Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht. Diesen Satz hat Goethe vor gut 200 Jahren gesagt, und bis heute schwirrt er – leicht abgewandelt – im deutschen Sprachraum herum. Es ist unwahrscheinlich, dass Goethe, der Universalgelehrte, speziell an botanisches oder zoologisches Wissen dachte, als er diesen Satz formulierte. Er hatte eher im Sinn, wie Vorwissen und Erfahrungen unsere Sicht auf die Welt prägen. Doch hier soll es nicht darum gehen, welche philosophische Tiefe in diesem Satz liegt, sondern tatsächlich um Wissen über Pflanzen und Wildtiere: Welche Arten erkennen Menschen, wenn sie in die Landschaft schauen?
Genau diese Frage hat sich das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) gestellt – und gleich eine Studie gemacht. Dazu befragten die Wissenschaftler 463 Erwachsene in Ostdeutschland nach ihrem Wissen über ihre Umgebung. Die Forscher wollten erfahren, welche typischen Vogel- und Wildpflanzenarten die Bewohner in einer landwirtschaftlich geprägten Region aus ihrer Umgebung kennen und spontan im Gedächtnis haben.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das Ergebnis, das kürzlich im Fachblatt Journal of Ethnobiology and Ethnomedicine erschien, ist ein Indiz für die Bildungsmisere: Viele junge Erwachsene kennen kaum noch Pflanzen und Vögel, die typisch für Felder und Wiesen sind. Wenn sie in ihre Landschaft blicken, erkennen sie Bäume, Vögel, Büsche und Gras, aber so gut wie keine speziellen Arten. Junge Erwachsene können zwar Spatzen sehr wohl von Krähen unterscheiden, sie erkennen Löwenzahn und Gänseblümchen. Mehr aber auch nicht.

Alles in allem nannten die Befragten 165 verschiedene Pflanzen- und 116 Vogelarten. Das klingt viel, doch darunter waren vor allem allgemein bekannte Arten wie Klatschmohn und Brennnessel oder Meisen, Amseln und Störche. Typische Pflanzen und Wildvögel in der Agrarlandschaft kamen den Befragten deutlich seltener in den Sinn. Die große Mehrheit dieser typischen Arten wie Kornblume, Schafgarbe, Kamille oder Star und Feldlerche wurde kaum genannt – oder nur von sehr wenigen Menschen. Für ihre Studie befragten die Wissenschaftler Einwohner aus Delitzsch und Eilenburg, zwei Kleinstädte im Nordwesten Sachsens, die in einer landwirtschaftlich geprägten Region liegen. Damit ist die Studie nicht repräsentativ für das ganze Land.
Und dennoch liefert die Studie ein trauriges Bild: Viele Erwachsene, vor allem die jungen, kennen ihre Landschaft nicht mehr. Die Analyse zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Alter und Artenkenntnis, schreiben die Forscher, mit zunehmendem Alter stieg die Zahl der genannten Pflanzen- und Vogelarten deutlich. Besonders groß waren die Unterschiede zwischen den jüngsten und den mittleren Altersgruppen.
Die Forschenden beklagen daher einen schleichenden Verlust von Wissen über die biologische Vielfalt der eigenen Umgebung. Die Studie zeigt, welche Arten im kulturellen Gedächtnis einer Region verankert sind – und welche im Laufe der Zeit vergessen werden. Hinzu kommt: Der Verlust der biologischen Vielfalt hat es als Thema in einer Welt der Kriege und Krisen ohnehin schwer. Es gibt Wichtigeres als Viecher und Grünzeug. Doch das ist ein Problem: Denn wer nichts mehr sieht und nichts mehr kennt, kann es auch nicht mehr vermissen. Und hält es am Ende nicht für schützenswert. Goethe hatte mal wieder recht.
