Die Piusbrüder sind kein katholischer Orden. Aber Marcel Lefebvre hat für sie die Bedeutung eines Ordensgründers. Anders lässt sich die zentrale Rolle des 1991 verstorbenen französischen Geistlichen kaum beschreiben, der am 1. November 1970 im Schweizer Freiburg (Fribourg) die „Priesterfraternität vom Heiligen Pius X.“ mithilfe des örtlichen Bischofs aus der Taufe hob. Ihr Name ist Programm: Pius X. (1903 bis 1914) war jener Papst, der 1910 den sogenannten Antimodernisteneid einführte. Bis 1967 mussten ihn alle angehenden katholischen Geistlichen ablegen.
Fünf Jahre vor der Gründung der Piusbrüder war jenes epochale kirchliche Großereignis zu Ende gegangen, das unverändert zwischen ihnen und dem Vatikan sowie der Weltkirche steht: das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965). Mit dieser Versammlung von rund 2500 Bischöfen aus aller Welt beschritt die katholische Kirche das, was man den Weg in die Moderne nennt. Lefebvre lehnte deren Errungenschaften wie säkulare Menschenrechte und Demokratie strikt ab.
Was Lefebvre ablehnte
Maßgeblich dafür war seine biographische Prägung: Der 1905 in der Nähe von Lille geborene Geistliche gehörte zum einflussreichen ultrakonservativen Flügel des Katholizismus in Frankreich. Für diesen war die Moderne gleichbedeutend mit der Französischen Revolution und damit dem Niedergang der katholischen Kirche.
Die andauernde Konfrontation zwischen Staat und Kirche in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts – in Lefebvres Geburtsjahr fällt das Gesetz zur Trennung von Staat und Kirche in Frankreich – bestärkte diese Katholiken darin, in der Moderne das Feindbild schlechthin zu sehen. Lefebvre verglich die Reformen des Konzils oft mit der Französischen Revolution.

Bis heute haben die Piusbrüder in Frankreich ihre größte Anhängerschaft. Etwas mehr als ein Drittel (254) der nach eigenen Angaben 733 Priester der Bruderschaft sind Franzosen, es folgen mit großem Abstand die US-Amerikaner mit 143 Priestern sowie Deutschland und die Schweiz mit jeweils 51. In Frankreich gibt es zudem bis heute Verbindungen zwischen den Piusbrüdern und der extremen politischen Rechten.
Begonnen hatte Lefebvre als Ordensmann und Missionar. Dreißig Jahre verbrachte er in Afrika, zuletzt als Erzbischof von Dakar, bevor er als Generaloberer des Spiritanerordens am Konzil teilnahm. Hierbei profilierte er sich als Sprecher eines Kreises von rund 250 erzkonservativen Konzilsteilnehmern. Zunächst akzeptierte Lefebvre alle Verlautbarungen des Konzils.
Später waren es vor allem die Aussagen zu drei Themenkomplexen dieser Bischofsversammlung, die er offen ablehnte: Das Konzil hatte erstmals das Recht auf Religionsfreiheit anerkannt. Es gestand erstmals zu, dass niemand gezwungen werden dürfe, in religiösen Belangen gegen sein Gewissen zu handeln. Damit rückte die Kirche auch von ihrer Position ab, dass der Katholizismus wenn möglich Staatsreligion sein müsse. Für Lefebvre war das eine nicht hinnehmbare Relativierung des Wahrheitsanspruchs der katholischen Kirche.
Das galt auch für die Aussagen des Konzils mit Blick auf die anderen christlichen Kirchen und andere Religionen. Es erkannte an, dass auch die anderen Kirchen „Mittel des Heils“ seien und die Kirche nichts von dem ablehne, was anderen Religionen „wahr und heilig“ sei.
Nicht mittragen wollte Lefebvre zudem die Neujustierung im Verhältnis von Papst und Bischöfen. Das Erste Vatikanische Konzil hatte 1870 die päpstliche Stellung beträchtlich gestärkt, indem es ihm in bestimmten Fällen Unfehlbarkeit sowie den Jurisdiktionsprimat zugesprochen hatte, also die Vollmacht, in allen kirchlichen Belangen die letzte Entscheidung zu fällen.
Das Zweite Vatikanische Konzil bemühte sich, dem behutsam entgegenzusteuern. Es akzentuierte die Bedeutung des Bischofskollegiums stärker, dem auch der Papst als Bischof von Rom angehört, ohne die vom Ersten Vatikanischen Konzil definierte Vorrangstellung des Papstes infrage zu stellen.
