Aus immer mehr russischen Regionen häufen sich die Bilder von Autos und Lastwagen, die an Tankstellen Schlange stehen. Zwar heißt es im Staatsfernsehen in Anknüpfung an Präsident Wladimir Putins Darstellung, man habe genug Reserven. In der Realität aber stehen viele Fahrer an, bisweilen stundenlang.
Die Lage ist unübersichtlich, in der Summe aber nicht gut, sodass sich mancher Russe schon in die Erinnerung an den Mangel der Neunzigerjahre flüchtet. Von einem „Rekord“ in Form von 18 Stunden Wartezeit an einer Tankstelle berichtete ein Regionalmedium aus dem sibirischen Irkutsk Anfang der Woche.
Von fünf bis sechs Stunden erzählte ein Blogger aus dem südwestrussischen Krasnodar am Dienstag vor einer Tankstelle des Lukoil-Konzerns, an der sich die Autos stauten. Dort konnten die Fahrer nur 92-er Benzin tanken, maximal 20 Liter und nur in den eigenen Tank, nicht in Kanister, alle anderen Sorten waren ausverkauft. Am Donnerstag teilten Behörden der Regionalhauptstadt mit, 92-er Benzin könne man in Krasnodar an 38 Tankstellen tanken, 95-er an 31, 100-er an 20, Diesel an 42. Weitere 59 Tankstellen „geben derzeit keinen Treibstoff ab“, elf seien geschlossen.
Selbst im Parlament war der Mangel Thema
Die Region ist eine der landwirtschaftlich geprägten Gegenden, in denen Bauern nun um ihre Ernte fürchten. Ganz besonders trifft das auf die besetzte ukrainische Halbinsel Krim zu, wo mittlerweile der Ausnahmezustand gilt. Sogar ins handzahme Parlament in Moskau hat es das Problem geschafft: Ein Oberhausmitglied aus dem sibirischen Tomsker Gebiet sprach am Mittwoch von einem „katastrophalen Zustand“ bei der Treibstoffversorgung der Landwirtschaft. Daraufhin rief ihn die Vorsitzende der Kammer auf, es mit der „Dramatisierung“ nicht zu übertreiben.
Mancherorts werden Behörden kreativ: Im Gebiet der Stadt Orjol, 350 Kilometer südwestlich von Moskau, dürfen von Samstag an an Tagen mit geraden Datumsziffern Fahrer von Autos mit einer geraden ersten Ziffer des Nummernschilds tanken, an ungeraden Tagen dann die Fahrer von Autos mit ungerader erster Ziffer. Das diene dazu, „künstliche Aufregung um Benzin in unserer Region“ zu verhindern, hieß es. Dabei schien die alte Sprachregelung auf, die Verbraucher selbst für den Mangel verantwortlich macht und die Verbindung zum Angriffskrieg gegen die Ukraine negiert.
Nach Putins Auftritten darf die Ursache benannt werden
Der Mangel ist schon jetzt deutlich größer als im vergangenen Jahr im Sommer, und er kommt früher. Mittlerweile ist weit mehr als die Hälfte der russischen Regionen betroffen, zudem die besetzten Gebiete, und auch in Moskau bilden sich Schlangen an Tankstellen. Die Kraftstoffpreise schnellen in die Höhe, Transportdienstleistungen haben sich angeblich schon um zehn Prozent verteuert, immer mehr Taxifahrer, die selbst an den Tankstellen warten müssen, nehmen gewisse Aufträge nicht mehr an.

Manche Regionen schränken nun den Busverkehr ein. Im sibirischen Gebiet Transbaikalien wurde gar die Müllabfuhr ausgesetzt. Vielerorts tauschen sich Bewohner über soziale Medien darüber aus, wo es noch Treibstoff gibt, mancher bietet seine Dienste als Platzhalter in der Schlange an. In Suchmaschinen häufen sich Anfragen, wo man welchen Kraftstoff kaufen kann. Es gibt auch eigene Websites dafür, so eine Seite, die die Frage, „Wo gibt es Benzin?“ im Namen trägt. Nach eigenen Angaben aggregiert sie Meldungen von Nutzern zu Verfügbarkeitskarten, doch Russlands Machthaber weisen diese und andere Angebote als ukrainische Projekte der psychologischen Kriegsführung zurück.
Russland hofft auf Kasachstan und Indien
Aber nicht einmal Putin bestreitet, dass sich immer wieder Warteschlangen bilden. Der Herrscher setzt jetzt auf Import, um das Defizit zu verringern. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete am Mittwoch unter Berufung auf Branchenkreise, Russland habe von Indien mindestens 60.000 Tonnen Benzin gekauft, das in Tankern angeliefert werden solle. Insgesamt wolle Russland 400.000 Tonnen Benzin im Monat importieren, auch aus dem Nachbarland Belarus. Doch das Benzin von dort ist teurer, außerdem könnten ukrainische Drohnen auch belarussische Raffinerien angreifen, was Moskau daran hindern könnte, den vermeintlichen Vasallen stärker in den Krieg einzubinden.
Auch auf Kasachstan hofft man anscheinend. Reuters meldete vorige Woche, Russland verhandele mit dem Partner über den Import von rund 50.000 Tonnen 92-er Benzin. Doch fordere die Gegenseite Kerosin, dessen Ausfuhr Moskau vor Kurzem verboten hat. Zudem erscheint die angebliche Zielzahl, 400.000 Tonnen Benzin im Monat, nicht hoch: Im Sommer, wenn die Reise- und die Erntesaison die Nachfrage in die Höhe treiben, verbraucht das Land etwa 110.000 Tonnen Benzin am Tag.
Schon Ende Juni hatte Reuters geschätzt, Russlands Treibstoffproduktion sei um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen, auf 90.000 Tonnen am Tag. Demnach würden Russland, selbst wenn das Importziel erreicht würde, immer noch 200.000 Tonnen Benzin im Monat fehlen. Und die ukrainischen Angriffe gehen weiter, so in der Nacht auf Donnerstag auf die riesige Lukoil-Raffinerie von Kstowo im Gebiet von Nischni Nowgorod. Dort brach ein Großbrand aus.
Putins Sprecher hat am Dienstag nur geäußert, Russland stehe mit anderen Staaten „in Kontakt“ über die Frage nach möglichen Kraftstoffimporten „zu annehmbaren Preisen“. Die Regierung denkt öffentlich darüber nach, den importierten Treibstoff zu subventionieren, will zudem angeblich die Qualität auf den Euro-2-Standard senken, der 2013 verboten worden war.
