Es war eine unscheinbare Szene, aber wenn man ausblendete, wann sie sich zugetragen hat, konnte man den Eindruck gewinnen, als wüsste Pape Thiaw bereits, in welche Richtung sich dieses Spiel entwickeln würde. Während der ersten Halbzeit, als drei Flitzer auf den Platz gestürmt waren, tippte sich der senegalesische Nationaltrainer an die Schläfen, als wolle er seiner Mannschaft signalisieren, sich von dem, was um sie herum geschieht, nicht irritieren zu lassen.
Bis zur 86. Minute hatte Senegal nach Treffern von Habib Diarra (25.) und Ismaila Sarr (51.) wie der Sieger ausgesehen. Während Belgien abermals bei dieser WM zu enttäuschen drohte, schien Senegal die Führung nur noch über die Zeit bringen zu müssen. Dann aber traf Romelu Lukaku (86.) und veränderte so „die Seele des Spiels“, wie Belgiens Trainer Rudi Garcia später sagte.
„Gegen Ende verlieren sie die taktische Struktur“
Alles, was zuvor so gut funktioniert hatte, wollte plötzlich nicht mehr funktionieren. Nach einem Fehler von Senegals Torhüter Mory Diaw erzielte Youri Tielemans (89.) in einem längst verloren geglaubten Spiel den Ausgleich. In der Verlängerung führte ein Foul von Lamine Camara im Strafraum zum Triumph Belgiens in letzter Minute. Pathé Ciss versuchte, das Unvermeidbare ein bisschen hinauszuzögern, indem er sich nach einem Rempler für mehrere Minuten neben den Elfmeterpunkt kniete. Es half nichts: Tielemans verwandelte. Senegal schied aus.
Garcia ließ sich, sehr emotional nach dem Spiel, zu Worten hinreißen, die je nach Lesart mehr sagten, als er wohl beabsichtigt hatte. „Wir kennen solche Mannschaften: Gegen Ende des Spiels verlieren sie ihre taktische Struktur“, behauptete er, ohne seine Aussage zu präzisieren: „Wir wussten, dass sie beim Stand von 2:0 alles tun würden, um ihre Führung zu verteidigen, was meiner Meinung nach ein schwerer Fehler ist.“
Bei dieser WM ließ sich zwar beobachten, dass mehrere afrikanische Teams nach „späten“ Gegentoren ausgeschieden sind: Südafrika und die Elfenbeinküste hielten ihre Spiele lange offen und die DR Kongo führte sogar. In der nächsten Runde stehen trotzdem andere. Daraus ein Muster oder gar eine mentale Schwäche abzuleiten, wäre jedoch genau der Fehler, zu dem Garcias Aussage verleitet.
Wahrscheinlicher ist, dass alle in dieselbe Falle tappten: Sobald Mannschaften etwas zu verlieren haben, verändern sie ihr Verhalten. Das zeigt sich im Fußball seit Jahrzehnten – und ist unabhängig davon, von welchem Kontinent eine Mannschaft stammt.
Senegals Spieler überließen Belgien den Ball und somit die Initiative. Statt weiter nach vorne zu spielen, versuchten sie nur noch, den Ball aus der eigenen Hälfte zu halten. Dass Thiaw darauf nicht reagierte – weder durch eine taktische Umstellung noch durch die Einwechslung ausgeruhter Spieler – ist Teil des Problems. „Wir müssen uns selbst die Schuld geben, keinem anderen“, gestand Habib Diarra. Und Krépin Diatta sagte: „Wir hätten dieses Spiel nicht verlieren dürfen. Der Mannschaft hat es an Charakter gefehlt.“
Das kann man so sehen. Oder aber man sieht in der Passivität, die sich mit der 2:0-Führung einschlich, den Grund, der Senegal um den Sieg brachte. Die Mannschaft verlor, weil sie aufhörte, ihre Stärke auszuspielen. Belgien musste nicht sonderlich besser werden: Es reichte, dass Senegal die Spielgestaltung freiwillig aus der Hand gab.