Wie der Konflikt eskalierte
Vier Jahre nach Abschluss des Konzils kam das sichtbarste Zeichen der Verweigerung offiziell hinzu: Lefebvre kam der Aufforderung Papst Pauls VI. nicht nach, das neue Messbuch zu verwenden, das auf der Grundlage der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils erarbeitet worden war. Die Piusbrüder feiern ihre Messen weiterhin nach dem alten Ritus, dessen auffälligste Merkmale sind, dass der Priester mit dem Rücken zu den Gottesdienstbesuchern zelebriert und diese nicht am Geschehen beteiligt sind. Lefebvre sah sich im Konflikt mit dem Vatikan stets als Hüter der reinen kirchliche Lehre.
Den Papst war er nur bereit anzuerkennen, soweit dessen Handeln nicht dem widersprach, was Lefebvre als Tradition verstand. „Keine Autorität, selbst nicht die höchste in der Hierarchie, kann uns zwingen, von unserem katholischen Glauben, wie er seit neunzehn Jahrhunderten vom Lehramt der Kirche erklärt und gelehrt wurde, abzurücken, abzuweichen oder denselben abzuschwächen“, schrieb er 1974. Sein erklärtes Ziel war es, die Kirche in dem Zustand zu konservieren, in dem sie sich in seiner Interpretation zum Zeitpunkt des Todes von Pius XII. 1958 befand.
Im Januar 1959 kündigte Johannes XXIII. das Zweite Vatikanische Konzil an. Obwohl Lefebvre schon 1971 ohne Erlaubnis den ersten Priester weihte, ließ ihn der Vatikan mit seinem Priesterseminar zunächst gewähren, das 1971 von Fribourg nach Écône übersiedelte.
Erst 1974 eskalierte der Konflikt, nachdem der Vatikan eine Visitation des Priesterseminars angeordnet hatte. Der wachsende Druck von Bischöfen aus Frankreich und anderen Ländern auf den Vatikan hatte dazu beigetragen. Daraufhin veröffentlichte Lefebvre eine Erklärung, in der er seine Position ausführlicher darlegte. Die Priesterbruderschaft lehne es ab, „dem Rom der neomodernistischen und neoprotestantischen Tendenz zu folgen, die klar im Zweiten Vatikanischen Konzil und nach dem Konzil in allen Reformen, die daraus hervorgingen, zum Durchbruch kam“, heißt es darin.
Was Johannes Paul II. den Piusbrüdern vorwarf
Als Lefebvre 1976 abermals Priester weihte, sich dafür nicht entschuldigte, wie vom Vatikan gefordert, und stattdessen seinerseits Forderungen an Paul VI. formulierte, war die Geduld des Vatikans zu Ende. Der Papst suspendierte Lefebvre, damit war ihm jede Ausübung des priesterlichen Dienstes verboten. Vatikanische Versuche, mit den Piusbrüdern wieder ins Gespräch zu kommen, scheiterten in den folgenden Jahren.
Die nächste Eskalationsstufe hatte einen biologischen Anlass. Angesichts seines fortgeschrittenen Alters fürchtete Lefebvre um den Fortbestand der Piusbrüder. Daher kündigte er 1987 an, Bischöfe zu weihen. Ohne Zustimmung des Papstes zieht dieser Akt anders als die Priesterweihe laut dem Kirchenrecht automatisch die Exkommunikation nach sich. Mit einer Erlaubnis von Papst Johannes Paul II. durfte Lefebvre als suspendierter Bischof aber nicht ohne Zugeständnisse rechnen.
Der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, versuchte Lefebvre in Verhandlungen davon abzubringen, diesen Schritt unerlaubt zu tun – und hätte sein Ziel fast erreicht. Lefebvre hatte seine Unterschrift schon unter eine Vereinbarung gesetzt, zog diese jedoch in letzter Minute zurück. In dieser Vereinbarung, deren Wortlaut von den Piusbrüdern später veröffentlicht wurde, forderte der Vatikan nicht die vorbehaltlose Anerkennung aller Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Er verlangte lediglich Gesprächsbereitschaft über die strittigen Punkte und einen Verzicht auf Polemik. Lefebvre machte offenbar einen Rückzieher, weil die Piusbrüder dem Vatikan nicht trauten. Sie fürchteten, er würde die Bischofsweihen dennoch nicht erlauben. Kurz nach den Weihen am 30. Juni 1988 bestätigte der Vatikan die Exkommunikation Lefebvres sowie der vier von ihm geweihten Bischöfe.
