
Nach seinem Ausscheiden aus dem Weltturnier hat das Team des Deutschen Fußball-Bundes eine Stellungnahme veröffentlicht, in der es Bedauern darüber kundtat, die sportlichen Erwartungen nicht erfüllt zu haben. Man stelle sich der Kritik daran. Aber: „Rassismus und andere Diskriminierungen akzeptieren wir nicht.“
Was solche Inhalte betrifft, ist dem, was der DFB von sich gegeben hat, wenig hinzuzufügen. Sie sind abscheulich und inakzeptabel. Höchstens dies: Sie sind auch dummer Unfug.
Auch ohne blonden Bart
Was immer der deutschen Elf gefehlt hat (und es war nichts so einfach besser zu machendes wie Einsatz), nichts davon war am Äußeren einzelner Spieler festzumachen. Zweitens, was womögliche Merkmale einer nationalen Spielkultur betrifft, sind alle hier fußballerisch sozialisiert worden. Und nur einer wurde im Ausland geboren, Waldemar Anton, und der hat einen ziemlich deutschen Namen und blonden Bart.
Drittens hatte die deutsche Elf auch in ihren verschiedenen goldenen Zeiten der Vergangenheit viele Spieler mit familiärem Migrationshintergrund. Nicht erst Boateng, Khedira, Klose und Özil, sondern schon Turek, Posipal und Juskowiak. Das hat nichts mit Genen zu tun, sondern damit, in welcher sozialen Schicht Fußball am ehesten ein Weg zum Aufstieg sein kann.
Dass solche Behauptungen Unsinn sind, hat Politiker der AfD nicht davon abgehalten, sich in gleicher Weise zu ergehen. Und dass sie rassistisch sind, hat allenfalls dazu geführt, dass sie sich in gewohnter Weise eindeutig uneindeutig äußerten.
Etwa der bayerische Landtagsabgeordnete Schmid, der befand, nächstes Mal brauchten wir eben wieder eine „deutsche Mannschaft“. Oder – schon vor dem Ausscheiden aus der WM – der notorische Höcke: Wenn die Spieler von Ländern der westlichen Hemisphäre das Trikot tauschten, könne man gar nicht mehr erkennen, aus welchem Land sie stammten. Die Anspielung genügt, denn „Ihr wisst, was ich meine“.
Das Spiel der AfD
Dass die Parteispitze sich von dergleichen distanziert hat, hat nicht viel zu besagen. Zum einen haben Weidel und Chrupalla ihre taktischen Gründe. Es hängt ja immer noch das Damoklesschwert des möglichen Parteiverbots über der AfD. Zum anderen gehört es zum Spiel mit verteilten Rollen, mit denen die Partei versucht, in die Mitte auszugreifen, ohne den Rand und das Gebiet jenseits davon auszulassen.
Zum politischen Geschäft dieser Partei und ihres intellektuellen Vorfelds gehört es, sportliche Fragen identitär aufzuladen. Dabei geht es Fußballanhängern in der Regel nicht eigentlich um Identität, sondern um Identifikation. Man projiziert etwas von sich selbst oder was man sich wünscht in die Mannschaft, die man unterstützt. Das kann Erfolg sein, muss aber nicht. Woher kämen sonst die Fans von Arminia Bielefeld oder Darmstadt 98?
Im Vereinsfußball hat die Anhängerschaft etwas Voluntaristisches. Natürlich liegt es nahe, den Klub aus der eigenen Region zu unterstützen. Aber man konnte in den Achtzigerjahren in südhessischen Dörfern auch Jungs antreffen, die sich als Fans der Bayern deklarierten, wegen Breitner und Rummenigge. Oder des HSV, weil der zufällig mal Meister geworden war. Oder von Borussia Mönchengladbach, weil deren Fußballstil angeblich „links“ war.
Den Verein sucht man sich aus, das Land nicht
Bei der Nationalmannschaft ist es etwas anders. Da hält man normalerweise zu der des eigenen Landes. Es sei denn, man hätte mehrere Länder. Dann wird ein Fan oft zur Heimat seiner Vorfahren halten, schon deshalb, weil er hier vielleicht ständig gespiegelt bekommt, dass er ohnehin dorthin zu rechnen sei. Wenn aber nicht die Teams dieser beiden Heimaten gegeneinander kicken, dann hilft es für den Support des Geburts- und Wohnlandes, wenn in der Elf jemand steht, der einen gleichen oder ähnlichen Migrationshintergrund aufweist.
Als Frankreich mit einem Team 1998 Weltmeister wurde, in dem ein Algerienstämmiger Regie führte und ein schwarzer Verteidiger die entscheidenden Tore schoss, wurde das als großartiges Vorbild für die Integration gefeiert. Das wurde zum Teil überhöht; die Pariser Vorstädte brannten später trotzdem immer wieder. Aber da war etwas dran.
Nur gilt das auch umgekehrt. Wenn in der Aufstellung kaum mehr einer steht, dem man nicht einen Migrationshintergrund ansieht, wie aktuell bei Frankreich, dann muss bei nicht so wenigen Fans eine intuitive Hürde überwunden werden, auch wenn ihnen Rassismus an sich zuwider ist. Das zu leugnen oder mit erhobenem Zeigefinger zu verurteilen, hilft nur den Identitären, ihr Spiel zu spielen. Dagegen hilft wohl nur sichtbares Zusammenstehen. Mit allen Deutschen. Im Erfolg, aber vor allem auch im Misserfolg.
