Der inoffizielle Titel des „schlechtesten Filmemachers der Welt“ haftet seit vielen Jahren hartnäckig an Uwe Boll, geboren 1965 in Wermelskirchen in Nordrhein-Westfalten, ausgewandert nach Kanada, künstlerisch beheimatet in den Grauzonen zwischen Computerspielen und Schundkino. Immer wieder hat er teils abenteuerliche Wege gefunden, um auch große Stoffe auf sein intellektuelles Format zu bringen. In „Auschwitz“ (2011) kann man ihn selbst als SS-Mann sehen. An seinem Film „Hanau“ (2022) hielt er gegen die dringenden Bitten von Angehörigen der Opfer des rechtsterroristischen Anschlags von 2020 fest.
Recht des vorgeblich Stärkeren
Nun ist er mit einem Film an die Öffentlichkeit gegangen, der weit über die Genres hinausgeht, in denen Boll sich üblicherweise bewegt: „Citizen Vigilante“ ist auf einer ersten Ebene eine Geschichte über einen Mann, der das Recht in die eigene Hand nimmt. Armie Hammer spielt einen Amerikaner namens Sanders, der in europäischen Städten ohne Mandat das Verbrechen bekämpft – zum Beispiel ein „Middle Eastern crime syndicate“. Seit seinem frühen „Amoklauf“ (1993) sind Formen von „rampage“, also von entfesselter, gleichwohl oft kühler, in der Regel männlicher Gewalt ein Spezialgebiet von Boll. Neu ist der ausdrücklich realpolitische Rahmen, den er der Geschichte in „Citizen Vigilante“ auf einer ständig präsenten zweiten Ebene gibt: Hier werden alle Topoi der internationalen rechtspopulistischen Bewegungen gegen die liberale Demokratie systematisch durchbuchstabiert. Das beginnt schon bei dem Insert „Europa“, mit dem Boll zu Beginn definiert, dass das Aktionsgebiet seines Selbstjustiz verübenden Rächers ebenjener politische Bereich ist, der von Amerika wie von Russland aus wie auch von Illiberalen innerhalb der EU konsequent diskreditiert wird. Boll zeichnet ein grotesk verzerrtes Bild der Institutionen, vor allem der Rechtsstaatlichkeit, an deren Stelle er das Mandat für seinen Einzelgänger setzen will.
Obwohl „Citizen Vigilante“ sich offensichtlich direkt an die geläufigen Gegenöffentlichkeiten richtet, die ohnehin längst ihre eigenen Kanäle haben, wurde für einen offiziellen Kinostart in Deutschland auch die Bewertungsstelle der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) bemüht. Und deren Gremien kamen zu dem Entschluss, keine Freigabe zu gewähren. Das ist eine Stufe über dem sonst häufig bemühten Jugendverbot (Zutritt nur von 18 an), eine Stufe unter einem De-facto-Verbot (einer Indizierung).
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Damit ist „Citizen Vigilante“ zu einem weiteren Fall der konditionierten Reflexe zwischen den zwei asymmetrischen Lagern der europäischen und amerikanischen Öffentlichkeiten geworden. Boll spricht von Zensur, Elon Musk hat sein Netzwerk X für einen Plattformfilmstart von „Citizen Vigilante“ geöffnet. Die FSK wiederum hat mit einer in ihrer Logik nachvollziehbaren vertriebspolitischen Entscheidung eine juristische vorweggenommen, für die sie selbst nicht zuständig ist. Denn Bolls Film muss eindeutig unter dem Begriff der Volksverhetzung verhandelt werden. Wenn ein Mann sich mit Waffe und Schalldämpfer an die Stelle von Polizei und Gericht stellt, eine Familie von syrischen Geflüchteten ermordet, weil deren Sohn in einem Vergewaltigungsprozess mit einer für sein Gefühl ungenügenden Strafe davonkam, wenn dieser Mann schließlich dazu aufruft, es ihm nachzutun und die „Zehntausenden Fälle von Vergewaltigung und Mord“ zu rächen, die in seinen Augen auf die europäische Migrationspolitik zurückzuführen sind, dann wird die Logik einer allenfalls in minimalen Ansätzen gebrochenen Identifikation, wie sie Boll vorträgt, zu einer Gefahr für die Rechtsordnung. „Citizen Vigilante“ ist ein Propagandafilm für deren Überwindung zugunsten eines neuen Rechts von vorgeblich Stärkeren.
Die Freiheit der Äußerung wird Uwe Boll auch weiterhin nicht verwehrt. Er kann seinen Film unter die Menschen bringen, er kann sich auf in „Tichys Einblick“ zum Opfer erklären. In der Zukunft, die er selbst beschwört, könnte „Citizen Vigilante“ allerdings eines Tages der nächste „Hitlerjunge Quex“ werden – ein Machwerk, das die Ankunft eines neuen, unmenschlichen Systems vorweggenommen hat.
