf deren schräge Harmonik ein Arnold Schönberg eifersüchtig gewesen wäre, wie er überzeugt ist. In dem Klavierkonzert mit Streichorchester mit Arbeitstitel „Georgische Phantasie“, das anderntags geprobt wird, intonieren die Violinen eine herbe Vokalmelodie, die Zedginidzes Klavierpart in dissonanter Mehrstimmigkeit aufgreift und in einem improvisatorischen Solo variiert. Das virtuose Stück kulminiert im feurigen, am schnellen, synkopierten Sechsachteltakt kenntlichen Lesginka-Tanz, der in der gesamten Kaukasus-Region heimisch ist.
Außerdem hat der Tifliser Jugendorchestermitbegründer Mdinaradze die Beethoven-Bearbeitung „Europa steht“ beigesteuert, die auf dem gleichnamigen Eröffnungschor der Kantate „Der glorreiche Augenblick“ zur Feier des Friedens nach dem Sieg über Napoleon 1814 beruht. Die Instrumentalisten sowie je sechs ebenfalls angereiste Sänger des Bundesjugendchors und georgische Vokalisten intonieren deren Eröffnung, in die dann eine georgische Solostimme mit Chorpart eingeflochten wird. Die Verschränkung sei umso schlüssiger, findet Khukhunaishvili, als die Melodie von Beethovens Kantate der des traditionellen georgischen Kampfliedes „Aba, Ula!“ gleiche.
Deutsche und Georgier singen anders
Fürs gemeinsame Singen müssen sowohl Georgier als auch Deutsche eine jeweils andere Technik erlernen. Beim georgischen Gesang würden Vokale zugleich offener und dunkler, gleichsam „gedeckelt“, intoniert, sagt Simon Pichel, der in Köln Chorleitung studiert. Georgische Musik singe man nur mit der Bruststimme und bilde eine Art Klangwand von gleichbleibender Lautstärke, ergänzt Pauline Beaucamp, Chorleitungsstudentin aus Dresden. Als die deutschen Gäste beim Besuch des Samtawro-Klosters in der alten Hauptstadt Mchzeta den episch-unpersönlichen Gesang orthodoxer Nonnen erleben, kommt der einigen von ihnen „trauernd“ vor.
Für ihre georgischen Kollegen ist deutsche Chormusik eine Herausforderung. Man müsse seine Stimme heller timbrieren, die Konsonanten, die im Georgischen in der Kehle artikuliert werden, weit vorn sprechen, die Vokale, von denen es dank der Umlaute viele gibt, erklängen mehr geschlossen, berichtet der studierte Chordirigent Georgi Mantskava, der in einer Jazzband spielt. Sein Jazzbandmitglied Sandro Kheladze, der ebenfalls Chorleitung studiert, findet, beim deutschen Gesang müsse man präzis und vorsichtig sein, beim georgischen hingegen brauche es die starke Emotion.
Auch die zwei gemeinsam einstudierten geistlichen Lieder von Heinrich Schütz, „Verleih uns Frieden gnädiglich“ und „Gib unseren Fürsten und aller Obrigkeit Fried und gut Regiment“, enthalten eine politische Botschaft. Ein weiteres Vokalwerk, das während Georgiens kurzer Unabhängigkeit nach dem Sturz des Zaren 1919 entstandene A-cappella-Stück „Chorale“, das mit Versen aus dem Nationalepos vom „Recken im Pardelfell“ Gott zur Hilfe im Kampf gegen Feinde anruft, klingt heute wieder aktuell. Es schlägt zudem dadurch eine Brücke zur Gegenwart, dass sein Schöpfer Niko Sulkhashvili (1871 bis 1919), der als Mitbegründer des Komponistenberufs in Georgien gilt, der Urgroßvater von Tsotne Zedginidze ist.
Als musikalisches Schlusswort stimmen bei der Präsentation im Tifliser Goethe-Institut sämtliche Musiker, die Instrumentalisten aus Deutschland eingeschlossen, das Preislied „Mravalzhamieri“ an, dessen minimalistischer Text den Hörern ein langes Leben wünscht. Es existiert in zahllosen regionalen Varianten, wird bei Banketten, Geburtstagen, aber auch bei Demonstrationen für faire Wahlen gesungen. Am 24. September ist das deutsch-georgische Jugendmusikensemble in der Bonner Beethovenhalle und am 25. September im Auditorium der James Simon Galerie auf der Berliner Museumsinsel zu erleben.