Johannes Paul II. verwies in einem begleitenden Schreiben auf den Grundkonflikt, der bis heute hinter allen inhaltlichen Streitpunkten steht. Das ist die Frage: Was ist Tradition? Lefebvre rechtfertigte seine Ablehnung kirchlicher Neuerungen damit, dass diese einen unerlaubten Bruch mit der Tradition der Kirche darstellten, und diese ist nach seiner Lesart unveränderlich. Zugleich beanspruchte er die Deutungshoheit darüber, was unter dieser Tradition zu verstehen ist.
Der Papst warf Lefebvre und den Piusbrüdern daher einen „unvollständigen und widersprüchlichen Begriff“ von Tradition vor. Dieser berücksichtige den „lebendigen Charakter“ von Tradition nicht. Außerdem könne man nicht der Tradition treu bleiben, wenn man die Bande zum Papst als Nachfolger des Apostels Petrus zerschneide, so Johannes Paul II.
Als Papst Benedikt XVI. unternahm der vormalige Kardinal Ratzinger große Anstrengungen, um eine Einigung mit den Piusbrüdern zu erzielen. So ließ er 2007 Messfeiern im alten Ritus wieder in größerem Umfang zu. Im Januar 2009 hob er schließlich die Exkommunikation der vier 1988 unerlaubt geweihten Bischöfe auf, nachdem diese die Leitungsgewalt des Papstes grundsätzlich anerkannt hatten.
Das führte zur schwersten Krise seines Pontifikats. Denn unter ihnen befand sich auch der Brite Richard Williamson, der im schwedischen Fernsehen den Holocaust geleugnet hatte. Das Interview wurde kurz nach der Aufhebung der Exkommunikation veröffentlicht. Der Apostolische Nuntius in Schweden war jedoch, wie später bekannt wurde, über die Aussagen Williamsons schon vorher informiert worden. Benedikt XVI. versicherte, davon nichts gewusst zu haben. Williamson wurde später von der Piusbruderschaft ausgeschlossen.
Das päpstliche Entgegenkommen hatte allerdings nicht die erhoffte Folge. Einer der neuen Bischöfe äußerte, die Piusbrüder würden ihre Positionen nicht ändern, sie hätten vielmehr die Absicht, „Rom zu bekehren“.
Benedikt XVI. suchte den theologischen Dialog. 2011 legte der Vatikan den Piusbrüdern eine „Lehrmäßige Erklärung“ zur Unterzeichnung vor, deren Wortlaut jedoch nicht veröffentlicht wurde. Aber die Piusbrüder lehnen ab.
Franziskus ging deutlich härter ins Gericht mit den Piusbrüdern als sein Vorgänger. Dessen Amtsführung lehnten die Piusbrüder in vielen Punkten entschieden ab, etwa seine Erlaubnis, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, oder die starke Einschränkung von Messfeiern im alten Ritus. Aber in der seelsorgerischen Praxis kam Franziskus ihnen weiter entgegen als Benedikt XVI. So erlaubte er den Priestern der Piusbrüder 2015, die Beichte abzunehmen, erst für ein Jahr befristet und dann auf Dauer. 2017 erlaubte er ihnen auch, Trauungen vorzunehmen, wenn es der zuständige Ortsbischof erlaubt. Die deutschen Bischöfe erteilten diese Genehmigung nicht.
Im Jahr 2017 erschien eine Einigung mit dem Vatikan so nahe zu sein wie nie zuvor. Der zweite Nachfolger Lefebvres als Generaloberer der Piusbrüder, Bernard Fellay, sagte damals, eine Einigung sei „auf dem Weg“. Es sei nicht nötig abzuwarten, bis die Situation im Inneren der Kirche „absolut zufriedenstellend“ sei. Damals kursierten in Rom bereits konkrete Modelle für eine Wiedereingliederung der Piusbrüder in die Kirche. Im Gespräch war ein kirchenrechtlicher Status, wie ihn das Opus Dei hat, als sogenannte Personalprälatur. Das hätte bedeutet, dass die Priester der Bruderschaft nicht dem Ortbischof unterstehen. Aber Fellay hatte nicht genug Rückhalt unter den Piusbrüdern. Aus der Einigung wurde wieder nichts.
